Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1893)
- Date
- 1893-10-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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flJPW XXXIV. Jahrgang. Erste ökilage »u M 83 -es „Israelit". Leitender Artikel. Z>ie jüdischen Morstenständker »nd das Schächtverbot in Sachsen. In der Sitzung der Leipziger Handelskammer vom 5. Oktober wurde, wie das „Leipziger Tagebl." berichtet, Seitens des Meßausschusses der Kammer über eine Eingabe der in Leipzig zur Messe weilenden Borstenhändler wegen Aufhebung des im Königreich Sachsen bestehenden Schächtungsverbotes Bericht erstattet. In der betreffenden Eingabe wird gewünscht, daß die Kammer bei der sächsischen Staatsregierung ihre Verwendung dahin eintreten lassen möge, daß das gedachte, seit etwa einem Jahre in Sachsen erlaffene Verbot, gewisse Schlachthiere zu schächten, wieder aufgehoben werde. Die Vertreter weisen in ihrer Vorstellung darauf hin, daß, wenn jenes Verbot aufrecht erhalten werde, sie genöthigt seien, die Leipziger Meffen zu meiden und ihre Geschäfte alsdann in Berlin zu betreiben; sie fügen aber auch die Bemerkung hinzu, daß, wenn dieser Fall eintreten sollte, dann auch die Leipziger Handelshäuser, die sich mit dem Borstengeschäft befaßen, veranlaßt sein würden, nach Berlin überzustedeln. Der Referent des Ausschusses, Herr Herrmann, deffen Initiative die Existenz der Leipziger Borstenmeffen zu danken ist, betonte, dem Ausschüsse sei nichts Anderes übrig geblieben, als vorzuschlagen, die betreffende Eingabe zur Kenntnißnahme an das königliche Ministerium des Innern gelangen zu lassen und hierbei darauf hinzuweisen, daß es sich um die Angehörigen einer Branche handele, deren jährlicher Geschäftsumsatz in Leipzig 20—30 Mill. Mark betrage. Die Handelskammer genehmigte diesen Antrag. DaS Schächtverbot des Königreichs Sachsen ist ein Ausfluß des dortigen Antisemitismus, die Drohung der jüdischen Borstenhändler eine Antwort darauf. In diesem Kampfe handelt es sich zuerst um eine Machtfrage. Da müssen wir offen eingestehen, daß in jedem Falle das Judenthum empfindliche Schlappen davontragen wird. Haben die jüdischen Borstenhändler Mißerfolg, dann triumphirt der Antisemitismus, haben sie Erfolge, dann ist dieser von politischen Consequenzen verderblichster Natur. Die Macht des jüdischen Geldes, bisher nur ein Schlagwort von gefährlicher Prägung, hat dann ihre wirkliche Existenz bewiesen, und zwar auf eine so drastische Weise, daß der Conflikt zwischen Juden und Christen immer tiefer wird. Der Rückschlag wird dann nicht ausbleiben können. Das jüdische Capital» wenn es im Stande ist, Polizeiverordnungen umzustoßen, wird mehr als je zum Angriffspunkt der ärmeren Masse werden müssen, und aus dem kleinen Erfolge, aus der Aufhebung des sächsischen Schächtverbotes wird ein Mißerfolg von einschneidender Bedeutung. Somit ist die Drohung der jüdischen Borstenhändler eine politische Kurzsichtigkeit ersten Ranges, deren Erfolg in jedem Fall verhängnißvoll ist. Durch die ungeheuerliche Agitation der Antisemiten — das zu verkennen, wäre Verblendung — ist das Volk ungemein eindrucksfähig geworden für jede seitens der Juden ausgeübte Handlung. Dieser pathologische Zustand der Volksseele wird nicht durch solche Mittel geheilt, wie es die jüdischen Borstenhändler planen. Gewiß, es steht ihnen frei, Leipzig zu verlassen, wenn sie dort nicht rituell behandeltes Fleisch erlangen können; sie können den Boycott, den die Antisemitenparole „Kauft nicht bei den Juden" in