Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 80 (9.10.1893)
- Date
- 1893-10-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448389--37198-2485252- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1512 scheint nicht genug überall im deutschen Reiche bekannt zu sein, mögen daher die Zeitungen auf das eindringlichste alle (so. alle jüdischen Emigranten) davor warnen, ihren Weg zur Landesgrenze zu nehmen. > Vermischtes. Berlin, r. Oktober. Der vielgenannte Antisemit S ch wennhag en ist nach seiner kürzlichen Rückkehr nach Berlin sofort in Untersuchungshaft genommen worden, in der er sich bereits seit dem 13. v. Mts. befindet. Seine Beschwerde gegen den Haftbefehl ist als unbegründet zurückgewiesen worden. Dem Verein „Freunde der Taubstummen Jedide Jlmim" in Neu-Weißeusee bei Berlin wurden die Rechte einer juristischen Person verliehen. BreSla«, 23. September. Der hiesigen Synagogen- Gemeinde ist die landesherrliche Genehmigung zur Annahme der Zuwendung ertheilt worden, welche ihr der verstorbene Rentier Herr Julius Bruck im Wege der Erbeinsetzung mit seinem 36—36,000 Mark betragenden reinen Nachlasse behufs Errichtung eines Asyls für unbemittelte erwerbsunfähig gewordene jüdische Lehrerinnen gemacht hat. Frankfurt a. 0, 27. Sept. Ueber schlechte Behandlung eines jüdischen Soldaten wird der „Berl. Ztg." von hier mitgetheilt, daß Offiziere der 9. Kompagnie des dort garnisonirenben Leib-Grenadier-Regiments König Friedrich Wilhelm III. (l. Brandenburgisches Nr. 8) ganz unglaubliche antisemitische Redensarten über einen bei der Kompagnie zu einer achtwöchentlichen Reserveübung eingezogenen ehemaligen Einjahrig-Freiwilligen, einem angesehenem Bereiner Kaufmann, geführt haben. Der Gewährsmann des letztgenannten Blattes (der nebenbei gesagt, der christlichen Religion angehört > berichtet, daß der Sekonde - Lieutenant der 9. Kompagnie v. Renouvard über den jüdischen Kameraden Schimpfworte zu anderen Soldaten, wie: „Der verffuchte Judenjunge, den würde ich die vollen 8 Wochen in den Arrest sperren, wenn ich Strafgewalt hätte" und ähnliche gebraucht hat. Als sich gelegentlich einer Marschübung der bei derselben Kompagnie dienende adelige Avautageur mit diesem jüdis uen Soldaten unterhielt, rief ihn der Lieutenant v. Renouard zu sich mit den Worten: ..Kommen Sie her, das ist keine Nachbarschaft für Sie!" Auch der Hauptmann derselben Kompagnie Zachariae, gebrauchte dem jüdischen Soldaten gegenüber Vedewendungen, wie: „Sie sind wohl mit Ihren Gedanken auf der Börse" und „Gott der Gerächte", uud rief auf diese Weise Zwiespalt zwischen den anderen Kameraden und dem Reservisten hervor. Falls sich diese Angaben durch die Untersuchung, die jedenfalls jetzt eingeleilet werden wird, bestätigen sollten, so wird hoffentlich den Schuldigen mit allem Nachdruck klar gemacht, werden, daß auf dem Exerzierplatz keine antisemitische Versammlungen abgehalten werden dürfen. Erfurt, 4. Olt. Der hiesige Polizei-Inspektor, Lieutenant a. D. Metzler, ist heute wegen öffentlicher Beleidigung des hies. israelitischen Kaufmanns David von dem Schöffengericht zu 10 Mark Geldbuße oder einem Tage Haft verurth.ilt worden. Der Polizei-Inspektor hatte im März d. I. in einem hiesigen Restaurant mit Bezug auf die Tochter Davids eine antisemitische Aeußerung gebraucht. Wien, 1. September. Großfürst Ser ge i hat für die durch die Ueberschwemmung Geschädigten, zumeist Juden 1000 Rubel gespendet. In Rußland (Slonim und anderen kleinen Städten) sind bereits wiederholt Thorarollen gestohlen, nach Amerika geschickt und dort verkauft worden, insolgedeffen die Rabbiner in Amerika beschlossen haben, nur von befugten Thorarollenschreibern die Thorarollen demnächst zu erwerben. Feuilleton. Tante Golde, h* WotoeUe von R. Litte«. (Fortsetzung.) Dem Angeredeten schien diese Ablenkung nicht unwillkommen zu sein, wenigstens antwortete er lebhaft: „Mein Bruder Eugen? Ausgezeichnet; er ist sehr zufrieden! Seit er den lgroßen Prozeß gewonnen. — Sie wissen, die Geschichte mit der Feuerversicherungsgesellschaft — hat der Mensch ein Vertrauen — kolossal." Er kniff das linke Auge zu und blinzelte mit dem rechten seine alte Freundin schalkhaft an. „Natürlich ist das auch den Herren Schadchonim nicht verborgen geblieben, die Post machen sie reich, faktisch. Nur so braucht mein Bruder Eugen zu machen" — er breitete die kurzen Finger seiner beiden Händen fächerartig aus — „und sie hängen ihm zu Dutzenden dran. Die hübschen jungen Mädchen, nämlich nicht die Schadchonim! Guter Witz, was? Natürlich alle schwer reich, und Familien — Familien —l Sie würden staunen, Frau Finkelstein, wenn ich sprechen wollte. Aber er ist nun einmal ein komischer Mensch, mein Bruder Eugen, genau wie ich. Wir sehen nicht nach Geld, wir kennen nur einen Schadchen, und der sitzt hier." Er schlug sich kräftig auf die Stelle seines Jaquets, wo man sein Herz vermuthen konnte und sah sich dabei mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen um, der sich soeben durch eine edle That hoch über den gewöhnlichen menschlichen Troß erhoben. Er begegnete denn auch einem beifälligen Nicken von Tante Golde und einem verschämten Kichern von Fräulein Silberstetn, aber dieser Achtungserfolg schien ihm nicht zu genügen, wenigstens zog er gleich darauf seine goldene Uhr, blickte flüchtig darauf hin und hielt sie Fräulein Flora entgegen. „Bürgerstunde, Fräulein! Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie nach Hause." Er beachtete es nicht, daß die Angeredete dunkelroth vor Ueberraschung wurde — gewöhnlich blieb diese junge Dame, nämlich bis zu dem Moment auf dem Bänkchen unter der Kastanie, bis die Trompetenstimme ihrer Frau Mama, Frau Silberstein saß um diese Zeit natürlich auch „bei sich vor die Thür", erschallte: „Florche, Flor—che, es ist zehn! Du bleibst doch heut' gleich drüben wohnen!" worauf Florche dann eben aufftand und die 40,50 Schritte, mehr waren es sicher nicht, bis zu ihrer Wohnung zurücklegte — also Herr Leßer beachtete die Wirkung seines ritterlichen Anerbietens nicht, sondern fuhr gleichmüthig fort: „Sie haben es zwar nahe genug, aber