Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 80 (9.10.1893)
- Date
- 1893-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1509 als die arischen Normalnasen, das ist geradezu unerträglich. Und dennoch haben viele von uns ihren jüdischen Lebensberuf leichtsinnig in der Hoffnung hingegeben, damit den Judenhaß zu entwaffnen, in dem naiven Glauben, damit die Feindschaft der Judenfeinde in Freundschaft umzuwandeln. Was ist im Grunde genommen die ganze sogenannte Reform des Judenthums anders, als eine Concession an das Christenthum, als ein Liebäugeln und Coquettiren mit denjeniaen, welche außerhalb des Judenthums stehen? Damit der christliche Besucher der alten „Judenschul" nicht abgestoßen werde, hat man christliche Kircheninstrumente in unsere Synagogen etngeführt, hat die alten jüdischen Gebete durch deutsche verdrängt, hat an die Stelle der alten Deraschoth wäfferige Predigten gesetzt, hat statt mit Thora die Kinder in der Schule zu erleuchten, sie mit einer Katechismus-Religion nach christlichem Muster dressirt, was hat man damit erreicht? Daß man uns unsere Religion nicht mehr zum Vorwurfe machen kann und daher auf die Race zurückgretft und den Racenhaß proclamirt hat! Diese unglückselige Richtung, die sich nun seit dreiviertel Jahrhundert geltend macht, hat uns schwerer geschädigt, als alle außerhalb des Judenthums stehenden Judenfeinde zusammengenommen. Sie hat die Blößen der Väter nicht mit liebender Scheu verhüllt, sondern sie schamlos an die Oeffentlichkeit gezerrt. Auf Kosten der Väter haben pietätslos die Kmder das Privilegium der Bildung und Aufklärung sich zu erschleichen gesucht, indem sie die Sitte, die Sprache, die Bildung und Gesinnung der Väter als überwundene Thorheit erklärten, und sich davon emancipirten. — Wahrlich, wahrlich diejenigen, welche diesem Kreuzzug gegen die Väterreltgion Heeresfolge leisteten, sie hätten alle Ursache gehabt, sich in den jüngsten heiligen Tagen auf die Brust zn schlagen bei den Worten: ina rw nVi D’XBn YtosttfDDi -j’rosDD „Wir sind von deinen Geboten und guten Rechtsansprüchen abgewichen und es hat uns doch nichts gefrommt!" Auf diesem Wege werden die Nachkommen Sems und die Nachkommen Jophets sich nicht als Brüder wiederfinden. Die Ehrfurcht vor dem gemeinsamen Väterheiligthum wird die Enkel zusammensühren, wie sie das brüderliche Ahnenpaar vereinigt hat, um mit kindlicher Liebe die elterlichen Schwächen und Mängel zu verhüllen. Wer in der Verspottung der unseren Altvorderen anhaftenden menschlichen Setten seine Freude finden kann, der hat das heilige Bruderband zerrissen, das Sem und Japhet, das Semiten und Arier mtt einander verbrüdert. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Gieße«, 5. October. Im Wahlkreise Gießen- Land wurde PH. Köhl er (Antisemit) mit 18 gegen Schreiner Orbtg, der 14 Stimmen erhielt, gewählt. — PH. Köhler (Antis.) wurde auch im 4. Wahlbezirk (Hungen-Lich) mit 17 Stimmen gewählt. Es hat sonach in einem der Wahlbezirke Gießen- Land und Hungen-Lich eine Nachwahl stattzufinden. Berlin, 28. September. Einige antisemitische Blätter brachten kürzlich die Mittheilung, daß die im städtischen Obdach befindlichen russisch-polnischen Juden die Anstalt mtt Ungeziefer überschütteten, die Aufenthaltsräume verpesteten, die Anstaltsbeamten bedrohten, sich weigerten, die ihnen übertragenen Arbeiten auszuführen und endlich die in demselben Gebäude untergebrachten Hospitaliten zu betrügen und zu bestehlen suchen. Von amtlicher Seite wird uns mitgetheilt, daß an diesen Beschuldigungen auch nicht das Mindeste wahr ist; insbesondere habe sich niemals auch nur die geringste Widerspenstigkeit gezeigt; im Gegentheil rühmt die Inspektion der Anstalt das bescheidene Auftreten dieser Leute und ihre Arbeitslust gegenüber dem rohen Verhalten der russischen Bauern vor zwei Jahren. — Berlin, 26. September. Von den im städtischen Obdach befindlichen russisch-jüdischen Verbannten sind am Freitag 43 Personen durch das russischjüdische Comite nach Amerika befördert worden. Ein zweiter Trupp soll durch dasselbe Comite demnächst gleichfalls nach Amerika befördert werden. Berlin, 28. Sept. Aus der Stadt Gora- Kalwarya (Gouvernement Warschau) wird gemeldet, daß am Laubhüttenfest (26. September) während des Gottesdienstes in der dortigen Synagoge auf dem Frauenchor in Folge eines blinden Feuerlärms ein großer Schrecken entstand. Alles drängte zur Thüre, wobei vier Frauen und ein Kind erdrückt, acht Frauen schwer und viele leicht verletzt wurden. Berlin, 4. October. Ahlwardt hat heute Mittag seine Gefängnißstrafe angetreten. Im Wahlkreis Friedeberg-Arnswalde haben die Vertrauensmänner der antisemitischen Partei, wie dem amtlichen „Friedeb. Kreisbl." geschrieben wird, einstimmig zu ihrem Landtagskandidaten Ahlwardt und außerdem seinen Gesinnungsgenossen Rendanten Kutzer in Friedeberg proklamirt. Bruchsal. Eine bemerkenswerthe Entscheidung hat kürzlich das Bezirksamt dahier getroffen. Daselbst hatten mehrere Israeliten antisemitische Schmähschriften, welche vor der letzten Reichstagswahl zur Empfehlung des antisemitischen Kandidaten an den Häusern angeklebt worden waren, abgerissen. Eine von dem dortigen antisemitischen Vereine des-