Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 80 (9.10.1893)
- Date
- 1893-10-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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- Irkutsk 1× ep/2294887
- Tomsk 1× ep/2160898
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1511 Will, ist dort der bestimmte Befehl des Ministers des Innern eingetroffen, das schon bestehende Gesetz, wonach die Juden nur in bestimmten Orten leben dürfen, genau durchzuführen. Den Juden in Tomsk, Tschita, Irkutsk, Blagowschtschensk, Nikolajewsk, Shabarowka und Wladiwostok sei der Befehl zugcgangen, sich bis zum 1./13. Oktober in die ihnen zuqewiesenen Gebiete zu begeben. Durch die Ausführung dieser Bestimmung würden viele Juden, insbesondere in Irkutsk und Tomsk, wo sie bedeutende Kapitalien angelegt hätten, schwer geschädigt. Es sei längst Gebrauch gewesen, daß kein Jude wohnen oder sich nur zeigen durfte in einer Entfernung von 100 Werst von den Goldmtnen. Trotzdem hatten sich Viele durch christliche Agenten Antheile an diesen Unternehmungen verschafft und großen Nutzen davon gezogen. Es sollen im Ganzen 20,000 bis 22,000 Juden in Sibirien leben, von denen Viele schon das Land verlassen, um sich nach China, Japan oder Amerika zu begeben. Petersburg. Ein Beispiel, welches die Blindheit oder Gewissenlosigkeit charakterisirt, mit welcher zahllose Anklagen gegen die russischen und anderen Juden vorgebracht wurden, erzählt die Odeßki Ltstok: Die Bauern des Dorfes Kilaief, Bezirk Wassisursk, im Gouvernement Kies, haben ein Gesuch an den Generalgouverneur der Süd-West Provinzen gerichtet, wegen Ausweisung der in ihrem Dorfe ansässigen Juden. Um die Maßregeln zn begründen, erklärten sie, daß die Juden „die Armen ausbeuteten, daß sie Wucher betrieben zu 300 pCt. jährlich, daß sie die christliche Religion verhöhnen, daß sie alle Bodenerzeugniffe an sich ziehen und daraus ungeheuren Nutzen ziehen." Auf Befehl des Generalgouverneurs wurde ein hoher Beamter nach Kita'ief entsandt, um an Ort und Stelle eine Untersuchung anzustellen. Es stellte sich nun heraus, daß die Zahl der Juden in Kutai'ef 14 beträgt, und zwar 5 pCt. der Gesammtbevölkerung, daß 6 dieser Juden lediglich von ihrer Handarbeit und Hausindustrie leben, daß 2 andere ein Lastfuhrwerk halten, und die 6 anderen als Agenten fungiren zwischen den Dörflein und den städtischenZKaufleuten. Alle 14 Juden befinden sich in einem dem Elend nahen Zustande und verdienen mühselig ihr tägliches Brod. In Folge dieser Untersuchung hat der General-Gouverneur folgenden Beschluß erlassen: „Das Gesuch der Bauern zu Kitalef wird abgewiesen, den Anstiftern zu demselben wird bekannt gemacht, daß sie im Wiederholungsfälle exemplarisch bestraft würden. In allen ländlichen Gemeinden soll dieser Beschluß bekannt gemacht werden." Um den Fortgang der Angelegenheiten von Eisenbahnen zu begünstigen, die Privatgesellschaften concedirt wurden, hat wie „Novoge 'Bremia" mittheilt, der Wegbauminister den Beschluß gefaßt, alle jüdischen Angestellten aller Gesellschaften abzusetzen, dergestalt, daß binnen drei Jahren alle jüdischen Angestellten durch christliche ersetzt sein werden. Die Gesammtzahl der jetzt bei den Eisenbahnen Angestellten beträgt ungefähr 8008, worunter 2500 im Dienste der Süd-West Bahnen. Wenn diese Nachricht zutreffend ist, so darf man es merkwürdig finden, daß der competente Minister zur Rechtfertigung der Maßnahme das Interesse anführt, welches er den Eisenbahngesellschaften entgegenbringt. Es ist sehr bekannt in Rußland, daß die jüdischen Angestellten die nüchternsten, fleißigsten und gewissenhaftesten sind; cs find thatsächlich ganz andere Beweggründe, die den Minister letten. Es scheint, als ob die russischen Behörden einiger Gegenden sich hatten rühren lassen von dem unbeschreiblichen Elend, welches unter den Israeliten herrscht, und haben daher den israelitischen Handwerkern ganz unverblümt die Erlaubniß ertheilt, auf dem Lande zu arbeiten und den Bauern und Grundbesitzern zu helfen, ihre Ernte einzuheimsen. Aus Korvuo geht einem Libauer Blatte folgende Schilderung des unter den Juden Groß- Polens eingerissenen Auswanderungsfiebers zu: Wer gegenwärtg in den Grenzorten und überhaupt im Rayon der Grenze zu thun hat, der trifft dort ein trauriges Bild. Alle Dörfer und alle Krüge (Dorfwirthschaftshäuser) an den Landstraßen stecken voll von jüdischen Auswanderern, die aus dem Innern des Reiches ihren Weg zur Grenze genommen haben in der Hoffnung, sie überschreiten zu können. Die ohnehin geringen Mittel dieser Leute sind jetzt vollständig erschöpft, sodaß sie auch die Hoffnung aufgeben müssen, Libau oder einen anderen Hafenort zu erreichen und von dort aus zu Schiff weiter zu kommen. Arbeit für sie alle findet sich hier natürlich nicht, und die einheimischen Juden sind selbst viel zu arm, um eine so große Zahl ungebetener Gäste zu beherbergen und zu ernähren. Die Kinder und die Greise unter den unglücklichen Auswanderern sind natürlich am schlimmsten dran, da sich für die Erwachsenen und Arbeitsfähigen doch noch hier und da ein kleiner Erwerb finden möchte. Schaarenweise werfen sich die Auswanderer in den Krügen jedem zu Füßen, der einen anständigen Rock trägt und betteln um ein Stück Brod. Dabei ruckt der Herbst und Winter immer näher. Es wäre schon viel gewonnen, wenn nicht immer wieder neue Schaaren von Auswanderern an die Grenze strömten, dann ließe sich vielleicht für die Beförderung der vorhandenen nach Libau Sorge tragen, aber wer soll hier dieses humane Werk in die Hand nehmen? Uns (gemeint sind die Bewohner von Kowno) fehlt dazu jede Organisation, und es fehlen vor allem die Mittel. Von Riga und Libau aus wäre das eher möglich, und diese Zeilen haben den Zweck, namentlich den dortigen wohlhabenden Juden die traurige Lage ihrer Glaubensgenoffen ans Herz ui legen. Wo ist denn Baron Hirsch mit seinen großartigen Plänen, kann man wohl mit Recht fragen, wenn man sieht, in welche Lage der eigene Unverstand und die planlose Wanderung auf gut Gluck so viele Leute gebracht hat. Die Absperrung der preußischen Grenze gegen (oota abene jüdische) Auswanderer