Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 78-79 (5.10.1893)
- Date
- 1893-10-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448388--37169-2485222- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1484 Tradition seiner Zunft eingedenk, den Muth fand, als Steuerverweigerer aufzutreten. Doch sollte diese Kühnheit dem Zunftgenossen Johannes von Leyden schlecht bekommen. Er wurde auf Grund einer Anzeige des Accisenpächters abgefaßt und in den Gemeindekotter von Dorohoi gebracht. Glaubensgenossen, die ihn befreien wollten, wurden durch kalte Wasserstrahlen der zur Herstellung der Ordnung herbeigezogenen Feuerwehr vertrieben. Damit dürfte aber die Sache doch nicht abgethan sein; die Juden von Dorohoi wollen auch fernerhin keine bloß ihre Confeffionsgenossen belastende Geflügelsteuer bezahlen, und wird daher die Regierung bald in die Lage versetzt sein, ihr Urtheil darüber abzugeben, ob in einem Rechtsstaate, als welcher Rumänien erscheinen will, einer Gemeinde die Befugniß eingeräumt werden darf, eine besondere Judensteuer einzuheben. > vermischtes. < -Biblis. Ein edler Mensch ist unsrer Gemeinde entrissen worden. Am ersten Tage des Neujahrsfestes hauchte Isaak Meyer (Sohn Alexander) seine reine Seele aus. Sein Leben war eine ununterbrochene Kette körperlicher Leiden; aber in diesem gebrechlichen Körper wohnte ein starker Geist, der heldenmuthig die leiblichen Schmerzen überwand und sich dem Streben nach Gutem und Schönen widmete. Autodidakt hat er dennoch einen hohen Grad in der Musik erreicht. Seine Umgangsformen und seine Zuvorkommenheit machten ihn bei Jedermann beliebt, und sein Tod rief bei Juden und Christen großen Schmerz hervor. Als religiöser Mensch und in den heiligen Schriften ziemlich bewandert, leitete er viele Jahre die religiösen Vorträge des Vereines Achawa! Möge er im Jenseits eine herrliche Belohnung finden! Feuilleton. Tante Golde? «h* Novelle von R. Litte«. (Fortsetzung.) Am liebsten hätte das junge Mädchen gesehen, wenn die Tante nun gleich, ain nächsten Morgen, die Pforten der Kurz- und Materialwaarenhandlung für immer geschlossen, es that ihr weh, die alte Frau sich noch länger mühen zu sehen, und sie hielt es an der Zeit nun die Rolle mit ihr zu wechseln. Sie selbst wollte fortan die Handelnde,Schaffende sein, Tante Golde hatte nun nichts weiter zu thun, wie im Lehnstuhl zu sitzen und, umkränzt von den Lorbeeren ihrer Thätigkeit auszuruhen. Ja, wenn diese alte Dame nur ein geeigneteres Objekt für *) Die Anfänge dieser Erzählung stehen neu eingetretenen Abonnenten soweit der Vorrath reicht, kosten- und portofrei zur Verfügung. Die Expedition des „Israelit." solche Beglückungsideen gewesen wäre, wenn sie den großmüthigen Vorschlag nur so ohne weiteres acceptirt hätte! Wer ihr das zutraute, kannte sie eben schlecht. Zum Lachen war es ja, rein zum Lachen, was ihr das Kind da mit Hochrothen Backen und blitzenden Augen vorerzählte! Das Geschäft soll sie aufgeben, die gute Brodstell', die schon ihre Eltern genährt? „Die Sünd' nehuu ich nicht auf mich, Marthchen, ohßer! Und mein Alter umbeschrieen? Spaß, 71 Jahre! Nicht ältere Leut' sollen sich quälen müssen! Da ist gewesen die Tante vom Vetter Abraham, was war ein richtiger Onkel von Wolf Samelsohn, Ponim-Rufke hat man sie geheißen, weil sie nebbich sehr mies ist gewesen, und die ist mit 80 noch auf die Märkt' gefahren." Und wenn vielleicht auch nicht ganz so lange, der liebe Gott läßt sich nichts vorschreiben, aber ein paar Jahre sähe sie es noch mit an, wenn Gott ihr Leben und Gesundheit schenkt. Damit mußte sich Martha begnügen, aing aber nichtsdestoweniger mit Feuereifer an die Ausführung ihrer eigenen Pläne. Das Wochenblatt machte dem verehrten Publikum von Stadt und Umgegend bekannt, daß Martha Friedheim, geprüfte Lehrerin für Töchterschulen, bereit sei die Jugend den Pfad der höheren Bildung zu führen, auch in Gesang und Musik unterrichte, Herr Rektor Dorn unterstützte sein Protegöe in diesen Bemühungen und alles mit bestem Erfolg. Das Städtchen — ich bitte sehr bei dieser Stelle nicht unglaublich den Kopf zu schütteln — hatte Mangel an Lehrkräften, die Bekanntschaft mit der edlen Musika übermittelte ein altes Fräulein, das, seit es im vorigen Jahre geerbt, nur noch aus purem Mitleid den aufstrebenden Musikgenies des Ortes „das Erwachen des Löwen" und „das Gebet der Jungfrau" einpaukte und sich unendlich danach sehnte den Rest ihrer Erdentage ohne diesen Genuß zu verleben, sonstigen Wissensdurst stillten die beiden an der Schule angestellten Elementarlehrer, so gut sie es eben vermochten, Rektor Dorn hatte genug zu thun unglücklichen Jünglingen als Vorgeschmack des Gymnasiums die Verben auf ire und are einzupauken, kurz, die junge Lehrerin schien wirklich von der Vorsehung bestimmt einem dringenden, längst gefühlten Bedürfniß abzuhelfen, nur so ließ sich die Fülle der Schüleranmeldungen erklären. Tante Golde, die erst immer bei den Erwerbsplänen ihres Pflegekindes skeptisch gelächelt hatte — wer wohl für eine einzige Stunde so viel bezahlen würde, womöglich eine ganze Mark, was sich solch' Kind denkt — lädjelte längst nicht mehr, dafür schlich sie aber ab und zu auf den Fußspitzen an die Thür der Wohnstube, um andächtig zu lauschen, wie ihr Marthchen da drinnen so klar und deutlich — sie bezweifelte stark, ob Herr