Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 80 (9.10.1893)
- Date
- 1893-10-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Beilage M M 80 des „Israelit". Leitender Artikel. Die Kolonien des Waran Kirsch.'» Von LncienGerbcl. Nachdruck verboten.) (Fortsetzung aus Nr. 69.) An ein gemeinsames Wohnen war, wie wir bereits schon gesagt und begründet haben, nicht zu denken und der Vorschlag Dr. Löwenthals hinderte die Colonisten nicht, an der Ausübung ihrer religiösen Pflichten und es ist doch viel einfacher, den langen Weg zum Rathhaus einmal in der Woche zurückzulegen, als täglich den weiten Weg vom gemeinschaftlichen Wohnort hinaus auf die Getreidefelder; die Frauen baden ja auch nicht täglich und was den Schulbesuch der Kinder anbelangt, so sollen sich eben die Kinder unserer Colonisten von ihrer zartesten Jugend an an's Pferd gewöhnen. Viele Kinder europäischer Colonisten in der Pampa legen täglich mehrere Meilen zu Pferde zurück um die Schule in einem benachbarten Dorfe zu besuchen, in Europa, selbst auch in Deutschland, hat nicht jedes Dorf eine Schule und die kleinen Kinder der Landleute müffen da auch ganz große Strecken zurücklegcn, um die Schule besuchen zu können. Es war nicht möglich die Colonisten zu überzeugen, daß ihre gemeinsame Niederlaffung in einem Dorfe ein Gedeihen ihres Unternehmens ganz unmöglich macht, sie wollten nur die weiten Entfernungen als ein Hinderniß für ihre religiösen und persönlichen Bedürfnisse betrachten und wollten nicht erkennen, daß die weiten Entfernungen immer ein Hinderniß für ihr materielles Fortkommen bleiben werden. Was sie aber, so glauben wir, so ganz und gar von dem Ansiedlungsprojekt Dr. Löwenthals abschreckte, das ist, daß sie in Gruppen von nur 4 Familien zu wohnen vor dem Gaucho fürchteten. Diese Furcht ist aber durchaus keine berechtigte. Wenn es gerade nicht zu den Ungewohnheiten des Gaucho gehört wenn er manchmal in Folge zeitweiser Arbeitslosigkeit in Geldverlegenheit ist und seinen kleinen Vicios nicht fröhnen kann, in der Pampa isolirt stehende Ansiedler zu bestehlen, so wollen wir auch sagen, daß solche Diebstähle in der Regel sich daraus beschränken, eine Kuh oder einen Ochsen zu schlachten, um ihm dann die Haut abzuziehen, für welche er in der nächsten „Pulperia" (Wirthshaus im Camp) leicht einen Käufer findet. Der Gaucho überfällt nie den Ansiedler, er sucht ihn zu bestehlen und seine kleine Raubzüge unternimmt er meist ganz allein. Das „er ist stolz wie der Spanier", welches wir von ihm bereits gesagt haben, ist vielleicht auch darauf zu beziehen, daß er nie mordet, um zu berauben und von seiner Waffe, seinem scharfen Messer *) Neu ein getretene Abonnenten erhalten die Anfänge dieses Aufsatzes aus Verlangen kostenfrei zugestellt. Expedition des „Israelit". nur Gebrauch macht, um sein verletztes Ehrgefühl zu rachen und nie einen wehrlosen Gegner überrumpeln wird. Wer den Gaucho aber beleidigt, dem kann sein Meffer gefährlich werden. Wenn er und sein Pferd die besten Freunde sind so sind er und sein Mcsier unzertrennliche Freunde. Sein 30—40 Centimeter langes Meffer ruht in einer ledernen Scheide und er pflegt es gewöhnlich am Rücken in seinen Gurt zu stecken, so daß Spitze auf der einen Seite, Griff auf der anderen aus seinem Gürtel hervorschaut. Ebenso wie er seinen besten Freund, das Pferd, mit kostbaren Silbergeschirren zu zieren liebt, so bedenkt er, wenn es ihm die Mittel erlauben, auch seinen unzertrennlichen Freund, das Meffer, mit einem silbernen, manchmal ganz werthvoll ciselirten Griff. Mit demselben Meffer spielt der Gaucho den Toreador in der Pampa, mit demselben Meffer rächt er seine gekränkte Ehre und er verwendet dann daffelbe Meffer für seine prosaischsten Bedürfnisse: er tranchirt damit seinen Braten und er gebraucht hernach das Meffer als — Zahnstocher! — Wenn wir uns wieder mit dem Gaucho ausgehalten haben, so geschah das mit der Absicht, dem geneigten Leser die Ungefährlichkeit des Gaucho für die Colonisten zu beweisen. Allerdings ist es vorgekommen, daß in Moisesville, das ist eine russisch-jüdische Colonie in der Provinz Santa F6, welche im Jahre 1890 von dem argentinischen Großgrundbesitzer Palacios als kommerzielles Unternehmen gegründet und die später, Ende 1891, von Dr. Löwenthal für die Jewisch Colonisation Association angekauft wurde, Gauchos Frauen der Colonisten angefallen haben, um sie zu vergewaltigen. Diese Fälle stehen aber sehr vereinzelt da und es kann nicht abgesprochen werden, daß die betreffenden Colonistenfrauen vielleicht scherzhafter Weise, vielleicht mit der Absicht der Sünde die Gauchos zu ihrem Unternehmen erkühnt haben. Wenn auch die Moral bei jüdischen Frauen mindestens ebenso hoch steht, als bei anderen Frauen, wir meinen damit selbstverständlich das Moralitätsgefühl bei Individuen, welche der sogenannten niedrigsten Klaffe angehören, so müffen wir leider vermerken, daß besonders unter den Colonisten in Moisesville viel schlechte Elemente vorhanden waren. Gleich im Anfang unserer Thätigkeit in Mauricio waren auch wir gezwungen, eine jüdische Familie aus der Colonie zu entfernen, weil die älteste Tochter unter Begünstigung ihrer eigenen Eltern Unzucht getrieben. Wir beeilen uns aber zur Ehre der übrigen jüdischen Familien hinzuzufügen, daß die von uns getroffene Maßregel von der ganzen Colonie mit großer Freude ausgenommen wurde. Wir kommen nunmehr darauf zurück, daß die Nähe des Gauchos keine Gefahr für den Colonisten bildet. Der geneigte Leser wnd ja übrigens nach alledem, was wir vom Gaucho gesagt haben, aus hier nebenstehender bildlich angeführter Ansiedelungs-