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Der Israelit · 1893-10-16 · Heft 82 (16.10.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 82 (16.10.1893)
Date
1893-10-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1548 legt dem Beobachter diesen Zusammenhang in ganz unabweisbarer Weise nahe. Unser Jahrhundert hat die Schranken abgetragen, die den jüdischen M ens chen von dem nichtjüdischen schieden durch Anerkennung der Menschenrechte. Es hat die Schranken abgetragen, die den jüdischen Bürger von dem nichtjüdischen schieden, indem es die Emancipation der Juden aussprach. Es hat seinen jüdischen Kindern die freie Entfaltung ihrer Jahrhunderte lang eingedämmten Geisteskräfte gestattet, es hat ihnen alle Wege des Erwerbs, es hat ihnen die Hallen der Wissenschaft und Kunst geöffnet und hat im Namen der Gleichheit und Freiheit allen ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses und der Abstammung ihren Antheil an den materiellen und idealen Gütern des Lebens zuerkannt. Aber viele, viele von uns haben über der neuen Zeit, Denjenigen vergessen — vra 'mny — aus dessen Hand sie uns geworden, der uns damit vielleicht nur prüfen wollte, ob wir auch in dieser neuen Zeit der alten, erprobten, tausendjährigen Wahrheit die bisherige Treue bewahren, und wir haben sie nicht bewahrt, wir haben die Probe schlecht bestanden. Viele, viele erblickten in den neuen Errungenschaften den Geist der Zeit als ihren eigentlichen, alleinigen Spender und glaubten sich dem Geiste der Zeit erkenntlich zeigen zu müssen. Hat der Zeitgeist die sozialen und politischen Schranken abgetragen, so glaubten viele nun auch die religiösen fallen lassen zu müssen. Sie glaubten ihr altes Judenthum dem Zeitgeist entsprechend ummodeln zu sollen, haben daher das alte Judenthum als Hemmschuh und Hinderniß in der neuen Zeit erklärt, es ihr Stück für Stück geopfert, bis nichts mehr als ein Rumpf-Judenthum übrig blieb, das sie beschönigend reformirtes, geläutertes Judenthum nannten. Unter den göttlichen Satzungen, welche dieser alle und alles nivelltrenden Gleichmacherei am störendsten im Wege waren, stand die Schechita und die daran sich knüpfenden Spetsegesetze oben an. Durch die neue Freiheit und Freizügigkeit, welche den Befreiten die bisher verschlossene weite Welt eröffneten, war die Beobachtung der Speisegesetze noch schwieriger als früher geworden. Dabei fehlte es nicht an Stimmen außerhalb des Judenthums, welche den Vorwurf, erhoben: „sie essen nicht mit uns und trinken nicht mit uns." Erwägt man dazu die Festigkeit und die selbstlose, fortgesetzte Hingebung, welche gerade die gewissenhafte Beobachtung dieser Vorschriften erfordert und daß es eben diese Tugenden waren, die unter dem Regime der neuer Aera am meisten gelitten hatten, so wird man den weitschtchtigen Abfall, wie er sich eben nach dieser Seite vollzog, erklärlich finden. Um dem Zeitgeist gerecht zu werden, setzte man sich zunächst auf Reisen, also im direkten unmittelbaren Verkehr mit der außerjüdischen Welt über die Satzungen von nao und nsn» hinweg. Man fand bald heraus, daß sich auf dieseL.Weise viel leichter, billiger und angenehmer leben lasse, als unter dem heiligen Regime des alten, jüdischen Männerberufs, welcher verlangt: n&iü mtjo "neoi irnn wi? vjw und hatte dabei noch das Bewußtsein „auf der Höhe der Zeit zu stehen", wie man das damals nannte, wenn man skrupellos alles aß und trank, was einem vorkam. Im Hause herrschte ursprünglich noch das jüdische Speisegesetz, dort störte es weniger. Aber man sah bald ein, daß was aus der Reise recht ist, zu Hause billig sei und das Kaschrus des Hauses verfiel ebenfalls dem Moloch der Zeit, der unersättlich seine Opfer verlangte und erhielt. Waren aber den einzelnen Individuen und den jüdischen Häusern das itto und nsnö gleichgiltig geworden, so konnte dies auf die Jnstitutiou nicht ohne Einfluß bleiben, die für die Möglichkeit des jüdischen Lebens nach den Anforderungen des Religionsgesetzes eigentlich gegründet worden war — auf die jüdische Gemeinde. Wie ihre einzelnen Mitglieder, folgten auch die Führer dem Zuge der Zeit, ja sie gingen ihnen darin in den meisten Fällen voran. Sie schufen Synagogen und richteten sie kirchlich ein, inftallirten deutsche Gebete und christliche Kircheninstrummente, traten in Talar und Barett auf, ganz wie christliche Geistliche, so daß Fälle vorgekommen sind, in welchen sich letztere über diese Nachahmung beim Gericht beschwerten. Man legte den Schwerpunkt in den sogenannten Gottesdienst und auf das damit verbundene Gepränge, Chöre, Orgelbegleitung, christlichen Mustern nachgeahmte Predigten, kurz auf Dinge, die mit jedem Zug bekunden sollten — man trägt der Zeit Rechnung. So lautete die Parole des Tages. — Die specifisch - jüd. Gemeindeinstitutionen mußten bet diesem Streberthum leer ausgehen, und glücklich, wenn sie nur leer ausgingen und nicht gewaltsam unterdrücktwurden. Zu diesen Institutionen, die man weiter vegetiren ließ, zählt die Schechita und Bedika. In einer großen Gemeinde am Rhein hatten die radikalen. fortgeschrittenen Elemente, welche das Heft der Gemeindeverwaltung in Händen hatten, den alten ehrwürdigen Rabbiner, der den tollen Freiheitsrausch nicht mitmachen wollte, den „Lungenbesichtiger" genannt, um damit ihrer Geringschätzung für die Schechitainstitution Ausdruck zu geben. In vielen anderen großen Gemeinden stand es nicht besser, vielleicht noch schlimmer. Man ließ die Schechita verkümmern, hob sie nirgends auf, man ignortrte sie, man ließ es gehen, wie es eben ging.

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