Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 75 (18.9.1893)
- Date
- 1893-09-18
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Präs.: Sind Sie denn ein so geeignetes Mittel für einen solchen Mißbrauch? (Gelächter.) Es wird auch noch beschlossen, Professor Bickell vorzuladen. Präs.: Also, Herr Dr. Deck ert, was sagen Sie zur Anklage? Deckert: Ich möchte zunächst erzählen, wie ich Meyer kennen lernte. Er kam Ende März dieses Jahres zu mir und brachte mir eine sehr warme Empfehlung vom Prager Universitäts-Professor Dr. Rohling, der Meyer als außerordentlich tüchtigen Orientalisten und als sehr verläßlichen Menschen schilderte. Meyer wieS mir auch eine Reihe von Attesten über seine MissionSthätigkeit vor und erzählte mir, er beabsichtige, ein wissenschaftliches Werk zu schreiben, in welchem er den Ritualmord beweisen wolle. Da er in Deutschland, wo ihn Juden und Protestanten hassen, unmöglich sei, suche er in Wien ein stilleS Plätzchen, um dieses Werk ruhig schreiben zu können. Ich möge ihm dazu behilflich sein. Ich wollte mir die Sache überlegen, und nach einigen Tagen kam er mit dem Wiener Universitäts-Professor Dr. Gustav B i ck e l l zu mir. Dieser stellte mir Meyer als seinen guten Freund vor, der ihm gleichfalls von Rohling empfohlen sei, und bat mich, ich möge mich für Meyer verwenden, damit derselbe eine wissenschaftliche Arbeit vollenden könne. Gerade die Empfehlung Bickell's, fuhr Dr. Deckert fort, war für mich von großem Werthe. Meyer war mir nun von einem Antisenliten, dem Professor Rohling, und von einem ausgesprochenen Philosemiten, wenigstens in der Frage des Ritualmordes, Professor Dickell, empfohlen. Ich ging also auf den Antrag Meyer's ein und schloß mit ihm in Gegenwart des Professors Bickell den Vertrag, wonach Meyer sich verpflichtete, ein Werk über den Ritualmord bei den Juden zu schreiben, in welchem er nicht blo8 Stellen aus der rabbinischen Literatur eitiren und Uebersetzungen wiedergeben, sondern, wie Meyer es selbst anbot, Beweise für den Ritualmord bringen sollte. So lautete unser Vertrag; der Vertrag liegt hier (zeigt auf ein Schriftstück), Meyer hat ihn unterschrieben. Bald darauf ging Meyer nach Leipzig und schrieb mir von dort, ich möchte ihm eine Wohnung in meiner Nähe besorgen. Kurze Zeit darauf kam er mit seiner Braut nach Wien, welche ep, wie er mir sagte, als Schreiberin und Secretärin brauchte. Da er seine Wohnung nicht gleich beziehen konnte, so habe ich ihm in frenndlichster Weise Gastfreundschaft für einige Tage angeboten; er durfte bei mir schlafen. Seine Braut habe ich anderweitig untergebracht. Nachdem seine Wohnung beziehbar war, zog er von mir aus. Meine Gegner haben mir einen Vorwurf daraus gemacht; warum aber soll ich einem Manne, der mir empfohlen ist, nicht für einige Tage Gastfreundschaft gewähren? Am 7. April erschien der erste Angriff gegen meine Broschüre über den Rüualmord in der „Oesterreichischen Wochenschrift" von Bloch. Ich konnte zu demselben nicht schweigen, denn meine Arbeit, die aus Grund von historischen Daten, von Gerichtsakten geschrieben war, wurde von Bloch als ein niederträchtiges und lügenhaftes Pamphlet bezeichnet. „Es sei eine Lüge", sagte Bloch, „daß Simon von Trient von den Juden ermordet wurde", und er verflieg sich so weit, zu behaupten, daß die Juden allein sich rein von Blut gehalten haben. Das konnte mir nicht gleichgiltig sein. Ich zeigte den Artikel dem Paulus Meyer und derselbe empörte ihn auf das tiefste. Im Laufe der Unterredung sagte mir Meyer: „Herr Pfarrer, ich kann nicht nur beweisen, daß es ein Blutritual gibt, sondern ich bin selbst Augenzeuge von solchen Kinderabschlachtungen gewesen." Dann erzählte er mir das Factum von Ostrowo ganz ausführlich, noch viel ausführlicher, als es in seinem Briefe erwähnt ist. Auch von anderen Facten erzählte er mir. Ich fragte ihn, ob ich das zu Papier bringen dürfe. Er sagte es mir zu. Ich besitze noch das Stenogramm. Schließlich sagte er mir, es wäre besser, wenn er das Ereigniß von O rowo aufschreibe und in Briefform mir übergebe. Ich war einverstanden, und nach einigen Tagen kam er mit seiner