Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 84 (23.10.1893)
- Date
- 1893-10-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1601 „Ganzeinfach: sie wo h rren mtt der Polizei." „Was soll daß heißen?" „Ja, sehen Sie, mein Herr", begann er im Mentor-Tone: „das Gesetz verbietet den Juden in Kiew zu wohnen, ebenso, wie in 9/10 des ganzen Reiches, es verbietet es aber auch nicht. Was ist denn ein Gesetz? Ein unbeschriebenes Blatt Papier, welches aus Petersburg jedem Gouverneur, jedem Jsprawnik (Landrath), jedem Pristaw (Polizei- Hauptmann) zugesandt wird, und ein Jeder von ihnen kann auf dies Blatt schreiben, was ihm beliebt, nicht wahr?" Diese Anffassnng der russischen Staatsweisheit gefiel mir bei meinem Begleiter. Mein Lächeln faßte er als Zustimmung auf und fuhr fort: „Mennes nun im Gesetze hieße: „dieJuden dürfen dort und dort nicht wohnen," so ließe sich auf ein solch trockenes Blatt Nichts schreiben. Die Negierung wird sich aber hüten solche Gesetze zu erlassen. Denn, erstens, weiß sie, daß ohne die Juden Kiew, z. B. wie Tausende von anderen Städten, in commerzieller Hinsicht nicht ein Viertel von dem wäre, was es jetzt ist und, zweitens, muß Rußland eine sehr starke Polizei haben. Bei uns ist ja Alles Polizei. Die Polizisten haben die größte Macht, werden aber am schlechtesten bezahlt, denn, sagt sich die Regierung, ein hungriger Hund wird desto besser auf der Hut sein und wird keine Fliege unnütz vorbeilassen. Die Juden sind aber für die Polizei keine Fliege, sondern ein fettes Thier, eine unerschöpfliche Quelle von Geld, Geld undnochmals Geld," rief er schmerzlich aus, wahrscheinlich sich erinnernd, wieviel die Polizisten ihm selbst schon solches abgenommen hatten. „Darum heißt es im Gesetz, es dürfen keine Juden wohnen, aber reiche Juden, welche den höchsten kaufmännischen Steuersatz bezahlen, und ihre Geschäftsdiener, ferner jüdische Handwerker, jüdische Invaliden, welche zur Zeit Nicolaus beim Militär waren, die dürfen in Kiew und im ganzen Rußland wohnen. Durch solche und ähnliche Lücken werden den Juden die Stadt-Thore geöffnet und der Polizei die Taschen gefüllt. So giebt's denn in Kiew ein Paar hundert Juden, welche wirklich hier wohnen dürfen: Kaufleute ersten Ranges und Handwerker. Die übrigen 4000 Juden sind entweder Commis dieser Kaufleute (einige Hundert auf Jeden), oder sie sind im Besitze von Handwerkerscheinen, die für eine gewisse Summe von jedem Handwerker-Zech ausgestellt werden. Die Polizei weiß sehr gut, daß der betreffende Kaufmann sein eigenes Geschäft betreibt, nicht eine Filiale von einem bekannten Geschäfte, sie weiß, daß der betreffende Glaser oder Schuhmacher in der That Börsenmakler oder gar Schriftsteller ist, aber sie duldet dies nicht nur, sie pflegt diese Betrügereien sorgfältig. Der Krämer und der Glaser werden schon dafür sorgen, mit ihrer Polizet-Abtheilung auf gutem Fuße zu stehen . . . Wie könnte denn sonst ein Polizei-Lieutenant mit seinen 25 Rubel monatlichen Gehalts Pferde, Häuser, ja Güter erwerben? Verstehen Sie jetzt, was es bedeutet, mit der Polizei wohnen?" „Einigermaßen, ja. Aber was sind die Oblawa's?" „Oblawa im modernen Sinne des Wortes bedeutet: eine polizeiliche Juden-Haussuchung. Die Oblawa's werden aus verschiedenen Gründen vorgenommen, hauptsächlich aber aus folgenden: Erstens, muß in Rußland zu jeder Zeit irgend Jemand, sei es eine Person, oder eine ganze Gemeinschaft, besonders stark unterdrückt werden. Die Despotie begnügt sich nicht mit dem Bewußtsein ihrer Macht, diese Macht muß sich äußern, sie muß ihre Opfer haben. Die Polen, die Deutsch-Ruffen wissen auch schon davon zu erzählen, aber wer eignet sich dazu noch besser als die Juden? Giebt es noch eine bessere, Gelegenheit, dem Pöbel „unsere Stärke" zu zeigen als die Gelegenheit ihm täglich Tausende von Juden vor die Augen zu führen, von Gensdarmen nach dem nächsten Polizeiamte getrieben? Der Pöbel sieht nicht was dort vorgeht, wie der Jude für eine gewisse Wsjatka (Bestechung) wieder entlassen wird, er sieht nur die grenzenlose Macht der Schutzleute, die mit einem Pfiff jeden Passanten anhalten können, um ihn ohne Weiteres nach dem Polizei-Bureau zu führen, und dieser Eindruck wird auch bezweckt . . . Zweitens sind nicht alle russischen Beamten bestechlich, namentlich die höchsten nicht, z. B. die General-Gouverneure. Sie fordern strenge Durchführung der Gesetze. Die unteren Beamten müssen ihre Nothwendtgkeit zeigen, unter Anderem, daß sie eifrig bemüht sind, die Juden auszurotten; es nimmt sich sehr schön aus wenn es im Tages-Rapporte heißt: „So und so viele Juden gestern aufgcfischt und gehörig mit ihnen verfahren." Eine nicht unerhebliche Rolle bei den Oblawa's spielt auch die sehr häufig vorkommende Geldverlegenheit des Polizei-Hauptmannes oder Lieutenants: er hat gestern sein ganzes Geld verspielt, oder will erst heute spielen, es fehlt an Geld. Nichts ist einfacher: 2 Schutzleute als Gefolge, ein kleiner Spaziergang im Ploffkt-Utschastok (Kiewer Judenviertel) wird vorgenommen, und das Nöthige ist aufgetrieben." „Unter solchen Umständen begreife ich absolut nicht, wie Sie hier leben," sagte ich. „Ich lebe hier schon 18 Jahre . . ." „Achtzehn Jahre lang betrügen!" rief ich unwillkürlich: „und nur zwei Mal sind Sie ertappt worden?" Mein Begleiter war augenscheinlich betroffen.