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Der Israelit · 1893-09-18 · Heft 75 (18.9.1893) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 75 (18.9.1893)
Date
1893-09-18
Page
– (sequence 19)
Language
German
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B ickell mich fragte, ob mit diesem Convertiten ich gemeint sei. Dr. Deckert machte mich unglücklich. DaS sagte ich diesem, und da lachte er und rieth mir, nach der Schweiz zu gehen. Ich sagte: „Ich Hab' ja kein Geld." Da sagte er: „Hab' ich Sie nicht zu Mittag eingeladen? Das Geld spielt keine Rolle." (Heiterkeit.) Eines Tages stand der Brief im „Vaterland", Dr. Deckert gab mir die Zeitung nicht zu lesen, und erst Professor Bickel l las mir den Brief vor. Ich war ganz nieder geschmettert, daß ich ein Augenzeuge gewesen sein sollte, wie man einen Judenknaben abgeschlachtet hat; ich war ganz unglücklich. Dann ging ich mit Dr. Deckert zum verantwortlichen Redacteur Jnthal vom „Vaterland". Ich war ganz aufgeregt, der Ritualmord summte mir immer so im Kopfe. Dann hat mir Professor Bickell 1000 fl. geboten, wenn ich ihm einen Brief schreibe, daß ich den Brief ans „Vaterland" zurücknehme. Ich habe das nicht gethan. Warum hätte ich das Geld nehmen sollen? Ich habe ja den Brief gar nicht geschrieben gehabt. Präs.: Sie behaupten also in Ihrer Verantwortung, daß Sie von Dr. Deckert bezüglich des Briefes mißbraucht worden sind, indem er Sie als den Verfasser des Briefes hinstellte und auch nicht die Berechtigung gehabt hatte, einen Brief mit Ihrer Unterschrift zur Veröffentlichung zu geben. Hier ist ein Brief mit Ihrer Unterschrift. Ist das Ihre Unterschrift? — Angekl.: Das ist so wenig meine Unterschrift, wie ich das Ganze geschrieben habe. — Präs.: Der Brief selbst ist nicht von Ihrer Hand, sondern scheint von Ihrer Braut geschrieben zu sein. Was die Unterschrift jedoch b trifft, sowie ein Postscriptum des Briefes so rührt dies nach der Behauptung des Pfarrers Deckert von Ihrer Hand her. Ich constatire, daß in den Protocollen mehrere Unterschriften des Meyer Vorkommen, welche augenscheinlich absichtlich entstellt sind. Man gewinnt den Eindruck, daß der Schreiber dieses Namenszuges aufgeregt oder krank war oder die Unterschrift entstellte. - Angekl.: Ja. Herr Präside« t, ich war sehr aufgeregt. Der Präsident übergibt den Geschwornen die Protocolle mit den Unterschriften Meyer's, sowie das Original des incriminirten Briefes und sagt: Ich bitte die Herren Geschworenen, diese Unterschriften mit einander zu vergleichen und zu entscheiden, ob mein Verdacht, es seien aie Unterschriften auf den Protocollen durch Aufregung, durch Krankheit oder durch Absicht entstellt, sie seien jedoch von derselben Hand wie die Unterschrift auf dem Briefe, plausibel ist oder nicht. Präs.: Hat Ihnen Professor Bickell das Geld angeboten, damit Sie dafür den Brief zurücknehmen? — Meyer: Nein, er nahm an. daß ich dies nur in meiner Noth gethan habe; er wollte mir darum die 1000 fl. geben, damit mir in meiner Noth geholfen werde und ich nicht mehr in den Händen Deckert's sei. — Präs.: Da hätten Sie ja einfach sagen können, daß Sie den Brief gar nicht geschrieben haben. Haben Sie das gesagt? — Meyer: Nein. Präs.: Wie ist Ihre Braut dazu gekommen, diesen Brief zu schreiben? — Der Angeklagte beginnt nun eine ausführliche Darlegung, die sich jedoch nicht mit dieser Frage beschästigt; er wird hiebei wiederholt von dem Präsidenten unterbrochen, ruft aber flehend und erregt, es sei dies für ihn nothwendig. Dr. Deckert habe ihm 100 fl. monatlich versprochen, wenn er Beweise für das Blutrituale gebe; er habe jedoch gesagt, Beweise hiefür könne er nicht geben, er wolle nur aus der Kabala und anderen Stellen des Talmud nach bestem Gewissen alle Stellen übersetzen, welche auf das Blutrituale Bezug haben, und zwar auf der einen Seite den hebräischen, auf der andern den deutschen Tert anführen; ob diese Stellen etwas beweisen, darüber sollen dann die Sachverständigen urtheilen. Mit Bestürzung, so fährt der Angeklagte fort, habe er da gesehen, daß Dr. Deckert einen Vertrag mit ihm aufsetze, worin