Permanenz erklärt hat, mit einem gleichen Boycott „Kauft nicht bei Antisemiten" beantworten, den Staat und die sächsische Polizei aber vor die Alternative zu stellen: „Entweder ihr hebt das Schächtverbot auf, oder wir bringen Leipzig um einen Jahresumsatz von 20—25 Millionen Mark", eine solche Alternative ist eine Kraftprobe, bei der das Judenthum den Kürzeren ziehen muß. Wir geben auch zu, daß die wüste Agitation der Antisemiten eine Unsumme an Hatz und Verbitterung in den Seelen unserer jüdischen Mitbürger aufgeftapelt hat, die sich in solcher Weise Lust zu machen sucht, aber wir sehen in diesem Vorgehen keinen ideellen Gewinn für das Judenthum, sondern nur den Anstoß zu neuen, ungleich heftigeren Vorstößen des Antisemitismus. Pretzstimme«: Ein „hochgeschätztes" Mitglied des Vereins z. Abwehr deS Antisemitismus schreibt zu dieser Angelegenheit das Folgende, der darin vertretene Standpunkt weicht aber vom Standpunkt der Red. der „Mittheilungen" wie dieselben bemerken, ab. Die Petition der jüdischen Borstenhändler hat zu einem Sturm im antisemitischen Lager (auch in nichtantisemitischen Kreisen. D. Red.) geführt. In dieser sittlichen Entrüstung, steckt allerdings nicht sittliches Empfinden, sondern ein kluger geschäftlicher Instinkt. Wenn die Borstenhändler borstig geworden sind und bleiben, so bringen sie die Leipziger Antisemiten in Verlegenheit, die dann nicht, wie bisher, das Geschäft und das Vergnügen des antisemitischen Sports vereinigen könnten. Das böse Beispiel könnte ansteckend wirken. Die Juden könnten es sich zum Beispiel beifallen lassen, in den antisemitischen Blättern nicht mehr zu inseriren. Das wäre diesen natürlich nicht angenehm, wollte doch selbst Bachler, der Redacteur der „Staatsbürgerzeitung"^ auf die jüdischen Inserate nicht verzichten. *) Jedenfalls durften bei dem heutigen Stand der Frage die Juden die subjective Ueberzeugung haben, daß ihre Schlachtart nicht nur rituell geboten, sondern auch die beste sei. Liegt kein Grund vor, den Juden das Schächten zu verbieten, so ist es allerdings noch eine andere Frage, ob den Juden erlaubt sei, die Aufhebung des Schächtverbots zur Bedingung des Meßbesuchs zu machen. Ist ein solcher Boycott erlaubt? Ist es wirklich ein Auswuchs jüdischer Unverfrorenheit? Zunächst ist es klar, daß gerade die Antisemiten am wenigsten berechtigt wären, sich über einen derartigen Boycott aufzuhalten. Wie enden fast alle antisemitischen Flugblätter? Mit dem ethischen Schlußworte: „Kauft nicht bei Juden", neuerdings auch häufig: „Kauft nicht bet Judengenoffen". Für unser Urtheil ist aber die Sache selbst entscheidend und nicht das, was die Antisemiten in ähnlichen Fällen thun oder denken. — Der Sachverhalt ist nun folgender: Die Juden haben sich Jahrzehnte beschimpfen lassen, ohne dagegen Stellung zu nehmen. Hier hat man aber zum ersten Male versucht, in die Uebung ihrer religiösen Gebräuche einzugreifen. Erst hier beginnt ihr Widerstand. Das ist nicht Angriff, sondern Abwehr, keine Herrschsucht, sondern ein Kampf für Gewissensfreiheit. Vielleicht wäre es von den Borstenhändlern richtiger gewesen, keine derartige CabinetSfrage zu stellen, sondern einfach fortzubleiben?) Finden 1) Vergleiche unseren heutigen Leitartikel. Red. d. JSr. 2) Wie die Juden es heute machen, machen sie es nicht Recht, aber nicht nur den Antisemiten, auch den Judenfreunden und — den Juden selbst. Das zeigt der Fall der Borstenhändler sehr deutlich. Zweimal jährlich auf einige Wochen nach Leipzig zu gehend und entweder kein Fleisch oder