Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 80 (9.10.1893)
- Date
- 1893-10-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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von Amtsrichters bis hier ist auch keine Tagesreise, und. wenn ich nicht irre, hat Herr Assessor Schulz Fräulein Martha bereits zwei Mal von dort zurückbegleitet. Wenn der Herr denn doch solch' Ausbund von Liebenswürdigkeit ist, muß man sich beeifern ihm nachzustreben. Das ist man sich schon selbst schuldig, faktisch! Empfehle mich den Damen!" Gleich darauf erhob sich auch Frau Finkelstein, um begleitet von Martha, in's Haus zu gehen. Gewöhnlich wurde nun noch um diese Zeit in dem gemeinsamen Schlafzimmer ein Plauderstündchen gehalten — Tante Golde hatte immer viel zu fragen und ihr Pflegekind viel zu berichten — heute ging es schweigsam zwischen den Beiden her; nur ein paar kurze Worte, ehe das Licht verlöscht wurde. Wenn das junge Mädchen aber annahm, die Tante sei heute besonders müde, sollte es sich bald überzeugen. wie gründlich es sich geirrt. Nicht nur, daß heute nicht wie sonst bald laute Schnarchtöne aus der Ecke, wo das Himmelbett mit den blüthenweißen Gardinen stand, ertönten — Tante Golde hatte es zwar schon ihrem Meier olow ha'scholom bestritten, aber sie schnarchte nichtsdestoweniger wie ein Wachtmeister — faktisch! wie Herr Leßer diese betrübende Thatsache festgestcllt haben würde —, nein, nach einer kleinen halben Stunde bewegten sich sogar die Bettgardinen, Tante kam vorsichtig dazwischen hervor, warf sich ein Tuch über und ging zum Fenster, es leise öffnend. Gleich darauf aber schloß sie es wieder und suchte ihr eben verlassenes Lager auf. „Wie ich mir gedacht Hab'", hörte Martha sie seufzen, „er sitzt drüben; die Stimm' von der Silbersteinen soll nischt zu hören sein! Sie meint nebbich, alle Leut sind, Gott soll nischt so hoch strafen, so cheirisch wie sie. Nu, sie wird es Leßern bald genug in die Ohren schreien, was sie ihrer Flora mitgibt. Ich verdenk' es ihr nicht, vier Töchter — kein Gelächter! Aber nützen wird es ihr ohßer, er hat doch blos Augen für Marthche, sie soll mir leben und gesund sein." Sie gähnte, drehte sich schwerfällig aus die andere Sette und murmelte schlaftrunken: „Es ist doch Smß mit dem Assesser, das Kind wird sich nischt verlieben in 'n Goj; Gott wird mir doch nicht zuschicken solch' ein Unglück." Jetzt schnarchte Tante Golde wirklich, aber doch nicht so laut, daß sie das leise Schluchzen übertönte, welches von der anderen Seite des Zimmers klang, dort, wo ein junges Menschenkind den Kopf tief in die weißen Kissen gewühlt hatte, gleich, als wolle es sich so vor dem Schmerz, der doch bereits seine Seele fest umklammert hielt, verbergen. Erst nach geraumer Zeit verstummte das Weinen, ruhige Athemzüge hoben die junge Brust der Schläferin, nur die weichen Lippen zuckten noch leise und flüsterten wie ein Hauch: „Ja, ein Unglück! — Ein Unglück!" Ungefähr eine Woche später herrschte in dem Städtchen eine gewaltige Aufregung. In einem benachbarten Dorfe hatte eine schreckliche Feuersbrunst gewüthet, die Hälfte der Behausungen, zum größeren Theil waren es strohgedeckte Hütten gewesen, war eingeäschert, viele Familien obdach- und brodlos geworden, und aus diesem Anlaß hatte Herr Rektor Dorn in seiner bekannten Menschenfreundlichkeit ein Concert arrangirt, dessen Erlös den Verarmten zu Gute kommen sollte. Ein Concert, noch dazu ein Dilettantenconcert, war an und für sich ein Ereigniß, ein epochemachendes Ereignitz sogar, aber daß Martha Friedheim, der Finkelfteinen ihre Martha mit dabei sein sollte, genau wie der Doktor, der Postmeister, der Amtsrichter mit seiner Frau, Herr von Zitzwitz aus Groß-Damerau, die Frau Bürgermeister und, wenn das Gemunkel sich wirklich bewahrheitete, sogar die Frau Landrath aus der nächsten Kreisstadt, das ging denn doch über alles bisher dagewesene. Der reiche Wolfsberg erklärte es einfach als eine Ehre für die ganze Kille, und Schammes Ochs, nachdem er das gehört, schwur bei seinem und seiner acht Kinder Leben — vor einigen Wochen hatte ihm nämlich sein braves Weib Blümchen wieder mit einem Knöspchen beschenkt — er würde dem Fest beiwohnen und müsse er sich zu dem Zweck das Geld pfennigweise zusammenborgen. Er saß denn auch richtig an dem denkwürdigen Abend im schwarzen Sabbatrock, zwischen dessen langen, sorgfältig auseinandergebreiteten Schößen die weißen Bänder des steifgestärkten Vorhemdchens neugierig in die Welt htnauslugten, mitten im brechend vollen Saale, nahm aber vorerst keinen andern Antheil an den gebotenen Kunstgenüssen, als daß er zur Verwunderung seiner Nachbarn stets lächelnd den Kopf schüttelte, wenn wieder eine Piece beendet war, und das Publikum, ob mit Recht oder Unrecht, in wüthendes Beifallsklatschen ausbrach. Erst als ein schlankes, junges Mädchen mit schlichtgescheiteltem braunen Haar, als einzigen Schmuck ein paar rothe Rosen in dem Gürtel ihres einfachen weißen Wollenkleides, auf dem Podium stand, richtete Herr Ochs seinen für gewöhnlich etwas krummen Rücken gerade, nickte Tante Golde, die ein paar Bänke von ihm entfernt saß, und deren volles rothes Gesicht Aufregung und Hitze noch röther und voller erscheinen ließ wie gewöhnlich, energisch zu, rieb sich die Hände und schoß wahrhaft triumphirende Blicke in's Publikum. Und als die junge Sängerin dann ihren Vor-