Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 76-77 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1450 welches bisher, wenn auch innerlich eine starke antisemitische Strömung vorhanden sein mag, doch große Zurückhaltung in dieser Frage beobachtet hat. Das hochconservative Blatt wendet sich auch dringend an die Weisheit und Staatsklugheit der Regierung, auf daß sie endlich zur Regelung dieser brennenden Frage wirksame Schritte thue. Wir gehen aller Voraussicht nach da wieder sehr erregten und häßlichen Kämpfen im Reichstag entgegen. Berlin, 15. Sept. In der „Allgemeinen Pferde- und Thierschutz-Ausstellung", welche vorige Woche hier stattfand, war auch das Modell einer „Vorrichtung zum Umlegen von Schlachtthieren zum Zwecke des Schächtens", hergestellt von S. Schmld, Dcpartements-Thierarzt in Lauf (Bayern), zu sehen. Die offiziele „Ausstellungs-Zeitung" äußert sich darüber folgendermaßen: „Das ausgestellte Modell zeigt eine Anordnung, die ein sanftes, schnelles und sicheres Niederlegen der Schlachtthiere ermöglicht. Das Schlachtthier wird an die senkrecht stehende Wand geführt und sodann der Kopf mittels um die Hörner geschlungenen Stricks an der Wand knapp befestigt. Hierauf werden der Brustgurt und die Fußriemen, die je zwei Füße mit einer einzigen Schnalle fixiren, angelegt. Die an der Seite des Schlachthauses angebrachte Welle mit llcbersetzung bewerkstelligt, sodann mit 2 Seilen ein rasches und sicheres Umlegen der am Boden drehbaren Wand sammt Schlachtthier. Thierquälereien sind bei Anwendung dieser neuen Vorrichtung ausgeschlossen." Berlin, l7. Sept. Im Interesse des Judenlhums halte ich mich verpflichtet, Ihnen folgende Begebenheit zu berichten. Am 29. August feierte ich in Cassel eine Hochzeit, welche, da der Kreis sehr zahlreich, im „Hotel Prinz Wilhelm" abgehalten wurde. Die Zubereitung der Speisen war streng koscher und geschah unter Aufsicht einer vorn Rabbiner gestellten Persönlichkeit. Am Tage nach der Hochzeit begaben sich etwa 12—15 Personen, welche streng koscher essen, in das Hotel Mansbach, um dort vor ihrer Abreise zu Mittag zu speisen. Hier hatten sie jedoch die Rechnung ohne den rigorosen Wtrth gemacht, denn dieser erklärte den Gästen rundheraus, daß er fürste überhaupt nichts habe, sie sollten da essen, wo sie die große Hochzeit abgehalten hatten. Bei diesem Ausspruch verblieb der Herr, trotz aller Vorstellungen und so mußten die Gäste, unter denen mehrere alte Damen, in einen koscheren Metzger laden gehen, um dort etwas zu genießen, bevor sie ihre sehr lange Heimreise antraten. Ich erachte es im Interesse aller strenggläubigen Juden für nothwendig, diese Begebenheit an die Oeffentlichkekt zu bringen, damit der menschenfreundliche Restaurateur in Zukunft etwas' toleranter verfährt. Breslau, 7. Sept. Die Kriegervereine haben sich bisher von antisemitischen Hetzereien frei gehalten. Man hat wenigstens niemals gehört, daß der Versuch gemacht wurde, den Antisemitismus in die Krtegerveine hineinzutragen. Von dem ersten Falle erhält man Kennlniß durch folgenden Briefwechsel : An den Vorsitzenden des Deutschen Krieger- Vereins za Breslau, königlichen Obersten a. D. Herrn von Walther, Ritter hoher Orden, Hochwohlgeboren. Breslau, den 10. August 1893. Es haben mehrere Kollegen beschlossen, dem hiesigen Krieger-Vereine beizutreten. Wir haben jedoch in Erfahrung gebracht, daß zu den Offiziersstcllen auch Juden zugelassen werden, auch soll ein Jude die Stelle als Hauptmann bei einer Kompagnie von hier bereits einnehmen. Euer Hochwohlgeboren ersuche ich ganz ergebenst, uns gefälligst mittheilen zu wollen, ob dieses der Wahrheit entspricht. Sollte dieses der Fall sein, so müssen wir zu nnserm größten Bedauern, weil es dem Innern eines jeden guten Deutschen widerspricht, sich einem Juden unterzuordnen, davon zurücktreten. Einem gütigen Bescheide entgegensetzend (folgt Unterschrift.) Darauf ging folgende Antwort ein: Urschriftlich mit dem Bemerken zurück, daß es Ihnen und Ihren Herren Kollegen anhetmgestellt wird, einem Verein beizutretcn, wo Juden als Mitglieder nicht angenommen werden. — Breslau, den 12. August 1893. Der Vorstand des Breslauer Krieger-Vereins Bezirk X. I. A: (gez.) Krain, Vereinshauptmann und Chef des Vereins-Büraus. Krojanke, 11. Sept. Mit großer Genugthung wird von unserer jüdischen Gemeinde die Verfügung des Regierungs-Präsidenten begrüßt, nach welcher das von der Polizei erlassene Schächtverbot bis auf Weiteres aufgehoben ist. Bisher mußten die Fleischkäuse in Flatow und Schneidemühl, wo das Schlachten nach jüdischem Ritus in den Schlachthäusern gestattet war, besorgt werden. Schweiz. Basel. Mit dem Resultat der Eidgenössischen Abstimmung vom 20. August, welche die Betäubung sämmtlicher Thiere vor der Tödtung anordnet, fühlt sich eigentlich niemand befriedigt. Selbst die Thierschützer erlassen jetzt eine Art Manifest: „Nach der Schlacht" betitelt, in welchem sie ihr Bedauern aussprechen, daß sie genöthigt waren auf dem Wege einer Volksabstimmung ihre Veilletuten in die Verfassung zu bringen. Die Zeitungen, die wie in diesem Blatte bereits früher constatirt, fast ausnahmslos gcgen die Bewegung waren, suchen bereits nach Mitteln um die ganze Geschichte mit