Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 76-77 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1464 Ltebermann in seiner Eigenschaft als Politiker beobachteten Benehmens. Herr von Ltebermann hat durch die von ihm in Leipzig öffentlich vertretene Politik und durch die Art, wie er sie vertreten hat, wette, einflußreiche, dem Antisemitismus bereits geneigte Kreise von demselben zurückgeschreckt und den Antisemitismus in der öffentlichen Meinung Leipzig schwer geschädigt; Herr von Liebermann hat durch den von ihm im Februar 1892 im Leipziger Reformverein planmäßig herbeigeführten Skandal das innere so glücklich aufgeblühte Vereinsleben und das große Beachtung findende äußere Auftreten des Reformvereins in so gründlicher Weise gestört, daß sich der Antisemitismus in Leipzig von dem durch jenen Skandal empfangenen Schlage bis heute noch nicht wieder erholt hat; Herr von Liebermann bat bet dieser und anderen Gelegenheiten in so schroffer Weise nur seine eigenen Ansichten als maßgebend anerkannt, und zu ihrer Durchsetzung selbst vor der Verletzung des allergewöhnlichsten Anstandes nicht zurückgescheut, daß sich Hunderte von gut antisemitisch gesinnten Personen, welche ein derartiges Benehmen selbst an dem hochverdienten und bisher hochverehrten Parteiführer für unzulässig halten, von der Theilnahme am Reformverein und der Partei gänzlich wieder zurückgezogen haben, und daß das von Herrn von Liebermann gegebene Beispiel eine sehr ungünstige Einwirkung aus die noch au ihm festhaltenden Personen zu äußern scheint." Die Beweise hierfür sind in einer der Broschüre beigegebenen Anlage enthalten. Sehr interessant ist auch folgender Passus der Broschüre: „Ob Herr von Ltebermann unter genauer Aufsicht der Parteileitung noch fernerhin als Agitator und Reichstags- Abgeordneter im Dienste der Partei zu verwenden sei, wollen die Unterzeichneten dem Ermessen des neu zu bildenden Parteivorstandes überlassen." Man darf nun gespannt darauf sein, was der Abg. Liebermann von Sonnenberg auf diese interessanten Enthüllungen aus dem antisemitischen Lager erwtedern wird. Rußland. Petersburg, 4. Sept. Das russische Ministerium des Innern hat vor wenigen Tagen mittelst Geheimschreibens die Gouverneure ausgesordert, die Gerichtshöfe und die Handelskammern im Riederlaffungsgebtete zu beauftragen, eine ganze Reihe von Artikeln, Produkten und Gewerbezweigen aus dem Geschäftsbereiche der Juden auszuscheiden und ihnen unter Kerkerstrafe von sechs bis zehn Monaten zu untersagen, mit dergleichen irgend welchen Handel zu treiben. Dem Geheimschreiben hat das Ministerium ein Verzeichniß jener Artikel und Produkte beigelegt, welche aus dem Geschäftsbereiche der Juden auszuscheiden find. Darnach soll der Ankauf von Getreide und Waldungen bei den Bauern im Rtederlassungsgebiete den Juden gänzlich untersagt werden. In den Städten des Ntederlaffungsgebietes soll den Juden verboten werden, Wechselstuben, Pfandleihanstalten und Commissionsgeschäfte zu besitzen; die jüdischen Lebensmittelhandlungen sowie Manufacturwaarengeschäfte sollen auf ein gewisses Percent reducirt werden. Die Juden, welche Branntweinbrennereien oderLiqueurfabriken besitzen, sollen angewiesen werden, fortan nur auf eigenem Grund und Boden und in eigenen Häusern ihre Geschäfte betreiben zu dürfen. Dies sind die Hauptzüge der bereits verordnten Beschränkung des Handels und des Gewerbes der Juden in ihrem Ghetto, dem Niederlassungsgebiete. Um die verhängnißvolle Tragweite dieser Maßregel für die Juden im Ntederlassungsgebiete vollauf zu begreifen, muß man bedenken, daß die Juden in Rußland eine durch und durch rechtlose Masse bilden, die zu keinem öffentlichen Amt Zutritt hat, die durch Jahrhunderte genöthigt war, im Handel und im Kleingewerbe ihren Lebensunterhalt zu suchen. Die neue Beschränkung wird Tausenden von Juden vollends den Boden einer kärglichen Existenz abgraben. Will man noch nach den Gründen forschen, welche die Pahlen'sche Commissio n und das Ministerium des Innern bewogen haben, eine Unzahl russischer Unterthanen ihrer letzten Lebensstütze zu berauben? Daß die Behauptung der russischen Judenverfolger, die Juden untergraben den Handel und schädigen die einheimische Bevölkerung, eine Mythe sei, das ist soeben von der Regierung selbst bestätigt worden. Diese Bestätigung fand ihren Ausdruck in einem Regierungsacte, der in Form eines ministeriellen Erlasses vor wenigen Tagen an die Gouverneure der außerhalb der jüdischen Niederlassungsgebiete liegenden Gouvernements gerichtet worden und dessen Entstehung auf folgende Thatsache zurückzuführen ist. Im Gouvernement Saratow leben gegenwärtig gegen 8000 Juden, deren Vorfahren bei dem Regierungsantritte Kaiser Nikolaus I. sich dort angesiedelt hatten. Das ganze Gouvernement gehört noch jetzt zu den uncultivirtesten Gegenden im Czarenreiche. Die dortige Bevölkerung hat sich bei den Cholerascandalen in sehr unrühmlicher Weise hervorgethan. Zur Zeit Kaiser Nikolaus I. war diese Gegend eine vollständige Wildniß, wo Handel, Gewerbe und Industrie auf der denkbar niedrigsten Stufe sich befanden. Die Zulassung der Juden nach Saratow unter Nikolaus I. soll auch nur deshalb erfolgt sein, um Handel und Gewerbe in jener Gegend einzubürgen und zu heben. Seitdem sind beinahe siebzig Jahre verstrichen. Die Juden haben nicht nur im Gouvernement Saratow die