Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 78-79 (5.10.1893)
- Date
- 1893-10-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1488 Herr Chief Rabbi Dr. Adler mit seinenCollegen veranstaltet hat und die auch in diesen Blättern s. Z. eingehend gewürdigt wurde. Unter diesen College« fanden sich offene Prediger des Abfalls von der überkommenen Väterreligion, die durch Wort und That die ihnen unterstellten Gemeinden zum Treubruch an dem Vätererbe verleiten. Von ihnen sprechen wir hier nicht. Herr Dr. Adler dagegen, der die von ihm gutgeheißenen Reformen als ganz harmlos hinzustellen sucht, der den Orthodoxen sagt, daß er ganz ihr Mann sei und den Reformern die Haud drückt mit dem Hinweis auf die Concessionen, die er ihnen wacht, Herr Dr. Adler würde es wahrscheinlich als eine Injurie ansehen, wenn man ihn unter die Reformer rangiren wollte. Und doch ist er es und zwar in des Wortes weitgehendster Bedeutung gerade durch die Zwitterstellung, die er einntmmt. Doch von Lappalien, wie Reformirung unserer Gotteshäuser durch Verstümmelung unserer Gebete spricht die vorliegende Schrift nicht. Sie greift das Kaschrus des in London als nao verkauften Fleisches heraus und enthüllt dabei Zustände, die geradezu unglaublich wären, wenn nicht alles Vorgebrachte durch Thatsachen aktenmäßtg bewiesen wäre. Wir wollen hier den Wortlaut der Broschüre in wörtlicher Uebersetzung folgen lassen und nur daran erinnern, daß es sich um Zustände in London handelt, in London, dessen Rabbiner, wie vielleicht kein zweiter in der ganzen Diaspora, die Machtbefugnis in vollem Umfange besitzt, allen diesen Mißständen entgegenzutreten, und wollen dann fragen, ob ein Rabbiner, unter dessen Leitung solche Zustände möglich sind, noch weiter das Recht beanspruchen kann, sich als Schirmvogt der Orthodoxie zu gertren. (Fortsetzung folgt.) Sprechfaul. (Für alle unter dieser Rubrik erscheinenden Artikel übernimmt die Redaction dem Leserkreise gegenüber keine andere als die preßgesetzliche Verantwortung.) Eine jüdische Kuranstalt sür Lungenkranke in Nizza. In der Nr. 74 vom 14. September 1893 dieses geschätzten Blattes wird im „Sprechsaal" die Bitte an Glaubensgenossen gerichtet, eine Anstalt für jüdische Lungenkranke zu errichten. Eine solche Anstalt existirt! Sie existirt auf dem prächtigsten Flecken schöner Gottes Erde und sie ist geöffnet für Reiche und Arme U Es sind zwei Jahre her, da schenkte ein Herr P. aus Berlin, der schon viele Jahre in Nizza lebt, 150,000 Francs zur Gründung einer solchen Anstalt. Das Curatorium, an dessen Spitze der ehrwürdige Bürgermeister von Ville-Franche, Monsieur Polonais steht, (der zugleich Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Nizza ist), wählte in dem bevorzugtesten Theile von Nizza, aus dem in der Mitte der Stadt sich erhebenden Hügel Cumez ein Villa, welche ringsum weit und breit von Gärten und Villen umgeben ist; nach Osten, Westen und Norden sieht man den Horizont von einer dreifachen Kette von Bergen umsäumt und nach dem Süden schweift der Blick über die sonnige Stadt nach dem sich unendlich ausbreitenden Mittelländischen Meere. Zur Villa „Felicte" selbst gehört ein großer Garten, in dem den ganzen Winter Apfelsinen-, Citronen- und Mandartnen-Bäume in großer Zahl gedeihen und so reiche und schmackhafte Früchte tragen, daß dieselbe sogar bis in's Ausland versandt werden. Der an sich schon große Garten ist in diesem Sommer durch Ankauf erweitert worden, wozu der oben erwähnte Wohlthäter 10.000 Frcs. spendete. Die Anstalt untersteht einem Curatorium aus den angesehensten Bürgern Ntzza's; von dem geschäftsführenden Ausschuß hat Herr Rabbiner Me iß, dem das Institut in allerersten Linie seine Existenz verdankt, die ökonomische Verwaltung; der ärztliche Letter ist der praktische Arzt Dr. Aronsobn aus Ems und als Directrice fungirt die Frau eines verstorbenen Arztes. Die Pflege in der Anstalt ist außerordentlich gut und es herrscht in der Anstalt die Vorsicht des Arztes, daß der Lungenkranke reichlich ernährt, ja überernährt werden muß, und im vorigen Winter verließen alle Lungenkranken die Anstalt mit einer bedeutenden Gewichtszunahme. Das Haus ist zumeist von Lungenkranken besucht, doch werden auch andere chronische Kranke ausgenommen. Es zahlt Jeder nach seinem Vermögen 3 Frcs. bis 8 Frcs. und mehr pro Tag, die Wohlhabenden gelten als „Pensionäre" und speisen in einem besonderen Saale. Da die Anstalt nicht zu geschäftlichen Zwecken ausgebeutet wird, so kommt jeder Gewinn von den Reichen direkt den Armen zu Gute. Kein Zweifel, daß, sobald es nöthig erscheinen sollte, die Anstalt von jenem großen Wohlthäter noch vergrößert werden wird, daß selbst zwei Asyle, eins ausschließlich für Reiche und eins ausschließlich für Arme gebaut und auch im Sommer geöffnet sein werden. So bitten wir unsere Glaubensgenossen, namentlich Aerzte und Prediger in geeigneten Fällen an die Segnungen der jüdischen Kuranstalt in Nizza zu denken und ev. sich vertrauensvoll zu wenden entweder an Herrn Grand-Rabbin H. M e i ß in Nizza, Rue St. Michel 7 oder an Herrn Dr. med. Aronsohn, Sommer in Ems, Winter (vom 1. November ab) in Nizza.