Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-10-09 · Heft 80 (9.10.1893) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 80 (9.10.1893)
Date
1893-10-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448389--37200-2485254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1514 trag beendet, als der letzte Ton des hinreißend gesungenen Liedes von Lehen: „Frühling" verklungen war, da scherte Herr Ochs sich nicht einen Pfifferling um die andächtige Stille, die im Saale herrschte, schallend schlug er seine langen, dürren Hände ineinander und gab damit das Signal zu einem nicht endenwollenden Beifallssturm. Noch mehrere Male durfte er im Verlauf des Abends so „die Kraft der Fäuste" beweisen, Martha, für jemand anders rührte er selbstverständlich keinen Finger, sang noch ein Duett mit Frau Amtsrichter Herold, wobei sich der klangvolle dunkle Alt der letzteren ihrer hellen Lerchenstimme ganz vorzüglich anpaßte, und zum Schluß des Concertes, nach dem großen Trio von Cello, Geige und Clavier, welches der Postmeister, der Amtsrichter und Frau Landrath sehr gut zu Gehör brachten, eines der reizenden Taubertschen Kinderlieber. Nicht zum eigentlichen Schluß, denn man klatschte so lange und so wüthend Beifall, daß das junge Mädchen, welches bereits im Begriff stand das Podium zu verlassen, erröthend wieder zurücktrat und dem jungen, blonden Herrn, welcher ihren Gesang begleitet hatte und noch am Clavier saß, ein paar Worte zuflüsterte. Zustimmend neigte er den Kopf, ließ die schlanken Finger zu kurzem Vorspiel über die Saiten gleiten, und dann klang wieder die süße Mädchenstimme durch den Saal, jedes Ohr mit seinem Wohlklang gefangen nehmend. „Behüt' Dich Gott, es wär' so schön gewesen, behüt' Dich Gott, es hat nicht sollen sein." Die Worte waren verklungen, doch von dem Beifallsgetöse, das ihrem Liede folgte, vernahm die junge Sängerin nichts. Sie hatte die Noten aus der Hand gelegt und dabei waren ihre Augen, die voll schimmernder Thränen standen, denen des jungen Mannes am Clavier begegnet, und was sie darin las, war wohl geeignet sie unempfindlich gegen die übrige Welt zu machen. Thörichtes junges Herz« Unbegreifliche Macht der Liebe! Fern von dem, der ihr der Herrlichste der Menschen dünkte, der ihre unschuldige, ungewappnete Seele gefangen genommen beim ersten Sehen, sie erfüllte wie die Luft den Raum, das Licht den Taa, sagte sich Martha, daß es Wahnsinn sei ihn zu lieben, sah sie deutlich die breite Kluft, welche sich zwischen ihm und ihr aufthat, eine Kluft, welche nichts, nichts in der Welt überbrücken konnte. War sie aber mit Ludwig Schulz zusammen, suchten seine Augen mit so wunderbarem Ausdruck die ihren, plauderte er so herzlich mit ihr, zeigte ihr so deutlich, daß er sich ihrer Nähe freue; dann war vergessen, daß sie durch Religion, Stand, alles, alles von ihm geschieden, dann war sie eben ein junges Menschenkind, das sich der glücklichen Stunde freute, unbekümmert um das Später. Warum denn auch nicht? Noch ein paar Tage uud er ging fort, fort auf Nimmerwiedersehen! Martha hatte das Gefühl, als müsse sie von der Stunde an frierend und im Dunkeln ihr Leben verbringen — aber vorläufig schien die Sonne ja noch, war es denn da Sünde, sich an ihren Strahlen zu erwärmen, sich des Lichtes zu freuen, so lange sie das eben vermochte? Sie wollte ja nichts weiter, kein Gedanke an ein Auflehnen gegen Gesetze, die ihr heilig und unumstößlich waren, in ihrem Herzen, kaum ein bitteres Fragen an das Schicksal: Warum, weßhalb gerade mir dies? Konnte solch Empfinden wirklich Sünde sein? (Fortsetzung folgt.) Wochen - Kalender. Freitag, 13. Oktober, 3. Cheschwan. Sabbat-Anfang in Mainz 5 Uhr 5 Min. (M. E. Z.) Samstag, 14. Oktober, 4. Cheschwan. nj Sabbat-Ausgang in Mainz 6 Uhr 20 Min. (ML E. Z.) Der „3» »aeltt* erscheint wöchentlich zweimal, Montag-und Donnerstag-, jedesmal in mindestens zwei Bogen, »reis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'» Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel f* drsirhr» bei «. $. Slrtnackrr, -ripsiz, Kvhplah 18. — Inserate 3b Pfennig die dreigespalteue Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut LourS— Direkte Krancozufendrmg unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr-, für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von an die Redactio« eingesandte« Mannscripte« findet nicht statt, «an kittet deshalb sich von allen Einsendungen eine Kopie znrüSznbehatte«. Inhalt (Hanptblatt): Leitender Artikel: Der Stammvater der Semiten. (Zu Paraschath nj.) — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen; Deutschland: Gießen. Berlin. Bruchsal. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Budapest. — Rumänien: Bukarest. — Rußland: Petersburg. Kowno. — Vermischtes. — Feuilleton: Tante Golde. Novelle von R. Litten (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Leitender Artikel: Die Kolonien des Baron Hirsch. Von Lucien Gerbel (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Aus Unterfranken. — Vermischtes. Inhalt der Extra-Beilagen: Spendenverzeichnisse. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottftraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'scheu Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilage«.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.