Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 83 (19.10.1893)
- Date
- 1893-10-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1567 wurde von ganz gewiß unanfechtbarer Seite der allgemein verbreiteten Ansicht entgegengetreten, die Juden eigneten sich ganz und gar nicht zum Ackerbau. Jetzt schreibt man dem „Woschod" aus Simgorodka im Gouvernement Kiew, daß infolge des sehr fühlbaren Mangels an Arbeitshänden in den dort benachbarten Colonten gleichfalls ein Versuch mit Juden als Feldarbeitern gemacht wurde, der entschieden zur Zufriedenheit der Arbeitgeber ausfiel. Es wurden 200 Juden angeworben, und sie leisteten keineswegs Schlechteres als die christlichen Arbeiter. Auch auf dem Gute der Baronin Wrangel war man mit ihnen zufrieden. Daselbst wurde für die jüdischen Arbeiter eine besondere Küche eingerichtet. (Köln. Ztg.) Petersburg, 2. Okt. Vor Jahr und Tag brachten die Londoner „Times" eine Correipondenz aus Petersburg, worin zu lesen stand, daß die seit einem Dccennium in Rußland geübten Judenverfolgungen auf die religiöse Unouldsamkeit der russischen Regierung zurückzuführen seien. Der Gewährsmann des Cityblattes führte zur Bekräftigung seiner Behauptung einige Thatsachen an, die von der religiösen Intoleranz der russischen Machthaber ein unwiderlegliches Zeugniß lieferten. Der Commandant des kaiserlichen Hauptquartiers zu Petersburg, General Richter, sendete an die „Times" eine Berichtigung, in welcher er die Ausführungen des Petersburger Correspondenten des englischen Blattes entschieden dementirte und feierlich versicherte, die russische Regierung habe die Gewissensfreiheit niemals verletzt, denn sie halte die religiösen Neberzeugungen ihrer nichtorthodoxen Unterthanen für unantastbar. Inwiefern das Dementi des russischen Generals, der wahrscheinlich auf höheren Befehl gehandelt hatte, der Wahrheit entsprach, bewiesen die Rechenschaftsberichte des Obeiprocurators des heiligen russischen Synod, Geheimrathes Pobedonos zew, in denen mit Befriedigung erzählt wurde, daß die rechtgläubige Kirche, „dank den energischen Maßnahmen der Regierung", täglich neue Siege über die Andersgläubigen im Reiche feierte. Aber eine noch schlagendere Widerlegung jenes Dementis des russischen Generals ist erst kürzlich von der russischen Regierung selbst geliefert worden. Diese Widerlegung findet in der Thätigkeit der bekannten Plehwe'schen Commission zur „Lösung der jüdischen Frage" ihren kräftigsten Ausdruck. Diese Commission hat in dem von ihr ausgearbeiteten, dem Petersburger Reichsrathe nunmehr unterbreiteten Projccte zur „Lösung der jüdischen Frage" die denkbar schärfste religiöse Intoleranz bekundet. Die Petersburger Reichsrath, der aus den höchsten Würdenträgern des Reiches zusammengesetzt ist, soll über das Project demnächst verhandeln, und von ihm wird es abhängen, ob die Bestrebungen des Popenthums die kaiserliche Sanction erhalten oder verworfen werden. Wenn Kaiser Nicolaus I. die Juden maffenhaft gewaltsam zur Orthodoxie bekehren ließ, so war er wenigstens von dem Wunsche beseelt, die Juden mit der einheimischen Bevölkerung zu assimiliren; wenn man aber am Vorabende des XX. Jahrhunderts ein Project ausarbeitet, welches die Verfolgung von Millionen von Menschen vorschlägt, nur deshalb, weil diese Menschen das Unglück hatten, als Juden geboren zu werden, so erinnert dies nur an die Zeiten Loyola's und Torquemada's, in denen tausende von Juden im Namen der christlichen Liebe dem Scheiterhaufen übergeben worden waren. Denn wie anders soll man das Projekt der Plehwe'schen Judencommission bezeichnen, wenn wir aus demselben erfahren, daß das Bekenntniß zur mosaischen Lehre die Mitglieder der Commission bestimmte, eine ganze Reihe neuer Beschränkungen und Ausnahmsgesetze gegen die betreffenden Staatsangehörigen ins Leben zu rufen? Aus zuverlässiger Quelle wird ja versichert, daß die famose Commission bei der Schaffung ihres Projectes „den Geist der hebräischen Lehre" im Auge behielt. Und demgemäß hat die Commission auch eine Maßnahme zur Beschränkung des jüdischen Unterrichtes und für Abschaffung der jüdischen Privatlehrer vorgeschlagen, ohne jedoch den Juden zu gestatten, die Staatsschulen wie zur Zeit Kaiser Alexanders II. zu besuchen. Nebstdem verlautet hier von dem neuen Projecte, daß es die bestehenden Judengesetze für zweckmäßig erklärt, um auf Grundlage derselben „die Stellung der Juden im Reiche zu ordnen." Es ist deshalb schon jetzt vollkommen begreiflich, was die Juden von dem Projecte zu erwarten haben, welches nach achtjähriger Thätigkeit und Prüfung entstanden ist. Daß der Geist der religiösen Unduldsamkeit, wie er aus dem Projecte dieser Commission spricht, in Rußland die Oberhand immer mehr gewinnt, erhellt auch deutlich aus der Geschichte der jüdischen Synagoge in Petersburg, die demnächst eröffnet worden soll. Die jüdische Cultusgemeinde in Petersburg hat unter Alexander II. die Erlaubniß zum Baue eines Gotteshauses erhalten. Die damaligen Stadthauptleute von Petersburg, Trepow und Zurow, haben die Pläne der Synagoge genehmigt und alle diesbezüglichen Wünsche der Gemeinde in entgegenkommendster Weise erfüllt. Das jüdische Gotteshaus war bereits fertig, da begann die Aera der Judenverfolgungen. Der Stadthauptmann von Petersburg, General Greffer, gestattete auf Betreiben der Petersburger Geistlichkeit die Eröffnung des neuerbauten Tempels nicht, weil — die Kuppel desselben derjenigen der Jsaackirche