Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 78-79 (5.10.1893)
- Date
- 1893-10-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Erste Keil. M M 78 & 79 öcs „Israelis. Leitender Artikel. Kin Woist schrei aus London. Es ist nicht das soziale Elend, es ist der geistige, religiöse Nothstand, der einer Zahl gottesfürchttger und gesinnungstüchtiger Männer diesen Schrei auspreßt. Derselbe tönt uns aus einer Broschüre entgegen, die in heiliger Sprache verfaßt ist, und die Dinge enthüllt, die man unmöglich, unglaublich halten würde, wenn sie nicht von einer Anzahl achtbarer Männer unterzeichnet wäre, die mit dem guten Klang ihrer Namen für die geächtete jüdische Wahrheit cintreten. Dieselben stehen an der Spitze eines Vereines „Machasike Haddas", der sich die Aufgabe gestellt hat, das von den Vätern überlieferte Judenthum in der Millionenstadt an der Themse unverfälscht zu erhalten. Wie aus der Broschüre hervorgeht, ist derselben bereits eine frühere unter dem Titel 'litten no«n vorausgegangen, die wir leider nicht zu Gesicht bekommen haben. Aber das in der vorliegenden Schrift Mitgetheilte genügt, um einerseits die Nothwendtgkeit eines solchen Vereins über alle Zweifel zu erheben, und andererseits die Schwierigkeiten, Mißhelligkeiten und offenbare Gehässigkeiten zu würdigen, die seinen Bestrebungen leider von Seiten entgegengebracht werden, wo man zu allererst volles Verstund ntß und warme Sympathie erwarten mußte. Was uns an der Schrift besonders wohlthuend berührt, ist nicht nur ihre gewählte klassische Sprache, sondern besonders die maßvolle Zurückhaltung, die trotz der aggeessiven Natur der ganzen Broschüre, sich niemals ein kränkendes oder auch nur verletzendes Wort über diejenigen entschlüpfen läßt, über welche sie sich mit Recht so bitter beklagt. Wir sagen mit Recht. Dennn obwohl, wie bereits erwähnt, die Namen der Unterzeichner dieser Schrift hinlänglich die Wahrheit ihrer Angaben garantiren, so haben wir uns doch erst entschlossen der Angelegenheit näher zu treten, nachdem wir uns durch persönliche Information bei unbetheiligten, local- und personalkundigen Kennern der dortigen Verhältnisse darüber vergewissert haben, daß die sämmtlichen Angaben der vorliegenden Broschüre den Thatsachen entsprechen. Es hat sich dabei ergeben, daß das Vorgebrachte nur einen kleinen Bruchtheil der Mißstände enthüllt, und daß sie tatsächlich noch viel mehr verschwiegen als vorgebracht hat. Wir hätten nur gewünscht, daß diese Schrift in englischer oder deutscher Sprache veröffentlicht worden wäre und wollen daher das wesentlichste im Auszuge mitthetlen und es mit einigen Bemerkungen begleiten- — Die Schrift wendet sich zunächst an die Herrn Rabbiner und in zweiter Reihe an alle Gesinnungsgenossen, die bereit sind mit Rath und That der kleinen treuen Kämpferschaar beizustehen, die mit aller Kraft, den Kampf ausgenommen hat, gegen die großen Gefahren die der ungefälschten Erhaltung des Judenthums innerhalb der englischen Judenhett drohen. Vor ca. 30 Jahren gab es in London etwa 20,000 jüdische Einwohner, die zum großen Theil ohne größere, allgemeine Bedeutung dadurch vielleicht die geringe Theilnahme rechtfertigten, die man ihren religiösen Anliegen entgegenbrachte. Heute aber haben dieselben nahezu eine viertel Million erreicht, eine Zahl die noch täglich im Wachsen begriffen ist. Darunter befinden sich viele Thorakundtge und gottesfürchtige Männer. Da sie vereinzelt kommen, so gehen sie in der großen Masse auf und unter. Sie wachsen heran unter dem Einfluß von Rabbinern und Predigern, die nicht der Thora und nicht der Gottesfurcht huldigen. Diesen verderblichen Einfluß entgegen zu treten, hat sich der Verein Machasike Hadaß gebildet, er ist in der englischen Riesenstadt die einzige Veranstaltung, welche die Dinge bei dem rechten Namen nennt und muthtg den Kampf ausgenommen hat, der hier unseren heiligsten Hetligthümern gerade von denen entboten wird, die durch ihr Amt und ihren Einfluß wie Niemand sonst verpflichtet wären, diese Heiligthümer zu unterhalten und zu fördern, die sie untergraben und muthwillig zerstören. Das Bedenkliche und Schwierige für die Verfechter des gesetzestreuen Judenthums in Lonoon liegt darin, daß das Reformjudenthum, welches hier mit unbeschänkter Macht herrscht, sich nicht als solches gerirt, sondern sich in den Mantel der Orthodoxie hüllt und ganz entrüstet thut, wenn man seine Partisanen und Parteigänger bei ihrem eigentlichen Namen nennt. Durch diese öffentliche, offizielle Täuschung zieht die Reform alle und auch diejenigen in ihre Netze, welche mit ihrem ganzen Leben und Streben auf dem Boden des gesetzestreuen Judenthums stehen möchten, denen aber die nöthige Einsicht und oft auch der Muth abgeht die Wahrheit von der Täuschung zu unterscheiden. Wer die Londoner Verhältnisse uud Zustände aus eigener Erfahrung kennt, kann sich darüber gar keiner Täuschung hingeben, daß alles im Fahrwasser vollständiger Reform sich bewegt. Für die auf den Continent lebenden, braucht nur an die Reformirung der Gebete erinnert zu werden, die