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Der Israelit · 1893-10-12 · Heft 81 (12.10.1893) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 81 (12.10.1893)
Date
1893-10-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1529 den glänzenden Scheitel geworfen, als Frau Amtsrichter Herold hastig die Thür geöffnet und mit lauter Stimme ihren Namen gerufen hatte. „Da sind Sie ja, Fräulein Martha, und wenn mich nicht alles täuscht im Begriff zu streiken! Davon wird aber nichts, Kleine, wir werden uns jetzt vorerst ein wenig vergnügen, die Früchte unseres Mähens ernten, und dabei darf doch unsere Diva nicht fehlen." Die lebhafte, elegante Großstädterin umschlang das junge Mädchen vor all den Leuten und küßte es herzhaft auf den Mund. „Sie haben heute bezaubernd gesungen, Martha, besonders das letzte Lied war geradezu unübertrefflich. Mein Gott, ich kenne doch das Lied, gefallen hat es mir immer, aber vorhin, ich versichere Ihnen, hätt' ich mich nicht geschämt, wie ein Schloßhund hätt' ich geheult." Sie gewahrte Frau Finkelftein, die sich in respektvoller Entfernung hielt, trat auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Die Frau Tante, nicht wahr? Meinen Glückwunsch, liebe Frau Finkelstein. zu dem Erfolg Ihrer Nichte! Sie dürfen wirklich stolz sein. Aber, nicht wahr, Fräulein Martha lasten Sie uns noch ein paar Stunden, wir bringen sie Ihnen dann sicher nach Hause." Tante Golde hatte eigentlich auf keinen Fall zugeben wollen, daß ihr Marthchen länger blieb, sie hatte ihre triftigen Gründe dazu, aber die Ehre, die ihr Frau Amtsrichter mit ihren freundlichen Worten anthat, war doch zu groß, alle noch so festen Vorsätze schmolzen daran, wie Butter vor der Sonne. So knixte sie denn nur tief und sagte: „Sie sind sehr freundlich, Frau Kreisrichterin, und ich bedank' mir auch für die Ehr', die Sie dem Kinde anthun." Freilich, als sie begleitet von ihrer Dore, die vorhin, an der Thürspalte des Saales stehend, Ströme von Thränen vergossen, den Heimweg antrat und vor sich Herrn Sally Leßer mit Flora Silberstein im eifrigsten Sprechen und Lachen gewahrte, schämte sie sich ihrer Schwachheit sehr. „Aber", brummte sie zu ihrer Beruhigung vor sich hin, „in Gottes Hand bin ich. Wenn Gott nicht wird wollen, kann sich die Silbersteinen auf'n Kopf stellen und Leßern ihre Flora auf'n Präsentirteller anbieten, er nimmt sie ohßer." In diesem beruhigenden Bewußtsein ging Tante vollends nach Hause und schlief schon längst den Schlaf des Gerechten, als in der lauen, dämmernden Sommernacht ein junges Paar ihrem Häuschen zuwanderte und vor der Hausthür Halt machte. „Schon am Ziel?" fragte der hochgewachsene junge Mann er- 'taunt. Und dann etwas leiser: „Ist Ihnen der Veg heute auch so kurz, so fabelhaft kurz ershienen?" Das Mädchen lachte, doch klang es etgenthümlich gezwungen und gedämpft. „Nicht, daß ich wüßte, Herr Assessor! Ich bin eben Kleinstädterin und an keine große Entfernungen gewöhnt." Er beugte sich tiefer und versuchte in ihre Augen zu sehen. „Sie weichen mir aus, Fräulein Martha, und ich möchte doch so gerne, so sehr gerne meine Frage beantwortet sehen. Es ist eine Schicksalsfrage, Fräulein Martha! Ich —." Er fuhr zusammen und starrte sie erschreckt an. Das junge Gesicht war todtenblaß geworden, unter den langen, dunklen Wimpern drangen schwere Tropfen hervor. „Mein Gott, Martha, was ist Ihnen? Habe ich Sie erschreckt? Sprechen Sie doch!" Und als Martha nicht antwortete, fuhr er flüsternd fort: „Habe ich Dich erschreckt, mein süßes, scheues Lieb, meine holde unberührte Blume? Einmal mußte ich es Dir doch sagen, wie ich Dich liebe, wie ich mir kein Leben mehr ohne Dich denken kann, es einmal von Deinen keuschen Lippen hören, daß Du mein sein willst für immer. Und nicht wahr, Marha, ich werde es hören; ich habe mich nicht getäuscht, Deine Augen haben nicht gelogen, wenn sie mich ahnen ließen, was Dein stolzer Mund auch jetzt noch verschweigt? Aber nun wird er sprechen, wird mir sagen, daß ich der glücklichste Mensch auf Gottes Erde bin, daß Du mein sein willst, mein Alles, meine Braut und bald mein Weib!" Welche innige Töne die weiche Männerstimme hatte. Der gesenkte Kopf des Mädchens hob sich, in die bleichen Wangen schoß das warme Blut; mit einem leisen Jubelruf wollte der Mann das bebende Mädchen in seine Arme schließen, da — was war das? — wich es zurück, starrte ihn wie erwachend an und schlug beide Hände vor's Gesicht. „Ich darf ja nicht, mein Gott, ich darf nicht!" klang es halb erstickt vor Schmerz. Ein fliehender Schritt, dann ging die Thür des kleinen Hauses — der Mann war allein. * * Bei Frau Finkelstein war der Sabbatttsch gedeckt, die Kerzen auf den großen silbernen Leuchtern brannten und unter der braunen Sammetdecke, auf welche Marthas geschickte Finger die Worte des Speisesegens gar zierlich gestickt, schauten dir geflochtenen, mit Mohn bestreuten Stritzel sehr appetitlich hervor. Tante Golde hatte Licht gebenscht und saß nun, bevor die Mahlzeit begann, im Lehnstuhl, Martha, wie in der Kinderzett, auf einem Bänkchen dicht an sie geschmiegt. Beide verhielten sich so still, daß man das Summen einer Fliege, welche mit versenkten Flügeln um das Licht taumelte, vernahm. Das junge Mädchen sah träumend darauf hin, und die alte Frau wiederum betrach-

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