Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 84 (23.10.1893)
- Date
- 1893-10-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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lööö verkehr, zu welchem die Juden ein sehr großes Procent liefern, angewiesenen Stadt, wie es Salzburg ist, für Rassenhetze kein Raum sein darf. Lemberg. Der Justizminister hat die Kreisgerichtsadjuncten Dr. Salomon Merz und Hermann Garfein zu Rathsseeretären ernannt und den Ersteren dem Kreisgerichte Tarnow, den Letzteren dem Landesgerichte in Lemberg zugeiheilt. Pari-, 12. Okt. Vergangene Woche war hier eine Deputation aus Jaffy, welche den Grand. Rabbin Zadok Kahn bat, sich für ihre nothleidenden Glaubensgenoffen in Rumänien im Allgemeinen, speziell aber für die neuerdings aus den Dörfern verbannten 130 jüdische Familien bei der Alliance und dem Baron Rothschild zu verwenden. Die Frage des Grand-Rabbin, ob es möglich fei eine neue Colonie für diese 130 Familien zu gründen, wurde mit der Motivirung, daß dies jetzt unmöglich sei, ablehnend beantwortet. Dafür aber ließen die Alliance und Rothschild den Nothleidenden eine beträchtliche Unterstützung zukommen. Feutlleto«. Eine Nacht in Kiew. Von I. Sänger, Berlin. Es war gegen Abend, als ich in Kiew ankam. Gleich beim Ausgange aus dem Bahnhofe umgab mich eine ganze Schaar von Hotel-Dienern in bunten Livreen, mit der stereotypen Einladung: „Bemühen Sie sich zu uns", welches „uns" auf den Kokarden ihrer Mützen zu lesen war. Unter diesen Hotel-Dienern befand sich auch ein einfach gekleideter Mann, ein typischer polnischer Jude mit ausdrucksvollem, äußerst intelligentem Gesicht. Auch er bat mich „in seinen möbliiten Zimmern abzusteigen." Meine Abneigung gegen das Hotel-Wesen und sein einladendes Aeußere bewogen mich, seiner Einladung Folge zu leisten, umsomehr da seine „Zimmer" sich dicht am Bahnhofe befanden; in einigen Minuten erreichten wir seine Wohnung, die einfach, aber sauber möblirt war. Mein Wirth vertrat zugleich den Diener, er that es aber mit einer eigenthümlichen Miene, als thäte er es blos aus Gefälligkeit, Liebenswürdigkeit. Ich merkte an ihm sofort die Leidenschaft, welche allen, „abgekommenen", Leuten, die sich früher in einer besseren Lage befanden, so eigen ist: zu zeigen, daß sie nicht an ihrer Stelle sind. Ich lud ihn ein zu einer Tasse Thee, er willigte dankbar ein und bemühte sich während des Thce-Trinkens mir darzuthun, daß ich mich in ihm nicht geirrt habe. Trotz der vorgerückten Zeit mußte ich noch denselben Abend einen Besuch machen in einer von meiner Wohnung ziemlich entfernten Straße, und nach einigem Zögern, entschloß sich mein Wirth mich dahin zu begleiten. „Wenn wir nur keiner Oblawa begegnen", sagte er, als wir das Haus verließen, leise, wie im Selbstgespräche, aber in so innigem, fast tragischen Tone, daß ich ihn unwillkürlich fragte, was ihm denn fehle. ,/Schon zweimal hat mich die „Oblawa" aufgefischt", antwortete er: „Wenn man mich fitzt zum dritten Male ertappt, so werde ich etappenmäßia nach meiner Geburtsstadt transportirt, und das ist kein Vergnügen: meine Heimath ist weit von hier. Nach Hause wie ein Verbrecher, zu kommen . . . und was soll ich da in dem kleinen Nest anfangen?" „Was ist denn eine Oblawa?" Er sah mich erstaunt an, als wundere er sich, daß ich ein so geläufiges Wort nicht verstände. „Sind sie denn nicht?" . . . „Ich bin zum ersten Mal in Rußland und verstehe viele Ausdrücke nicht." „So! so! Jetzt ist es mir klar", rief er, offenbar sich freuend, daß sein Neugierde auf dem Wege war, befriedigt zu werden und endlich zu erfahren wer ich sei. Es muß bemerkt werden, daß die Neugierde bei den polnischen Juden aä nee plus ultra entwickelt ist. „Nun und giebt's bei Ihnen da (er machte mit der Hand eine Bewegung in der Luft) keine Oblawa's?" „Bei uns fischt man Niemanden auf." „Und Jeder darf wohnen, wo er will, und gehen und stehen und sitzen, wo es ihm beliebt, das heißt: Jeder Jude?" fragte er skeptisch: „keine Oblawa's! Das klingt faßt wie ein Mährchen." „Sie haben mir aber noch nicht gesagt, was eine Oblawa ist." „Ja, das ist nicht so leicht zu erklären, das muß man mit eigenen Augen schauen, es erleben. Oblawa — ist eine Art Klapperjagd in den Step, pen, aber für uns Juden, hat es eine ganz andere Bedeutung. Sie wissen doch, daß die Stadt Kiew eine Heilige Stadt ist. Vor Zeiten war sie die Residenz des Fürstenthums Kiew. In dieser Stadt lebte der Heilige Wladimir, der erste russische Fürst, der sich zum Christenthum bekehrte und auch seine Unterthanen dazu bewog. Auch befindet sich hier das berühmte Kloster, die Netscherskoja Lawra, eine Ptlgerstätte der Orthodoxen. Kurzum die Juden dürfen in Kiew nicht wohnen, obwohl das Gouvernement Kiew im jüdischen Ansiedlungs-Rayon sich befindet." „Und wie wohnen Sie denn hier", fragte ich. Mein Begleiter lachte: Wie ich, armer Teufel, hier wohne? Fragen Sie doch lieber: wie wohnen hier mehr als 40,000 Juden, unter ihnen zahlreiche Besitzer großer Geschäfte, Banquiers, Getreidehändler Makler u. s. w." „Ja, wie?"