Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 78-79 (5.10.1893)
- Date
- 1893-10-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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ZeitrtrtgSrrachrichterr nud Correfpondeuzeu. Deutschland. Berlin. Die Nahrungsmittelversälschung macht immer neue Fortschritte. Jetzt hat mau außer gemantschter Butter und verfälschtem Mehl auch schon verfälschte Deutsche (Germanen). Ich schließe das aus einer kleinen grünen Reklamekarte, die man mir in der Leipziger Straße in die Hand gedrückt hat. Die Karte hat die Größe und das Aussehen einer Eifenbahnfahrkarte, Auf der ersten Seite befindet sich folgende Aufschrift: Fahrkarte nach dem deutschen Wirthshaus, Berlin S.W., Friedrichftraße 210. Giltig nur für jeden unverfälschten Deutschen. II. Klasse 0,00 Mark. Rechts und links davon, an den Seiten, stehen die einladenden Worte: Reine Luft — kein Knoblauchduft. — Drehen wir die Karte um, so werden wir in rücksichtsloser Weise „poetisch" angerempelt. Wir lesen da: Im Deutschen Wirthshaus mach' Station, Dort siehst Du weder Hirsch noch Cohn; Dort spricht man deutsch und mauschelt nicht, Dort ist nie koscher ein Gericht. Herr Bodek, der bekannte Antisemit, ist Inhaber des „Deutschen Wirthshauses." Es thut mir sehr leid, diesem unverfälschten Urgermanen mit dem hebräischen Namen den Vorwurf machen zu müssen, daß er eine etwas stark „jüdische Reklame" für seine Kneipe macht. Er behauptet nämlich, bei ihm spreche man Deutsch, während er doch in jeder seiner öffentlichen Reden zeigt, daß er mit der deutschen Sprache auf gespanntem Fuße steht und höchstens ein schlechtes Berlinisch spricht. Dagegen sind unter allen Umständen anerkennenswerth der Muth und die strenge Wahrheitsliebe des Herrn Bodek, der kein Bedenken trägt, öffentlich zu verkünden, daß bei ihm ein Gericht „nie koscher" sei. Koscher heißt nämlich gut vorbereitet, rein, sauber — das muß Herr Bodek als gewitzter „Talmudforscher" wissen. Oester.-Ungar. Monarchie. Pefth, 18. September. (Eine uralte jüdische Gemeinde.) Die Günser jüdische Gemeinde begeht in diesem Jahre die Feier ihres 500jährigen Bestandes, seit einem halben Jahrtausend wohnen Juden in Güns. König Sigismund hat dem Baron Nikolaus Gara gestattet, deutsche, böhmische oder woher immer stammende Juden in „Kewzzewg" anzusiedeln, und seit dieser Zeit wohnen Juden in Güns. Rußland. Petersburg, 18. September. Zur Bemäntelung der seit mehr als einem Decennium gegen die Juden in Rußland zur Anwendung gebrachten grausamen Beschränkungsmaßregeln und Ausnahme, gesetze haben die russischen Judenverfolger eine lange Reihe von Beschuldigungen gegen die russischen Unterthanen mosaischer Coufession aufgestellt, die die Welt glauben machen sollten, daß die Judenverfolgungen in Rußland den angeblichen schweren Sünden der Juden selbst zuzuschreiben seien. Unter diesen zahlreichen Beschuldigungen nimmt die von der angeblichen Unfähigkeit der Juden zum Ackerbau und zu schwerer physischer Arbeit einen hervorragenden Platz ein. Die russischen Lueger und Consorten haben zur Bekräftigung ihres Märchens von der Unfähigkeit der russischen Juden zum Ackerbau auf die von Kaiser Nicolaus I. in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw gegründeten jüdischen Ackerbaucolonien hingewiesen, wo es angeblich mit der jüdischen Bodencultur sehr traurig steht. Zudem wußten die antisemitischen Blätter in Rußlaud bald dort, bald da wurmstichige Beweise für die angebliche Arbeitsscheu der Juden herauszufinden. Bei näherer Prüfung und unparteiischer Untersuchung erwiesen sich jedoch die Beschuldigungen als Fictionen, die dem leisesten Hauche der Wahrheit nicht widerstehen konnten. So hat der bekannte russische Professor der Nationalökonomie, Uleinnikow, vor nicht gar langer Zeit in seinem trefflichen Buche „Die Juden als Ackerbauer" die Behauptungen der russischen Judenfeinde von der angeblichen Unfähigkeit der Juden zum Ackerbau schlagend widerlegt, indem er an der Hand von unleugbaren Thatsachen und offiziellen ziffermäßtgen Daten nachwies, wie groß die Summe der Früchte ist, welche die jüdischen Ackerbaucolonien, dank dem Fletße, der Arbeitsamkeit und der Häuslichkeit der jüdischen Colonisten, getragen haben. Ebenso hat der Gouverneur von Mohtlew, Staatsrath Dembowetzkij, in seinem unlängst erschienenen Buche nachgewiesen, daß die überwiegende Zahl der schwersten Handwerke in seinem Gouvernement fast ausschließlich in den Händen der Juden liegt. Kürzlich aber wurde die Widerlegung des Märchens von der Unfähigkeit der Juden zu schwerer physischer Arbeit neuerlich bestätigt, und zwar in so schlagender Weise, daß es unmöglich ist anzunehmen, diese Widerlegung 'werde ganz spurlos vorübergehen. Diese Entkräftung einer der schwersten Beschuldigungen gegen die Juden in Rußland ist vom Grafen Schuwalow, dem Chef des Gardekorps und Onkel des russischen Botschafters in Berlin, kürzlich bewerkstelligt worden. Graf Schuwalow, Besitzer des Städtchens Talnoje im Gouvernement Kiew, ist Eigenthümer vieler und ausgedehnter Zuckerrübenplantagen. Zur diesjährigen Rübenernte hat Graf Schuwalow gestattet, probeweise auch eine Anzahl jüdischer Arbeiter zu der-