Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-09-22 · Heft 76-77 (22.9.1893) · page 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 76-77 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
– (sequence 31)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448387--37161-2485213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1477 Wohl, Minna, auch ich freue mich, daß wir nun endlich einig sind, daß ich Deinen erprobten Anschauungen von ganzem Herzen beipfltchten kann ..." „Schnabel, um Gotteswillen . . „Das Entzücken über die nunmehrige Gleichstimmung unserer Seelen überwältigt Dich, meine Liebe? Nun, ich werde Dir noch mehr Freude bereiten, meine Liebe. Morgen, ja morgen schon werde ich meine erste Hetzrede halten gegen die Juden der hiesigen Stadt. Ich werde auf ihren lasterhaften Lebenswandel Hinweisen, auf ihre Neigung für Mord, Raub und Brandstiftung." „Aber Schnabel, wie kannst Du blos so 'was sagen! Du bist aufgeregt, erhitzt durch den Parteifanatismus. Zur Beruhigung deines Gemüths möchte ich Dir den Inhalt eines hübschen Gedichtchens erzählen, das ich kürzlich gelesen habe. Die kleine Else hat Geburtstag und es sollen zu der kleinen Feier die Kinder aus der Nachbarschaft geladen werden. Nur die Rebekka Silberstein soll nicht kommen. „Warum denn nicht!" fragt Elsa, die der kleinen Rebekka sehr gut ist. „Ja die Rebekka ist eine Jüdin," wird ihr gesagt, „und die Juden haben unfern Herrn an's Kreuz geschlagen." „Ja, da find aber doch die Silberstein's nicht dabei gewesen, rnft die Elsa. Sieh, mein lieber Schnabel, so muß man die Sache beurtheilen. Ich wüßte wirklich nicht, daß die hiesigen Juden dabet gewesen wären, wenn etwas Schlimmes geschehen ist. . .“ „Minna, ich stehe, höre und staune! So also hätte sich Dein Sinn gewandt!" rief Schnabel. „Seit Wochen hast Du Dir die größte Mühe gegeben, um mich zum Kampfe gegen das Judenthum zu ermuntern, und jetzt, wo ich endlich die Richtigkeit Deiner Anschauungen erkannt habe und bereit bin, die Konsequenzen zu ziehen, rücksichtslos und unerbittlich, wie es einem Manne geziemt, der endlich zum vollen Bewußtsein seiner Manneskraft gekommen ist — jetzt willst Du schwenken und feige zurückweichen. Nein Minna, Du kennst mich schlecht. Bis jetzt war ich Dir ein ergebener und gehorsamer Gatte, aber jetzt habe ich ein Prinzip zu verfechten, .. . „weißt Du Minna, ein Prinzip .. „Aber Schnabel," rief Frau Minna, „Du ruinirst Dir Deine Zukunft, giebst Aemter und Würden preis. Sieh' nur" — sie verließ das Bett und holte einen Brief herbei — „das hier hat der Herr Hauptmann geschrieben." Schnabel, zitternd vor Neugier — denn nun mußte ihm doch wenigstens ein Lichtstrahl kommen — nahm das Schreiben und las: „Meine Gnädigste! Empfing soeben Mittheilung von Exellenz — darf Namen leider nicht nennen —, daß an leitender Stelle vollständiger Umschwung in Sachen der Judenfrage eingetreten. Einzelne Bevölkerungsschichten sollen nicht gegen einander aufgehetzt werden, sonst Ungnade. Herrn Gemahl also davor warnen, Antisemit zu werden, sonst keine Aussicht auf Kommissionsrath rc. Vorläufig vollständige Zurückhaltung zu beobachten. Zur Zeit besonders günstige Meinung für ruhige, friedliche Bürger. Sprach mit Präsidenten. Nannte Ihren Gatten vorzüglichen Bürger, höchste Beachtung werth. Muß in Folge Depesche leider nach Monaco. Empfehle mich auf diesem Wege und küsie Ihnen, Gnädigste, ehrerbietigst die Hand, von Witzleben. N. Sch. Fünfhundert Mark von Gatten einstweilen in Verwahrung behalten. Bitte Herrn Schnabel, sie mir vorläufig zur Verfügung zu stellen. Falls bis sechs Uhr Abends keine Antwort, nehme Zustimmung an." „So," rief Schnabel, nachdem er den Brief mit innigem Behagen gelesen hatte, „also weil die Regierung ihre Gesinnung geändert hat, soll ich sie auch ändern. Nein daraus wird nichts. Morgen halte ich meine Versammlung ab, mag nun werden was da will." „Aber Heinrich, ich bitte Dich um's Himmels- Willen," jammerte seine Gattin. „Beuge Deinen starren Sinn mir zu Liebe . . . Und steh, ist es denn nicht angenehmer, wenn Du Deine Abende in Gesellschaft guter Freunde im „Kranz" zubringst, statt in aufregenden Volksversammlungen! Glaube mir, Heinrich, ich meine es gut mit Dir." Für diesen Abend ließ sich Herr Schnabel beschwichtigen. Er ging zu Bett und schlief so wohlgemuth ein, wie er es seit Jahren nicht gethan hatte. Am folgenden Tage erhielt er Aufklärung über die Motive, die Herrn von Witzleben veranlaßt hatten, den erlösenden Brief an Frau Schnabel zu schreiben. Man hatte seine Schulden bezahlt und ihn mit fünfhundert Mark nach Monako geschickt. Schnabel trug gerne die Kriegskosten, die ihn zum freien Manne machten, denn Frau Minna, die schaudernd den kuror teutouieus in ihm erkannt hatte, begegnete ihm von nun an mit einer gewissen Scheu und ließ ihn in Ruhe. > Wiscellen. < Als Friedrich der Große im Jahre 1756 der ihm zugedachten Ueberrumpelung durch einen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.