Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 84 (23.10.1893)
- Date
- 1893-10-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448393--37311-2485369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1602 „Mein Herr!" sagte er langsam, „ich weiß nicht, was Sie unter betrügen verstehen, aber ich versichere Ihnen, trotz dieser Betrügereien bin ich doch ein ehrlicher Mann geblieben . . . Man darf kein allgemein gültiges Gesetz, und sei es noch so schlecht, umgehen, wohl aber ein dummes Gesetz, ein Ausnahmegesetz, wenn man eben nicht im Stande ist, es umzustoßen . . . Verachtet denn Jemand die Nihilisten darum, weil sie das Nthilisten-Gesetz nicht beachten? Man betrügt doch nur die Polizei, und in Rußland ist ja die Polizei etwas ganz Besonderes, und die ganze Welt ist gerade das Gegentheil davon. Daß ich nur zweimal ertappt" wurde, ist kein Wunder. Wenn ein Spion im feindlichen Lager sich so vorsichtig verhielte, wie ein Jude in Kiew, so könnte man ihn nie ertappen . . . Keine Nacht ruhig schlafen, beim kleinsten Geräusch aufpassen, vom besten Essen aufspringen, vor jedem betrunkenen „Eingeborenen" sich verstecken, und, das schrecklichste, die unabzahlbare Schuld, das Polizei- Personal, vom Ersten bis zum Letzten — ein unaufhörsam saugender Blutegel! Denken Sie sich den Judenhaß, den diese Leute schon mit der Muttermilch einsaugen, und stellen Sie sich dann unsere Lage vor, wenn wirihnenvonStaatswegen völlig preisgegeben sind." „Aber wenn Sie diese Leute bestochen haben, wie kommt es, daß sie Sie doch „ausfischen?" „Das thun sie auch nicht", erwiedeite er, „ich bin von der „großen" Oblawa aufgcfischt worden. Der General-Gouverneur kennt das Treiben seiner Beamten, er weiß sehr gut, daß jedes Revier mit „seinen" Juden auf die eine oder die andere Weise auszukommen sucht. Er hat daher verordnet, daß einmal in der Woche, gewöhnlich Freitag Abends, wo alle Juden zu Hause zu sein pflegen, sog. große Oblawa's mit einer größeren Gefolgschaft von Schutzleuten veranstaltet werden, die in jedem Polizei-Revier von einem fremden Poltzei-Lieutenantvorgenommen werden sollen. Erfährt der betreffende Lieutenant rechtzeitig, wann und wo er seine Oblawa ausführen wird, so benachrichtigt er seinen College« in dem ihm zugefallenen Revier, und dieser alarmtrt dann seine „Klienten", die ihre Maßregeln ergreifen, welche die Polizei allerdings, durch langjährige Praxis, schon genau kennt. Sehr häufig hat aber das Revier selbst keine Ahnung von der großen Oblawa und dann ergeht es besonders schlimm, aber, halt! Da kommt's . . ." „Was denn?" Mein Begleiter antwortete nicht. Im Nu wurde er verändert; sein ganzer Körper zitterte, er zog sich zusammen als wollte er vom Erdboden verschwinden; er sah sich ängstlich nach allen Setten um: ein Königreich für eine Querstraße, oder ein offenes Thor, aber die Häuser hielten fest aneinander zusammen und waren bet der späten Stunde geschlossen. Ich begriff sehr schnell seine Angst: in einigen Minuten kam eine große Oblawa auf uns zu, seitwärts ein schneidiger Offizier, von allen Seiten etwa 10 Schutzleute und inmitten eine Kolonne, von ungefähr 200 Mann, ein seltsames Gemisch von elegant gekleideten jungen Leuten, alten Weibern, kleinen Kindern, sogar Säuglinge bemerkte ich darunter: alles bewegte sich langsam, geräuschlos, die Führer mit der den russischen Beamten eigenen Apathie, die Geführten mit dem Ausdrucke einer zum Schlachthause geführten Heerde. (Schluß siehe in der Beilage.) Woche» - Kalender. Freitag, 27. Oktober, 16. Cheschwan. Sabbat-Anfang in Mainz 4 Uhr 40 Min. (dl. E. Z.) Samstag, 28. Oktober, 18. Cheschwan. n"D3 '30 , N “) n Sabbat-Ausgang in Mainz 5 Uhr 55 Min. (M. E. Z.) Der .Israelit* erscheint wöchentlich zweimal, Montag-und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis der Jahrgangfür Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganz- Ahrig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Kuchhandrl 1« ktfitktn bei E. /• Kteinarker. Leidig, Kohplah 18. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltrnc Prützeile oder deren Rau«. — Oesterreichische Banknoten laut Cours— Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland «rd Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von an die Redaction eingesandte« Maunfcripte« findet nicht statt, «an bittet deshalb sich von allen Einsendungen eine Kopie znrückznbehalte«. Inhalt iHa«ptbtatt> r Leuenoer iUrtttei: Du: Agualwn gegen das Schächten. Von Bezilks-Rabbtner Dr. Chrmann in Baden (Schweiz). — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Gailingen a. Rh. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Rußland. — Italien: Rom. — Türkei: Konstantinopel. — Vermischtes. — Feuilleton: Eine Nacht in Kiew. Von I. Sänger, Berlin. Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Sidney Whitman über die Juden. — Literarische Notiz. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Neuwied. — England: London. — Feuilleton: Eine Nacht in Kiew. Von I. Sänger, Berlin. Inhalt der Extra-Beilage: Spendenverzeichnisse. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition deS „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.