Braut zu mir und überreichte mir den Brief. Derselbe war von seiner Braut geschrieben, nur die Unterschrift war von Meyer. Daß er für diesen Brief von mir bezahlt wurde, wie meine Gegner behaupten, ist eine böswillige Erfindung, denn ich versichere, in dem Augenblicke, wo er eine Bezahlung von mir gefordert hätte, würde ich ihn mit Verachtung von mir gewiesen haben. Ich verfaßte nun meine erste Entgegung auf die Angriffe des Dr. Bloch. Ich machte in derselben nur Andeutungen von Ostrowo, wo diese angebliche Mordthat geschehen ist. Die Erzählung Meyer's war mir nur eine Bekräftigung meiner historischen Forschungen; aus den Procetzacten Simon's von Trient habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß es früherer Zeit Ritualmorde gegeben hat. Kaum hatte ich die Andeutung von Ostrowo gemacht, erklärten die Gegner, das sei unmöglich: Bloch sagte, selbst ein Convertit könne das nicht geschrieben haben, weil er einen Ritualmord nicht gesehen haben könne. Run war ich in einer moralischen Zwangslage. Wenn ich den Brief Meyer's nicht veröffentlichte, stand ich als Lügner da. Bevor ich aber den Brief publicirte, machte ich noch eine letzte Probe auf die Wahrhaftigkeit Meyer's. Ich ging mit ihm in die Redaction des „Vaterland", stellte ihn dem Redacteur Jnthal als den Verfasser des Briefes vor, welchen ich der Redaction schon früher zum Lesen gegeben hatte. Auch in der Redaction schwur Meyer hoch und theuer, daß er Zeuge der Blutthat von Ostrowo gewesen sei. Run fielen bei mir alle Bedenken weg, und ich publicirte den Brief. Präs.: Eines ist bedenklich. Ein Verdacht betreffs der Abfassung des Briefes liegt iusoferne vor, als es nicht wahrscheinlich scheint, daß Meyer, den wir ja hier gehört haben, die Befähigung hat, einen solchen Brief in einem solchen Styl zu schreiben. Dr. Deckert: Meyer ist des Deutschen allerdings nicht vollständig mächtig, aber seine Braut ist eine hochgebildete junge Dame, die wahrscheinlich das, was er ihr sagt, in die deutsche Form bringt. Präs.: Die Braut hat sich der Aussage entschlagen. Auf eine Frage des Dr. Kopp verliest Dr. Deckert den erwähnten Empfehlungsbrief Rohling's. Dieser schreibt, Meyer sei ein Hebraist, mit dem wie Leipziger Gelehrte sagen, kein Lebender zu vergleichen sei. Meyer sei ein durchaus ehrenwerther und wahrheitsliebender Charakter, weßhalb er Deckert bitte, ihn in Wien zu versorgen. Dr. Kopp (zu Dr. Deckert): Sie sagten, Profeffor Bickell sei ein Philosemit. Run, ein Philosemit in dem Sinne, in welchem die Antisemiten „Judenknecht" sagen, ist er nicht. Dr. Deckert: Er ist ein Philosemit, weil er in der Frage des Ritualmordes auf der Seite der Juden steht. Dr. Kopp: Auf der Seite der Wahrheit. Was haben Sie dem Meyer an Geld gegeben? — Dr. Deckert: Ich habe ihm 100 fl. per Monat versprochen, er mußte sich aber verpflichten, mir das Geld von dem Schriftsteller-Honorar, das er erwartete, zurückzustellen. Dr. Kopp: Sie haben ihm blos Geld versprochen? — Dr. Deckert: Ich habe ihm auch welches gegeben, so 10« fl., damit er nach Leipzig fahren könne. Dr. Grie z fragte hierauf: Herr Dr. Deckert, wie lange hat Meyer bei Ihnen geschlafen? Bis zum 11., bis 12. Mai? Dr. Deckert: So etwas. — Dr. Griez: Sie erinnern sich, daß Sie dem „Reuen Wiener Tagblatt' auf Grund des § 19 des Preßgesetzes eine Berichtigung des Inhaltes zusendeten, daß Meyer nicht bei Ihnen gewohnt habe? — Dr. Deckert: Er hat auch nicht bei mir gewohnt, er hat nur ü'ber nachtet. (Heiterkeit.) Wohnen und schlafen ist nicht alles eins. — Dr. Griez: Wo hat Meyer gewohnt, als er aufzehört hatte, die Nächte bei Ihnen zuzubringen? (Lachen.) — Dr. Deckert: Das habe ich erst später erfahren. — Dr. Griez: Ist es richtig, daß Sie den Polizei-Beamten, welche den Meyer bei Ihnen suchten, erklärten, die Wohnung des Meyer nicht zu wissen? — Dr. Deckert: Polizeispitzeln gegenüber bin ich immer vorsichtig. — Dr. Griez: Warum traten Sie mit Meyer in Verbindung? — Dr. Deckert: Es kann keinem Menschen verwehrt werden, sich auf historischem Wege eine Ueberzeugung zu verschaffen; ich habe ehrlich geforscht und.^mir die Ueberzeugung gebildet, daß