Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 82 (16.10.1893)
- Date
- 1893-10-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXJTV. Iahrgaug. M 8». Der Israelit. Ein Kenlrak-Hrgan für das orthodoxe Zudentyum. Begründet v»n Dr. Lehman« t« Mai«-. Montag, de« 1«. Oktober S«S4 (L8SS). Leitender Artikel. Die Agitation gegen das Schächten. Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrmau« in Baden (Schweiz). I. Die Agitation gegen das Schächten, wie sie sich an vielen Orten geltend macht, ist eine merkwürdige Erscheinung, d. h. eine solche, die würdig ist, daß man auf sie merkt und über sie nachdenkt. Das geschieht leider nicht in dem Maße, wie sie es verdient. Man sieht sie als eine der vielen Ausgeburten des Judenhasses an und mit dieser Anschauung legt man sie zu den Dingen, die man nicht ändern kann und welchen man daher ihren Lauf läßt. In Wirklichkeit ließe sich aber vieles ändern, das einmal da ist und noch mehr verhüten, das noch in der Ferne liegt. Zu diesem Zwecke scheint es geboten, die Calamität einmal in ihrer ganzen Eigenart, Entstehung und Tragweite sich zu vergegenwärtigen. Man kann ja keine Krankheit ohne Kenntniß der Quellen, aus welchen sie fließt, heilen und man wird auch diesem Nebel nur mit Erfolg entgegentreten können, wenn man es an der Wurzel packt. Es treten uns nun bei eingehender Untersuchung dieser ganzen Calamität zwei Momente entgegen, in welchen die Eigenart der ganzen gegen die Schechita gerichteten Agitation zum Ausdruck kommt. In der fast zweitausendjährigen Zerstreuung unseres Volkes ist es wiederholt vorgekommen, daß uns die Ausübung bestimmter Gottesgebote von der Unduldsamkeit unserer Umgebung verboten wurde. Wir wissen, daß es Zeiten gab, in welchen auf Heilighaltung des Sabbat die Todesstrafe stand. Dasselbe war der Fall bei Mila, dem öffentlichen Gebet, der Beschäftigung mit der Thora und vielen anderen. Daß Mtzwas Schechita uns erschwert oder gar unmöglich gemacht wurde, ist — soweit unsere Kunde reicht — noch niemals vorgekommen. Ein solches Verbot zu erlaffen, blieb unserer Zeit Vorbehalten, derselben Zeit, die uns die lange Jahrhunderte vorenthaltene Menschenrechte zuerkannte und uns die bürgerliche Emancipation in fast allen culttvtrten Ländern der Erde brachte. Sollte zwischen diesen beiden unserer Zeit etgenthümltchen Momenten nicht ein innerer Zusammenhang bestehen? Daß man hundert Jahre nach Proklamirung der Menschenrechte den jüdischen Menschen gegenüber Thierrechte gellend macht und diese höher stellt als jene, iss jedenfalls ein Umstand. welchen der ganzen Calamität auch einen besonderen Stachel verleiht. Doch das ist nur ein ganz äußerer, zufälliger Umstand, der deshalb außer Betracht kommt. Auch diejenigen, welche den Vorwand des Thierschutzes ins Feld führen, sind von der Fadenscheintgkeit dieses Mäntelchens überzeugt, mit welchem sie ihren Judenhaß zu verhüllen für gut finden. Wenn man in früheren Jahrhunderten Sabbat und Mila verbot, so wird man dafür auch einen Vorwand gefunden haben, in der Hemmung des allgemeinen Verkehrs, welchen der jüdische Ruhetag, in der Gefährdung des leiblichen Wohls, welche Mila zur Folge hat. Aber es hat niemals Jemand geglaubt, daß es in Wahrheit diese Erwägungen waren, aus welchen jene Verbote erfolgten. Man hat daher diese Verbrämungen und Schönfärbereien im Laufe der Jahrhunderte vergessen, wie sie auch bet dem Schacht- Verbot tatsächlich ganz zurücktreten. Man braucht sich nicht an diese äußere Decoration des Schächtverbots zu halten, wenn man seinen Zusammenhang mit der Zeit, in welcher es allenthalben auftaucht, vergegenwärtigen will. Unsere Zeit mit ihren Errungenschaften und Gebrechen, mit ihren Licht- und Schattenseiten und ihrem Einfluß auf die Förderung und Gefährdung des Judenthums innerhalb der zeitgenössischen Judenheit