Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-10-12 · Heft 81 (12.10.1893) · page 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 81 (12.10.1893)
Date
1893-10-12
Page
– (sequence 27)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448390--37251-2485306
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1545 Da durchblitzt ein reitender Gedanke sein Hirn. Die Wölfe fürchten das Feuer. Hat er nicht Stahl, Feuerstein und Zunder bet sich? Der Gedanke gibt ihm Kraft. Er reißt das Feuerzeug aus der Tasche. Er schlägt es aneinander, daß die Funken stieben. Er hält den glimmenden Zunder den Wölfen entgegen. Aber, o Himmel, sie stören sich nicht daran! Sie eilen auf ihn zu mit wildem Geheul. Die Pferde schnauben heftiger. Schon sind die Wölfe ganz nahe. Deutlich sieht er die schwarzen Gestalten. Ihr Heulen geht ihm durch Mark und Bein. Er zittert wie Espenlaub. Nur ein Heil bleibt noch — die Flucht. Er springt vom Pferde, er eilte auf das einsame Haus zu, die Wölfe hinter ihm her. Sie holen ihn ein, sie stürzen sich auf ihn, er fühlt den heißen Hauch ihres Rachens an seiner Wange — -„Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!"-Ohnmächtig sinkt er in den Schnee. * * * In dem einsamen Haus am Walde ist es lebendig. Sämmtltche Bewohner sind in der Stube versammelt. Sie stehen um eine hölzerne Bank herum, emsig beschäftigt mit nassen Tüchern. Auf der hölzernen Bank liegt ein lebloser Körper. Die dünnen, knabenhaften Arme hängen schlaff herab. Die Wange ist bedeckt von weißleinenen Aufschlägen. Wenn sie erneuert werden, wird eine Bißwunde sichtbar, von der Blut herabtröpfelt. Unter dem Tische, an die weißgeiünchte Wand gedrückt, kauern ängstlich zwei schwarze Hunde. Man bringt Essig herbei und reibt damit die Stirne des Ohnmächtigen. Durch den leblosen Körper geht es wie Schauer. Die Hände bewegen sich. Der Kopf versucht hin und her zu rücken. Die Augenlider öffnen sich. Wolf ist von seiner Ohnmacht erwacht. „Wo sind die Wölfe?" murmelt er. „Wölfe?" Die Umstehenden schauen sich lächelnd an. „Hier sind die Wölfe," sagt der Hausherrendlich, indem er unter den Tisch deutet. Dann wendet er sich an die Hunde. „Finette, Figaro, schlechte Geschöpfe, was habt Ihr gethan?' Die zitternden Bestien möchten sich in ihrem Schuldbewußtsein gern in die Wand hinein verkriechen. „Und meine Pferde?" fragt Wolf voller Schrccken. „Stehen im Stall und fressen." «Ist ketns verloren? Es waren sechs". „Sechs Stück sind es." Wolf athmet erleichtert auf. Wenn ein Pferd abhanden gekommen wäre, nie wieder hätte er sich vor seinem Vater blicken lasten dürfen. Ja, der Vater ist sehr streng. Und eben deshalb auch darf , er nicht länger säumen. Er muß morgen in aller Frühe in Luxemburg sein. Noch hat er sich nicht ganz erholt von der ausgestandenen Angst, deren er sich jetzt im Grunde seines Herzens schämt. Hunde für Wölfe zu halten! Pfui, wie kindisch! Es ist ein Glück, daß Niemand hier ihn kennt. Er wäre sonst für sein Leben lächerlich gemacht. Der Hausherr bringt die Branntweinflasche. Wolf trinkt sich Muth zu für die Weiterreise. „Warum habt Ihr Euer Messer nicht gezogen, junger Mann? „Ich habe kein Messer." „Ihr habt kein Messer und wollt Nachts durch den Wald reiten?" Wolf ist sehr verlegen. „Nun," sagte der Hausherr," „ich bin Euch ein Sühnegeld schuldig dafür, daß meine Hunde Euch gebissen haben. Hier habt Ihr mein Dolchmesser. Und wenn wieder ein Hund Euch anpackt, stoßt es ihm in den Leib!" Damit reichte er Wolf das Messer, der es dankend annahm. Dann wurde seine Wunde frisch verklebt, seine Pferde wurden frisch gezäumt und er ritt von dannen. Als er am Walde ankam, regte es sich abermals wie Angst in seinem Herzen. Da nahm er das Messer, öffnete die Klinge und gewann seine ganze Sicherheit, beim Anblick der blinkenden Waffe wieder. Wie konnte er nur Furcht haben vor diesem stillen Walde, in dem sich's so lauschig reitet? Nichts ist zu hören, als die Tritte der Pferde und das Knacken der Aeste, die von ihnen gestreift werden. Der Mond blinkt durch die schneebedeckten Zweige — nicht mehr ironisch, wie zuvor, sondern zutraulich wie ein alter Freund. Die Sterne zwinkern so beifällig herab, als ob sie sagen wollten: Recht so, Wolf, jetzt bist du ein Mann! und Wolf ist's so behaglich zu Muthe ob seiner Tapferkeit. Wenn ihm jetzt wieder ein Hund in die Quere kommt, o weh seiner! Er soll es büßen! Fast wünscht er es. Nun, sein Wunsch scheint in Erfüllung zu gehen. Eine ganze Weile schon haben die Pferde unruhig geschnaubt. An einer großen Lichtung bleiben sie hartnäckig stehen, trotz der Peitschenhiebe. Zuweilen bäumen sie sich, zuweilen schlagen sie hintenaus. Sollte etwa wieder ein Hund.-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.