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Der Israelit · 1893-10-05 · Heft 78-79 (5.10.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 78-79 (5.10.1893)
Date
1893-10-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1485 Dorn es besser könne — unterrichte. Und alles verstand das Kind, fremde Sprachen, dann wieder Musik, Tante Golde wischte manches Thränlein von der vollen Wange, daß die Eltern des Mädchens und ihr guter Meier, der so sehr für Bildung war, nicht gleich ihr auf den Lauscherpoften stehen konnten. Und erst das schöne Geld, das ihr regelmäßig am Ersten eines jeden Monats eingehändigt wurde, um von ihr gewissenhaft in ein eigens dazu bestimmtes, grauleinenes Beutelchen gethan zu werden. Merkwürdig übrigens, je schwerer das Beutelchen wurde, je leichter war Frau Finkelftetn geneigt Martha's Vorstellungen um Aufgabe des Geschäftes Gehör zu geben und endlich eines schönen Sommerabends, als man wie gewöhnlich unter der alten Kastanie vor dem Hause saß — das bewußte Beutelchen hatte sich gerade an diesem denkwürdigen Tage unzureichend für seine Bestimmung erwiesen — erklärte sie feierlich nun nicht länger abgeneigt zu sein ihrer kaufmännischen Laufbahn baldigen Abschluß zu geben. „Wenn Sie aber meinen, Herr Leßer", bedeutete sie den jungen Mann, der ebenso wie das älteste Fräulein Silberstein zu den Stammgästen unter der Kastanie gehörte, „wenn Sie meinen, ich thu's aus Bequemlichkeit, irren Sie sich. Zur Bequemlichkeit bin ich noch nicht alt genug. Es ist blos um die Eonkurrenz. Haben Sie schon gehört Hagen und Kullenbach geben dem Petrolje schon wieder zwei Pfennige billiger? Nächstens verschenken sie ihm ganz. Sie werden auch 'n Zof danach haben, werden Sie sehen. Mit so'n Konkurrenz kann ich nicht mithalten, da geb' ich lieber 's Geschäft auf, eh' 's Geschäft mir aufgibt." Während Martha den Arm um die Schulter der alten Frau schlang und ihr leise ein paar innige Worte zuflüsterte, klaschte Herr Leßer so wüthend Beifall, als hätte Frau Finkelstein sich nicht soeben ein höchst ehrwürdiges Wortspiel geleistet, sondern es stände diese Dame — für die ausschweifendste Phantasie übrigens ein Wagestück sich dergleichen vorzuftellen! — auf einem unsichtbaren Podium und entzücke die Zuhörer durch irgend eine phänomenale Leistung auf dem Gebiete der Darstellungskunst. Endlich hatte er sich so weit beruhigt, daß er Tante Goldes Hand kräftig schütteln konnte. „Gratultre, Frau Rentiere! Also von letzt an wird nur Coupon geschnitten. Auch eine sehr anständige Beschäftigung, faktisch, nicht das Schlechteste, womit sich ein Mensch die Zeit vertreiben kann! Nebrtgens, wenn Sie Hilfe gebrauchen, immer derjenige, welcher. — Dabei fällt mir ein brillanter Witz ein, Hab' leider vergessen: Kladdradatsch oder Fliegende. Na, gleichviel: „Was ist Ihr Vater, junger Mann?" „Rentier." „Und Sie selbst?" „Ich bin sein Gehilfe." - „Bin sein Gehilfe! Kostbar, was?" Herr Leßer lachte höchlichst amüsirt und Fräulein Flora Silberstein sekundtrte ihm lebhaft. „Wo Sie nur all' die reizenden Witze herhaben, Herr Leßer", meinte sie noch zum Ueberfluß. Der Gefragte lächelte geschmeichelt. „Colossales Gedächtniß dafür, Fräulein! Ich versichere Sie auf Wort, ich bin es im Stande eine ganze Gesellschaft stundenlang kostbar damit zu unterhalten. Und nicht etwa mit alten abgeplapperten Dingern, alten Lockschen, wissen Sie, Gott bewahre, damit geben wir uns nicht ab, fällt uns nicht einmal im Traum ein! Immer nouveaute, haute nouveaute! Jetzt habe ich mir wieder das Buch von Mikosch kommen lassen. Sie kennen doch Mikosch? Nicht? Sie auch nicht, Fräulein Martha? Nicht möglich! Nicht mal die famose Sache von Bonaparte? Die müssen Sie hören, die ist ausgezeichnet, ganz aus— ge—zeichnet! Also —." Herr Sally Leßer hatte seine Anekdote mit wenig Witz und viel Behagen zu Gehör gebracht, sich selbst einen schallenden Lachtribut gezollt, einen ähnlichen von Fräulein Flora eingeheimst, und sah nun beifallheischend nach Martha, die regungslos dasaß, das Köpfchen leicht an den riesigen Stamm des Baumes gelehnt. „Brillant die Geschichte, was, Fräulein Martha?" Sie fuhr leicht zusammen und sah den Sprechenden verwirrt an. „Verzeihung, Herr Leßer, wovon war doch soeben die Rede?" Dem jungen Mann flog ein ärgerliches Roth bis unter bte. Haarstoppeln, er machte Miene sich zu erheben. „Ich Hab' um Verzeihung zu bitten, Fräulein Friedheim, daß ich Sie so unverantwortlich gelangweilt. Damit es aber nicht noch länger geschieht, will ich gleich. —" Tante Golde unterbrach seine wohlgesetzte Rede, indem sie ihn einfach auf seinen Sitz zurückdrückte. „Seien Sie nicht so übelnehmerisch, Herr Leßer! Wenn Sie werden geben von Morgen bis Abend, den ganzen ausgeschlagenen Tag lang, Stunden, werden Sie auch mal müd' sein und nicht immer Lust haben zu Mikoschens Narrischkeiten. Es ist mir schon rein zu viel für das Kind. Hätt'st Du nach m'r gehört, mein' Tochterche, hätt'st Du nicht auch noch angenommen bei Kreisrichters." Martha streichelte die Hand der alten Frau. „Aber, Tantchen", sagte sie lebhafter, wie sie sich den ganzen Abend gezeigt, „meine Arbeit strengt mich durchaus nicht an, und gerade das Vierhändigspielen und Duettsingen mit Frau Amtsrichter 'Herold macht mir Freude und fördert mich selbst ungemein." A

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