er sich verpflichten sollte, die Beweise für das Blutrituale zu liefern; er habe sogleich eingewendet, daß dies nicht richtig sei, worauf Dr. Deckert meinte: „Nun, das ist nicht so schlimm, wir können's ändern. Meyer ergeht sich weiter über seine Gespräche mit Dr. Deckert. — Präs.: Sie kommen noch immer nicht darauf, wie Ihre Braut den Brief geschrieben. —Meyer; Verzeihen Sie, Herr Präsident, ich muß noch weiter erzählen. — Präs.: Sie schaden sich nur, wenn Sie so sehr von der Sache abschweifen. Das nimmt gegen Sie ein. — Meyer: Aber, Herr Präsident, ich muß das erzählen, ich bitte, mich nicht zu unterbrechen. Ich' werde dadurch verwirrt^ ich bin sehr nervenleidend. — Präs.: Ich werde auch nervös, wenn Sie so schwätzen. (Große Heiterkeit.) — Meyer: Ich will ein klares Bild entwerfen. Jeden Augenblick sagte mir Dr. Deckert: „Sehen Sie mal die „Oesterreichische Wochenschrift", was der Jude Bloch über mich schreibt". Bon 10 bis 3 Uhr Nachts sind wir zusammen gesessen und immer habe ich ihm erzählen müssen. Vielleicht, hat er gesagt, können Sie mir erzählen, was Sie bei den Chasstdim gesehen haben, Sie sind ja bei Ihnen in der Schule gewesen. Ich bitte um einige Augenblicke Unterbrechuug, ich bin müde. Der Präsident bewilligt die Unterbrechung. In der Zwischenzeit werden auf Antrag der Bertheidiger mehrere Stellen aus der Polemik zwischen Dr. Deckert und Dr. Bloch verlesen. Dr. Deckert sagt in einem Artikel, „er habe stets die schlimmsten Erfahrungen mit Juden gemacht, selbst mit getauften Juden, nur Einen achtbaren Juden habe er in einem Convertiten (Meyer) kennen gelernt, der ein ausgezeichneter Talmudkenner sei". Auch wird eine Stelle verlesen, in welcher Dr. Bloch den Pfarrer Deckert auffordert, den Brief zu veröffentlichen, mit dem er gedroht habe. Paulus Meyer nimmt hierauf seine Verantwortung wieder auf. Er berichtet weitschweifig, von dem Präsidenten wiederholt unterbrochen, über seine Gespräche mit Dr. Deckert.—Präs.: Wir wissen bereit-, was Sie meinen. Sie wollen sagen, Sie hätten dem Herrn Dr. Deckert so viel über die Gebräuche der Juden erzählt, daß er auch selbst einen solchen Brief aufsetzen konnte. Seien Sie also kürzer.— Meyer: Aber ich muß ja Alles erklären; man läßt einen solchen Brief unter meinem Namen erscheinen, daß mir mein Herz blutet und ich hier stehen muß. Ich werde so verwirrt, wenn ich unterbrochen werde. Präs.: Jetzt bitte ich, uns endlich zu sagen, wann Sie mit Ihrer Braut darüber gesprochen, als sie den Brief geschrieben. — Meyer: Nachdem der Brief veröffentlicht war, habe ich Herrn Dr. Deckert gebeten, er möchte mir den Brief wenigstens zeigen; er hat es mir verweigert und mir ein Glas Wein angeboten. Ich war so aufgeregt, daß ein solcher Brief veröffentlicht wird, und ich bin ganz unschuldig daran, und es sollen vier unschuldige Menschen darunter leiden. Ich habe bann meine Braut darüber gefragt, und sie hat gesagt, sse weiß nicht, ob sie es geschrieben hat. Präs.: Aber da8 muß man sich doch merken, ob man so etwas geschrieben hat? — Meyer: Sie hat es ja nur als Maschine geschrieben; e8 ist ihr dictirt worden. Präs.: Wissen Sie also auch nichts von dem Vorfälle, der in dem Briefe erzählt wird? — Mey er: Ich war nicht dabei, mein Lebtag nicht. Geschworner Seeldorf: Ich möchte fragen, ob nicht ein Schriftstück da ist. auf welchem Meyer in GemüthZruhe seinen Namen beigesetzt hat. — Präs.: Das wird sich vielleicht ergeben. Dr. Kopp: Warum haben Sie denn nicht öffentlich widerrufen, daß dieser grauenhafte Brief von Ihnen ist? — Meyer: Ich habe einen noch größeren Skandal befürchtet. Dr. Porz er macht Meyer aufmerksam, baß noch vor dem Erscheinen des Briefes Meyer in der Redaction des „Vaterland" war und dort dieselbe Mordassaire erzählte. — Meyer stellt dies in Abrede; e8 wird beschlossen, den Redacteur Jnthal vorzuladen. Dr. Pattai hält dem Angeklagten vor, daß derselbe auch in einer Berliner Zeitung und in einem Buche das Blutritual der Juden bestätigt habe. — Meyer: Die Missionäre haben hier überall meinen Namen mißbraucht.

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