Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 76-77 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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1474 „O, das ist herrlich, das ist großartig!" ries Herr von Witzleben. „Erlauben Sie, verehrter, lieber Herr Schnabel, daß ich Ihnen die Hand drücke, daß ich Sie Freund nenne! Ja wahrlich, auf die Freundschaft eines solchen Mann darf jeder Patriot stolz sein. Ich werde Sie dem Präsidenten empfehlen, Seiner Excellenz aus Herz legen und an hoher ... ich sage an hoher Stelle Ihre Hingebung, Ihre Opferfreudigkeit in das gehörige Licht rücken. Nun denn, so heiße ich Sie als Bruder und Mitarbeiter nochmals willkommen, und wenn Sie meines Rathes bedürfen, so stehe ich jederzeit zu Ihrer Verfügung." „Mein Mann hat beschlossen," nahm Frau Schnabel wieder das Wort, dem „Patriotischen Verein" vorläufig fünfhundert Mark zu überweisen — natürlich zur diskretionären Verwendung. Wenn Sie sich der Mühe unterziehen wollten, Herr Hauptmann, den kleinen Betrag entgegenzunehmen . . ." „O, Ihnen und Herrn Schnabel stehe ich stets bereitwilligst zu Diensten." Mit einem stillen Seufzer entnahm der Rentier seinem Schreibtisch einige Kassenscheine, die Herr van Witzleben achtlos einsteckte. Dann empfahl sich der vornehme Besuch mit dem Versprechen, am nächsten Tage Herrn Schnabel in den „Patriotischen Verein" etnzuführen. „Siehst Du, Männe," sagte die wohlgelaunte Frau Schnabel, als sie mit ihrem Gatten wieder allein war, „jetzt kommst Du doch endlich einmal unter Menschen . . . Wirklich ein reizender Mann, Dein Freund, der Baron von Witzleben . . . Aber etwas lebhafter hättest Du Dich doch an der Unterhaltung betheiligen können." Ach, er hatte auch nicht ein einziges Wort gesprochen, der gute Schnabel, sondern sich damit begnügt, nach und nach die sämmtlichen Knöpfe seiner Weste abzudrehen, so daß er jetzt genöthigt war, eine neue anzuziehen. Er athmete auf, als er dann endlich auf der Straße war und den Weg nach dem Gasthaus zum „Kranz" einschlug. Als er sich dann aber dem Laden seines alten Freundes David Nathan näherte an dem er Vorbeigehen mußte, wurde ihm wieder äußerst unbehaglich zu Muthe. Nathan stand in der Thür und winkte ihm freundlich zu. „Guten Morgen, Davidleben," sagte Schnabel in gewohnter Weise, aber er schlug die Augen zu Boden, als wäre er bei einem Diebstahl ertappt worden. „Na, gestern wohl etwas spät geworden?" meinte Nathan scherzend. „Die liebe Frau wird nicht schlecht gewettert haben. Nun, mir ist auch gerade kein festlicher Empfang bereitet worden." Es war Schnabel unmöglich, auf den scherzhaften Ton einzugehen. „David," sagte er wehmüthig, „Du mußt mich begleiten, ich habe nothwendig mit Dir zu sprechen." „Ueber eine ernste Sache, wie es scheint? . . . Na, warte nur einen Augenblick, ich will nur meinen Hut holen." Nathan eilte in den Laden und kam gleich wieder zurück. „Wohin führst Du mich? ... In den Kranz? Zu so früher Stunde schon?" „Ja, zu so früher Stunde schon. Ich will Dich dort sprechen, wo wir so manche vergnügte Stunde verlebt, so mancherlei Gedanken ausgetauscht haben. Ach, es war die schönste Zeit meines Lebens! Wer weiß, ob ich solche Stunden jemals wieder verleben werde," „Aber Freund, Du erschreckst mich." rief Nathan; „das klingt ja wie ein Abschied vom Leben." Schnabel schüttelte nur traurig den Kopf und zog den Freund mit sich fort. Endlich saßen sie im „Kranz", allein in einer traulichen Ecke. Schnabel ließ zwei Glas Bier kommen, stieß mit dem Freund an und trank. Dann blickte er düster vor sich hin. „Aber, lieber Heinrich," sagte Nathan ernstlich beunruhigt, so erleichtere doch Dein Herz — was fehlt Dir?" „Schnabel seufzte tief auf, fuhr mit der Hand über die Stirn und sprach dumpf: „Davidleben was soll ich sagen?.. Ich bin Antisemit geworden." Nathan sah den alten Genoffen an, schüttelte den Kopf und musterte ihn von Neuem. Wie — sollte der gesunde, kraftstrotzende Mann über Nacht krank geworden sein, sollte der sonst so klare Geist des Freundes gelitten haben? Schnabel errteth den Gedankengang Nathans. Seine Stimme klang überaus traurig, als er sagte: „Nein, Freund, Du hast es keineswegs mit einem Verrückten zu thun. Was ich Dir sage, ist die lautere Wahrheit. Sie wollte es. Sie zwang mich, dem „Patriotischen Verein" betzutreten . . . O, Davidleben, Du hättest nur hören sollen wie sie mit mir gesprochen hat! ... Wenn ich nicht in den Verein einträte, hat sie gesagt, dann sollte ich sie erst kennen lernen — in ihrem Zorn kennen lernen, Davidleben! Nun mach' Dir ein Bild! Ich sage gar nichts mehr. Wie ich hier sitze und dieses Glas trinke auf Dein Wohl, Davtdleben, bin ich Antisemit, und ich muß Dich be-