Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 76-77 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1457 sonst 80,000 Stück enthält, nur 2000 Stück mitbringt, entsteht durch das Trtester Verfahren eine große Calamität. Die Käufer, die bereits ihr Geld nach Triest geschickt haben, erhalten dieses kurz vor den Festen von dort zurück, da die Trtester Händler nicht genügend Waare haben. Nun stürmt es von allen Seiten auf die deutschen Händler ein, die auf einen solchen Andrang nicht vorbereitet sind und den Ansprüchen nicht genügen können. Würden bet diesen die Bestellungen zeitig gemacht, so wären sie im Stande, durch ihre Beziehungen nach allen Seiten hin jeder Forderung gerecht zu werden. So aber ist die Nachfrage groß, das Angebot gering, die Preise hoch, und man muß glücklich sein, wenn man überhaupt noch ein Esrog, das nur einigermaßen den Ansprüchen genügt, erhält. Es wäre gut, wenn die Konsumenten diese Darlegung beherzigten. Schweiz. Bern. Die Schweizerische Eidgenossenschaft im Allgemeinen und die Schweizerische Judenheit ins-! besondere hat einen schweren Verlust erlitten. Am ß Donnerstag den 14. September verstarb plötzlich Bundesratb Louis Ruchonnet Chef des 1 Justiz- und Sßolt$eibcpartement§. Derselbe war 1 schon seit längerer Zeit schwer leidend, hatte sich f aber wieder so weit erholt, daß er seit einigen? Wochen wieder die Führumg seines Departements j übernehmen konnte. In dieses Departement fällt \ auch die Schächtangelegenhcit, die er seitdem ste die ) Bundesbehörden beschäftigt, mit einer Wärme, Enerj gte und Umsicht vertrat, für welche ihm die schwcil zertsche Judenheit zum ewigen Dank verpflichtet ist. Dabei war es nicht eben eine besondere Vorliebe für die Juden oder deren Religion, welche sein Handeln bestimmte, sondern lediglich sein unbeugsamer Sinn für Recht und Gerechtigkeit und religiöse Toleranz. Er selbst stand für seine P-rson dem religiösen Momente mindestens gleichgiltig gegenüber, aber das hinderte ihn nicht allen berechtigten Ansprüchen der verschiedenen Confessionen volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dies erkennt auch die Tagespresse aller religiösen und politischen Parteien mit aufrichtigem Danke an und bedauert den unersetzlichen Verlust des seltenen Mannes. Niemand aber hat diesen Verlust vielleicht schwerer zu beklagen als die Schweizerische Judenheit gerade in diesem Augenblick, wo es sich darum handelte, den schweren Schlag zu pariren, der ihrer Religionsfreiheit durch die Abstimmung vom 20. August versetzt wurde. Ruchonnet war als er in der Nacht vom 20. August das Resultat der Abstimmung erfuhr ganz trostlos und bezeichnete den Tag als einen Unglückstag nicht für die Juden, sondern für die freie Schweiz, deren Ansehen in der politischen Welt dadurch schwer compromittirt werde. Als Ruchonnet die Schacht-Angelegenheit zum ersten Male vor der Bundesversammlung zu vertreten hatte, war es das Verdienst seiner klaren, überzeugenden Darstellung, daß die große Majorität sich sofort auf seine Seite stellte. Es war nicht der Pathos seiner Rede, sondern die packende Schärfe seiner Gedanken und die originelle Art seiner Darstellung, welche überall und so auch hier so außerordentliche Erfolge erzielte. — Man muß den Redner damals — wie Schreiber dieser Zeilen — selber gesehen und gehört haben um sich den Einfluß zu erklären, den er auf die Parlamente ausübte. — Als er in seiner damaligen Behandlung der Schächtangelegenhcit auf die religiöse Seite der Sache zu sprechen kam um deren Behauptung entgegen zu treten, als sei das Schächten gar keine religiöse Satzung, sagte er etwa Folgendes: „Ueber diese Frage bin ich mir schon seit vielen Jahren klar ohne einen Blick in die Bibel oder den Talmud geworfen zu haben. Als ich noch lange nicht Mitglied des Bundesrathes war, hatte ich als Anwalr einen armen jüdischen Hausirer zu vertheidigcn, der wegen eines Vergehens gefänglich eingezogen war. Eines Tages erhielt das Gericht die Nachricht, daß der Gefangene sich weigere, irgend welche Nahrung zu sich zu nehmen. Erstaunt begab ich mich zu meinem Klienten ins Gefängniß und hörte von ihm, daß diese Weigerung darauf beruhe, daß seine Religion ihm verbiete, Fletsch von Thieren zu genießen, die nicht nach den rituellen israelitischen Vorschriften getödtet sind. Diese Standhaftigkeit und Hingebung an seine religiöse Ueberzeugung machten auf mich und die Richter einen so nachhaltig tiefen Eindruck, daß ste die Freilassung des armen Mannes zur Folge hatte. Ich aber sagte mir damals schon, das Schächten muß eine im ganzen Wesen des Judenthums tiefliegende Satzung sein, wenn sie einen armen, theologisch vollständig ungebildeten Menschen zu einem solchen Heroismus begeistern kann, tagelang auf jede Speise zu verzichten." Die Thierschützer hatten damals unter die Mitglieder der Bundesversammlung antisemitische Pamphlete vertheilt, welche die bekannten erlogenen und gefälschten Citate enthielten, wonach sämmtliche Christen Betrüger und alles Mögliche sonst sein sollten. — Am Ende seines Plaidoyers nahm er ein solches Pamphlet in die Hand und sagte: Ich bin mit meinen Ansführungen zu Ende. — Ich glaube den Beweis erbracht zu haben, daß das Schächten mit keinem Schein von Recht eine