Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 76-77 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1458 Thierquälerei genannt werden kann, und daß das Verbot desselben eine flagrante Verletzung der in der Bundesverfaffung garantirten Gewissens- und Religionsfreiheit wäre. Nun hat man unter uns diese Schandschriften vertheilt, von welchen ich ein Exemplar hier in der Hand habe. Angesichts dieser Thatsache erkläre ich ihnen: Wenn ich überzeugt wäre, das Schächten sei eine Thierquälerei so würde ich doch einem Verbot desselben nicht zustimmen, um nicht den Schein zu erwecken, als zählte auch ich zu diesen Menschen, die vor solchen Mitteln nicht zurückschrecken, uur Religtons und Klassenhaß unter uns zu streuen. Ich empfehle Ihnen daher dem Beschlnß des Bundesrathes ihre Zustimmung zu ertheilen." Es ließen sich noch eine Fülle solcher Züge aufführen; das bisherige dürfte genügen um den Scbmerz zu würdigen, welcher die Israeliten der Schweiz wegen des Hinschetdens dieses trefflichen Mannes erfüllt, sowie die dankbare Gesinnung, die sie ihm allezeit bewahren werden. Bulgarien. Sofia, 15. Sept. Am 21. September beginnt vor dem Kreisgericht in Rahowo ein Prozeß wegen eines Blutmärchens in Wratza, wobei einige Juden wegen eines angeblichen Ritualmordes an einem Chrtftenmädchen angeklagt sind. Die Affaire * datirt zwei Jahre zurück. > Vermischtes. Berlin. Der Antisemitismus treibt gar wunderliche Blüthen. So findet sich im Anzeigentheil eines hiesigen Blattes das Heirathsgesuch einer Jungfrau, in dem als Bedingung angeführt wird: „Der Bewerber muß Antisemit sein." Hoffentlich findet sich zu dieser keuschen Frauenseele eine gleichgesinnte Jünglingsseele, dann wird die schöne Harmonie im Hassen nicht durch die leiseste Liebesanwandlung gestört. Früher ließen die Dichter ihre edlen Frauen sagen: „Zu lieben, nicht zu Haffen bin ich in die Welt gekommen!" gegenwärtig scheinen die Frauen anders geartet zu sein. DaS „Aerztliche Vereinsblatt für Deutschland" bringt in seiner neuesten Nummer (S. 430.) eine Mittheilung aus dem Städtchen S., nach welcher ein dortiger Arzt die Impfscheine, welche er ausstellt, unterzeichnet: „Dr. christlicher Jmpfarzt." — Man könnte besorgt sein für die ärztliche Kunst und Wissenschaft, wenn das christliche Glaubenöbekenntniß der Impfenden für die bessere Schutzwirkung geltend gemacht wird. Es ist aber nur das ärztliche Handwerk, das, wie unsere anderen Handwerke, zur Zeit auch bald vom Antisemitismus, bald vom Befähigungsnachweis und Jnnungszwang Mehrung und Sicherung seines Einkommens erwartet. Daß christlich approbierte Aerzte als Stellvertreter und dsgl. gesucht werden, daß das städtische Krankenhaus in Chemnitz bei Bewerbung um die Asistentenarztstelle den „Taufschein" als nothwendig erachtet, ist bekannt, aber der „christliche Jmpfarzt" — das ist doch der Gipfel unser modernen Bildung; am Ende wird noch „christliche Lymphe" von christlichen Kälbern besonders empfohlen. Magdeburg, 5. September. Vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts stand gestern ein. Beleidigungsprozeß zwischen dem Führer der hiesigen Antisemiten, Hauptmann a. D. von Schirp, und dem Oberstabsarzt a. D. Herrn Dr. Rosenthal, Mitglied der Schuldeputation, zur Verhandlung. Es handelte sich um antisemitische Flugblätter, die in einer der hiesigen höheren Töchterschule oertheilt wurden, was Herrn Dr. R. veranlaßte, solchen Unfug in einem Briefe an den Rektor der Schule mit scharfen Worten zu geißeln. Der Gerichtshof fand in dem Briefe des Dr. Rosenthal eine strafbare Beleidigung nicht enthalten, da er sowohl als Jude, als auch als Mitglied der Schuldeputation berechtigt gewesen sei, dem Schulvorstande von etwaigen Mißbräuchen in der Schule Mittheilung zu machen: der Brief sei in Wahrung berechtigter Interessen geschrieben und deshalb müsse die Freisprechung des Dr, Rosenthal erfolgen. Der Hauptmann v Schirp aber wurde wegen Beleidigung des Dr. Rosenthal in zwei Fällen mit 30 Mark event. drei Tagen Gefängniß belegt, dem Beleidigten auch in dem einen Falle die Publikationsbefugniß in der „Magdeburgischen Zeitung" zugesprochen. München, 7. Sept. Von hier berichten bayerische Zeitungen, daß ein bekannter Antisemit einen Herrn, den er irrtümlicher Weise für einen Israeliten hielt, gröblich beleidigte. Vor dem Schiedsmann bequemte sich der Antisemit zu einem Pönale von 25 Mark, das er nach langem Sträuben auf das ausdrückliche Verlangen des Beleidigten der-israelitischen Kultus-Gemeinde zur Unterstützung armer Juden zuwenden mußte. In London ist der Baron Montefiore, ein Vetter des berühmten Philanthropen Moses Montefiore, im Alter von 91 Jahren gestorben. — l Synagogeneinweihungen.) Am 31. Auguii wurde die Synagoge der orthodoxen israel. Cultusgemeinde in Bistritz (Ungarn) ei,«geweiht. Bezirksrabbiner Horowicz hielt die an Form und Inhalt gleich allsgezeichnete Weiherede, die auf sämmtliche Zuhörer einen sichtlichen Eindruck gemacht, besonders hat die lebhafte Schilderung der jüdischen Leiden in der Zerstreuung viele Thränen des Mitleids hervorgerufen. Der Obergespan, die hohen Offiziere und sämmtliche Honorationen beglückwünschten den Rabbiner und den Vorstand zu den großartigen Erfolgen, die sie erzielt haben. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die Gemeinde einhellig beschlossen hat, den streng orthodoxen Charakter der Synagoge nie zu ändern. — Am 4. September wurde die neue Synagoge in Osterode (Preußen) eingeweiht. Einweihungsreden hielten die Herren Prediger Sturmann und Rabbiner Dr. Bamberger. Der Oberrabbiner von Amsterdam, Dr. I. H. Dünner, ist am Geburtstage der Königin zum Ritter des niederländischen Löwen ernannt worden. Unter den Deputationen, die Fürsterzbischof Dr. Kohn am 25. v. M. in Biferrz begrüßt haben, befand sich auch eine Deputation der israel. Kultusgemeinde. Auf die Ansprache des Rabbiners Dr. Jacob Spira antwortete er: „Seien Sie versichert, daß ich stets im Geiste meiner heiligen Kirche, die ja Liebe lehrt, wirken werde, und daß ich stets treu bleiben werde den Traditionen meiirer Vorgänger, die ja auch in diesem Sinne wirkten." Briefkasten der Expedition. Herrn Rudolf Brouner in Treuchtliugeu. Aus Ihrer Mitteilung mit Briefeinlage des Herrn Rabbiner Wißmann ersehen wir, daß das von Ihnen sabrizirte Zahnpulver wohl seither nicht unter Aufsicht deS Herrn Rabbiner Wißmann hergestellt worden ist, daß Sie jedoch dasselbe ihm zur Begutachtung vorlegen wollen, wozu sich derselbe ev. bereit erklärt hat.