Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 76-77 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
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1476 Nathan wagte nicht zu widersprechen. Ach, er kannte sie ja auch, die Frau Schnabel. „Dieser Schwadroneur und Schnldenmacher, der Wttzleben, hat's ihr eingeredet", fuhr Schnabel fort. „Ich soll Kommissionsrath, Abgeordneter und alles Mögliche werden, und das ist ihr nun zu Kopf gestiegen . . . Aber nicht wahr, Davidleben, wir bleiben Freunde, obgleich ich Antisemit geworden bin. Und wenn's wirklich geschehen sollte, daß sie mich in den Reichstag wählten und wir brächten dort das Gesetz zurecht, daß die Juden nach Palästina müßten, dann, Davidleben" — Herr Schnabel dämpfte seine Stimme zu einem leisen Flüstern — „dann gehe ich mit dir, dann reiß' ich ihr aus, so wahr ich lebe." Nathan lächelte. „Also der Witzlehen war's? meinte er. „Na, da wollen wir mal Nachdenken, da läßt sich vielleicht doch noch etwas machen." III. Es war ein schwacher Hoffnungsschimmer, den Schnabel aus den letzten Worten seines Freundes mit nach Hause nahm, aber in seiner schwülen Noth hielt er fest daran mit der Zähigkeit eines Ertrinkenden. Am folgenden Tage sab er mit Bangen dem Besuch des Hauptmanns entgegen, aber die festgesetzte Stunde ging vorüber, Herr von Witzleben kam nicht. Schnabel wartete einen günstigen Augenblick ab und entschlüpfte seinem Hause. Heute durfte er es noch wagen, die mit jüdischen Elementen durchsetzte Tafelrunde im „Kranz" auszusuchen, denn bis zur Stunde war er kein erklärter antisemitischer Parteiführer, sondern ein freier, unabhängiger Mann. Nathan erwartete ihn mit strahlenden Augen. „Freund," flüsterte er ihm zu, „es ist Alles in Ordnung. Dein Weib wird Dich in Ruhe lassen." Schnabel wußte nicht wie ihm geschah; fragend blickte er den Freund an. Dieser lachte nur vergnügt vor sich hin und wiederholte: „Es ist Alles gut, Alles in Ordnung." „Aber Davtdleben, wie soll ich das verstehen?" „Du bist frei wie der Vogel in der Luft. Deine Frau wird Dich nicht mehr zwingen, unter die Antisemiten zu gehen — im Gegentheil, verbieten wird sie's Dir. Aber diesmal bleibe fest, Heinrich, Du bist und bleibst Antisemit, sie hat's ja selbst so gewollt. Du kannst viel gewinnen, wenn Du diesmal fest bleibst. Und was kann sie diesmal gegen Dich machend" Schnabel blickte den Freund noch immer fragend, mit offenem Munde an. Jedes seiner Worte war ihm ein Räthsel. Aber Nathan lachte nur und sagte: „Heinrich, bleibe fest, dann bist Du frei." Erst nach und nach begann Schnabel zu begreifen, daß etwas ganz Absonderliches sich ereignet haben mußte, aber der Zusammenhang der Dinge wurde ihm nicht klar. Nathan schärfte ihm nur immerfort ein, seiner Frau gegenüber den wüthenden Antisemiten zu spielen, sie werde ihn dann schon in Ruhe lassen. „Vielleicht" sagte er sich, „baut Nathan auf den alten Erfahrungssatz, daß so eine Frau immer das Gegentheil von dem will, was der Mann wünscht. Aber ob er sich diesmal nicht täuscht?" Mochte denn nun sein, wie ihm wollte — Schnabel, durch die Zuversicht Nathans ermuthigt, fühlte wieder neue Lebenslust in seine Brust etnziehen, und als die andern Freunde kamen, war er wieder der alte, gemüthliche, frohgemuthe Schnabel, der er stets gewesen. Es war diesmal wieder Mitternacht, als er nach Hause ging, aber nicht leise und bedächtig schritt er die Treppe empor, sondern herzhaft mit festem Männerschritt. Seine Gattin richtete sich aus den Kissen auf, als er ins Schlafzimmer trat. „Aber Schnabel wieder so spät . . ." „Wenn meine Pflicht als Parteiführer mich zurückhält, so kann es auf die Stunde nicht ankommen," unterbrach Schnabel mit Würde. „Ich habe Studien gemacht. Du hast es selbst gewünscht, daß ich gegen das verruchte Judenthum zu Felde ziehe, und ich sehe jetzt, wie berechtigt Dein Wunsch war, meine Liebe. Schon morgen — was sage ich: morgen? am Liebsten heute noch möchte ich eine Volksversammlung einberufen, um loszudonnern gegen das Volk Israels. Ich sage Dir, Minna, eine Rede habe ich mir einstudirt, als ich in diesen Abendstunden einsam durch die Gaffen wanderte — eine Rede ..." „Aber Schnabel . . ." Eine Rede, vor der sie erzittern werden, meine Liebe. O, wie danke ich Dir, daß es Deinem unermüdlichen Zureden gelungen ist, mich endlich aus die Laster jener Race aufmerksam zu machen. Verfolgung werde ich gegen sie predigen, unerbittliche, ja, grausame Verfolgung. So wie ich hier vor Dir stehe, Minna, werde ich mich nicht scheuen, im Nothfalle selbst zur Waffe zu greifen . . ." „Aber Schnabel. . ." „Du freust Dich, meine Liebe, daß der Same, den Du mit bedächtiger Hand ausgeftreut hast, so herrlich aufgegangen ist, daß er aus dem ruhigen, beschaulichen Bürger einen Wütherich machte? Nun