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Der Israelit · 1893-10-19 · Heft 83 (19.10.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 83 (19.10.1893)
Date
1893-10-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1569 deutlich durch die leichte Gardine, hatte so etwas Verlockendes, so etwas Anheimelndes für mich, daß ich ihm nicht zu widerstehen vermochte und fast gegen meinen Willen näher trat. Dazu kam noch" — wieder das halb verlegene Lachen — „daß Frau Amtsrichter Fräulein Martha heute vergebens erwartete, und ich — wir Ihretwegen in Sorge waren. Der gestrige Abend ist Ihnen doch gut bekommen, Fräulein Friedheim?" Er war zu ihr getreten und bot ihr die lHand, in die sie ihre kalten, zitternden Finger legt. „Ich danke, Herr Assessor, ich befinde mich wohl. Aber wollen Sie nicht Platz nehmen?" Er folgte ihrer Aufforderung, sprang aber sofort auf, als Dore erschien, eine dampfende Schüssel auf einer Tablette vor sich tragend. „Ich störe die Damen beim Abendessen. Gestatten Sie, daß —", Tante Golde unterbrach ihn. Es war ihr keineswegs recht, den Assessor plötzlich so hereingeschneit zu sehen, aber er sollte doch nicht glauben, daß die Finkelsteinen nicht weiß, was sich gebührt. So sagte Sie denn höflich: „Sie werden doch nicht schon wieder gehen wollen, Herr Assessor. Wenn Sie uns die Ehre geben wollen bei uns zu essen, werd' ich mir sehr freuen." Er blickte Martha an, in deren Augen ihr unbewußt eine versteckte Bitte lag, und schritt dann rasch dem Stuhle zu, auf den Tante Golde wies. „Sie sehen, Frau Finkelftein, ich bin ein aufdringlicher Geselle, den man nicht vergebens nöthigen darf. Aber, wie gesagt, dieses Zimmer mit feinem festlichen Tisch, den silbernen Leuchtern, bem Sabbatkuchen und, nicht zum wenigsten, — der Fischschüssel, — natürlich gefüllte Hecht, oder irre ich mich, Frau Finkelftein? — hat etwas überaus Anheimelndes für mich, erweckt so unvergeßliche Erinnerungen in mir, daß es mir, abgesehen von allem andern, schwer würde es jetzt bereits wieder zu verlassen." Martha hob den gesenkten Blick und sah den Sprecher mit großen Augen, in denen es wie die Ahnung eines ungeheuren Glückes dämmerte, an. „Wie meinen Sie das, Herr Assessor?,, fragte sie mit bebender Stimme. „Von welchen Erinnerungen sprechen Sie? Haben Sie Verkehr in jüdischen Häusern gehabt?"j „Verkehr?" Jetzt sah Herr Assessor Schulz die Sprechende erstaunt an. „Aber natürlich, den intimsten; mit meinen Eltern!" Er sah den Glücksstrahl, der aus den Augen des Mädchens brach, ihr glühendes Erröthen, das Wonnebeben, das durch ihren schlanken Körper ging, uud mit einem Male wurde ihm alles klar, was ihm bisher dunkel erschienen. „Mit Ihren Eltern?" Martha hatte das leise, zaghaft gefragt, und er fuhr fort, wie in ausbrechendem Jubel: „Ja, Fräulein Martha, und Sie scheinen davon überrascht zu sein, es gar nicht zu wissen, daß ich Ihr Glaubensgenosse bin." Er lachte hell auf, nicht anders wie ein übermüthiger Knabe. „Ist das nicht wirklich wunderbar? Da sind wir seit 3 Wochen, wer weiß wie oft, zusammen, sprechen über alles Mögliche, nur nicht über das Nächstliegende. Auch Freund Herold und seine Gattin haben Ihnen nie gesagt, daß ich Jude bin?" Sie schüttelte den Kopf! „Nein, und wenn es geschehen wäre, hätte ich vielleicht an einen Scherz geglaubt. Ihr Aussehen und Ihr Name. —" „Beides täuscht", vollendete er lächelnd. „Meine verstorbenen Eltern waren Juden, ich bin als solcher geboren und erzogen und dem Allgütigen sei Dank, ich bin heute noch ein ebenso strenggläubiger Jude, wie zur Zeit, als ich in die Welt htnauswanderte und meinem Vater, sein S'chus soll uns beistehen, den Handschlag gab, stets treu zur Religion unserer Väter zu halten. Meine Mutter war die Tochter eines bedeutenden Rabbiners. Mein Vater — meine Eltern lebten in Frankfurt am Main, Vater hatte dort einen angesehenen Namen als Kaufmann — folgte ihr in den Tod, als ich ein junger, kaum flügge gewordener Student war, und von der Zeit an habe ich freilich selten genug den Frieden eines Sabbatabends im Familienkreise auf mich einwirken lasten können. Einsam machte ich fast immer mein Kiddusch, einsam mein Abdalah." „Aber in der Synagoge sah man Sie nie," rief Martha, die das Unfaßbare nicht recht glauben konnte, „und wenn ich mich nicht irre, habe ich Sie auch einmal bei Amtsrichters zu Tisch gesehen." „Ich besuchte das Löwenstein'sche Privatminjan, wo ich am Sabbat sogar oft den Thora- Abschnitt vorlas und als Sie mich am Tische des Herrn Amtsrichters trafen, gab es nur Thee und Sardellenbrot." Tante Golde, die sprachlos vor Ueberraschung dabeigesessen, erhob sich, um Dore einen Auftrag zu geben, und in demselben Moment ergriff der junge Mann Martha's Hände und sah ihr tief in die Augen. „Also das war's, Martha, für einen Andersgläubigen und Abgefallenen hieltest Du mich?" Ihre Augen füllten sich langsam in Thränen. „Ja, Ludwig, und ich habe namenlos darunter gelitten!" Er zog sie mit leidenschaftlicher Bewegung an sein klopfendes Herz. „Also liebst Du mich? Willst mein sein?" Sie antwortete ihm nicht, sie hob nur den feuchten Blick zu ihm und mit leisem Jubelruf

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