Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 78-79 (5.10.1893)
- Date
- 1893-10-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1482 prüft worden ist, und sie werden ferner behaupten, daß die Juden tatsächlich noch andere Unterrichtsbücher in Anwendung brächten, als welche officiell in den preußischen Unterrichtsanstalten eingeführt wären. Sie werden weiter mit der Behauptung hervortreten, daß es bei den Juden eine mündliche Überlieferung gebe, die keiner schriftlichen Aufzeichnung bedürfe, vielleicht sie auch nicht vertrage, und was dergleichen Unsinn mehr ist. Es liegt auf der Hand, daß man diesen gewissenlosen Windungen und Wendungen nicht überallhin folgen kann, und es ist schon eine Huldigung gegenüber dem Antisemitismus, wenn man ihm die Concession macht aufGrund seiner Behauptungen hin Untersuchungen anzustellen. Es ist doch hinreichend bekannt,daß antisemitische Behauptungen immer und unter allen Umständen durchaus erlogen sind. Das liegt eben im Wesen des Antisemitismus, der unchristlich, überhaupt antireligiös, im höchsten Grade unsittlich und auch antimonarchtsch ist. Königgrätz. (Eine „warnende Stimme".) Der Bischof Dr. Hais dahier erließ vor Kurzem folgendes Rundschreiben: „Obgleich ich überzeugt bin, daß der gesammte ehrwürdige Clerus meiner Diöcese sich an gar keiner gegen die Juden gerichteten feindlichen Agitation betheiligt, sehe ich mich dennoch genöthigt, meine warnende Stimme zu erheben, und im Falle, daß Jemand ohne Ueberlegung der Sache antisemitische Schriften oder Rohling's Broschüre: Meine Antwort an die Rabbiner u. s. w. die man nur vom wissenschaftlichen Standpunkte aus zu betrachten hat, unter dem nicht wissenschaftlich gebildeten Publicum verbreiten oder loben sollte, einen solchen auf das Nachdrücklichste zu bitten, er möge dies Unterlasten, wenn er sich nicht Schwierigkeiten zuziehen will, aus denen ich ihn leider nicht befreien könnte. Unter dem katholischen Clerus herrschte seit den ältesten Zeiten auf Grund des Römerbriefes des heiligen Paulus (XI. 15, 25) der Grundsatz, daß man die unter uns lebenden Juden, die Väter dieser zukünftigen Christen, so viel als möglich gegen ungerechte Angriffe schützen soll. Wir Katholiken haben aber besonders in unseren Tagen alle Ursache, der göttlichen Vorsehung zu danken, daß dieses überall zerstreute jüdische Volk sich noch erhalten hat: denn wenn es dieses Volk nicht gäbe, so würden schon längst viele gletchgiltige Christen im Namen einer gewissen antichristlichen Aufklärung die bewunderungswürdige Geschichte des Menschengeschlechtes in der Zeit des alten Testamentes, wie auch alle prophetischen Schriften für eine Lüge und einen Betrug der Priester erklären, wodurch in den Herzen vieler Millionen gläubiger Christen der Glaube an die heilige Kirche schon im Fundamente erschüttert und zerstört wäre. Wir thun daher gut daran, auch in Zukunft die alten, guten Grundsätze unserer Vorfahren festzuhalten und werden in diesem Sinne auf das gläubige Volk wirken." Ein Antisemitenblatt in München gibt dem Bischof den „wohlmeinenden Rath, sich beschneiden zu lassen." Oesterr.-Ungar. Monarchie. Pesth. Herr Simon Löffler y»i, Notar und Matrikelführer der hies. orth. Gemeinde, langjähriger Correspondent Ihres geschätzten Blattes, ist vor wenigen Wochen plötzlich gestorben. Ein 'n p u. min am«, war er trotz mannigfacher Hindernisse unablässig bestrebt, die Kenntntß der h. min und die Liebe zn derselben seinen Kindern zu vererben, was ihm auch vollständig gelungen ist. 15 Jahre war er Secretär und Matrikelführer der orthodoxen Gemeinde und hatte sich durch seinen Biedersinn und festen Charakter die Hochachtung aller Gemeind emitglieder erworben. rrasjn Pesth Mit welchen Mitteln die Hetze gegen die Juden betrieben wird, zeigt nachstehendes Telegramm aus Budapest: Bauern, welche nach Szabadka gekommen waren und dort das Verbot des Katholikentages erfuhren, wurden gegen die jüdische Bevölkerung gehetzt, indem man ihnen sagte, die Juden hätten den Minister Hieronymi durch ein starkes Schächtermesser zu jenem Verbote gezwungen, weil das Programm des Katholikentages auch einen Beschluß über die Ausrottung der Juden enthielt. Infolge dessen habe sich der Bauern eine derartige Aufregung bemächtigt, daß sie in die Kanzlei des jüdischen „Heiligen Vereins" einbrachen und sich das ganze dort vorhandene Geld aneigneten. Pesth. Bekanntlich wurde der dritte ungarische Katholikentag, der am 10. v. M. in Szabadka (Maria-Therrsiopel) stattfinden sollte, vom ungarischen Minister des Innern Hieronymi, mit Rücksicht auf die Choleragefahr untersagt. Das Wiener „Vaterland" gab damals seinem Unmuthe gegen diese Maßregel Ausdruck und bedauerte, daß man in der Regel um das körperliche Wohlbefinden gewissenhafter bekümmert sei, als dafür, die Vergiftung der Geister und Herzen hintanzuhalten. Gerade dieser Vorwurf ist es aber, den wir den politischen Freunden des „Vaterland" machen müssen, angesichts des nunmehr aus Szabadka einlaufenden Berichtes, daß in Folge des Verbotes der Katholikenversammlung das Volk gegen die Juden aufgehetzt wurde.