Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 75 (18.9.1893)
- Date
- 1893-09-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1428 neten Geschmacks in den letzten Jahren einen Weltruf erworben. Während diese Frucht vor 18 Jahren nur in Beirut, Alexandrien und Konftantinopel bekannt war, werden jetzt ungemein große Quantitäten davon nach Europa, Amerika uud selbst nach Indien exportirt. Neue Apfelsinen-Haine werden fortwährend angelegt; ihre Zahl beträgt jetzt über 400 gegen 200 vor 15 Jahren. Diese Industrie hat auch ihren Einfluß auf die Bevölkerung Jaffas ausgeübt. Dasselbe hat jetzt 42,000 Bewohner gegen 15,000 vor 12 Jahren. An der Industrie sind nur Eingeborene betheiligt. Jeder Apfelsinengarten umfaßt ungefähr einen Flächenraum von 2000 Quadratfuß.. Die Bäume fangen im vierten Jahre nach ihrer Pflanzung an zu tragen, jedoch erst nach sieben oder acht Jahren wird eine einträgliche Ernte abgeworfen. Während dieser Zeit müssen die Gärten fleißig bewässert werden, und die Bewässerung bildet den schwersten und arbeitsvollsten Theil der Apfelsinenzucht. M a r o c c o. Mogador, 18. August. Leider bin ich immer noch nicht in der Lage, eine frohe Botschaft aus Marokko bringen zu können. Die Lage unserer Glaubensgenossen ist immer noch so traurig wie bisher. Mißhandlungen, Plünderungen und Beraubungen stehen leider in diesem barbarischen Lande, in welchem keine Richter vorhanden sind, selbst wenn auch die Kläger erscheinen, aus der Tagesordnung. Vergangene Woche erst wurden zwei Juden ohne jeden Grund je 100 Stockschläge ertheilt. Irgend eine von wem immer auch ausgesprochene Verdächtigung gegen einen Juden veranlaßt die „weisen Richter" hierorts, ohne Verhandlung und ohne Beweise die Zuchtruthe gegen uns in Anwendung zu bringen. Die Juden sind so gut wie „vogelfrei" erklärt. Ihnen gegenüber gilt das Faustrecht. Raub, Mord und Todschlag bedarf keiner Sühne, wenn die den genannten Verbrechen zum Opfer Gefallenen Juden waren. Unweit Tanger überfielen dieser Tage mehrere Mauren den unter französischem Schutze stehenden Israeliten Cohen, ermordeten ihn und beraubten ihn nach dem Grundsätze, daß in dem Lande, in welchem für Juden kein Richter vorhanden, die Mörder eines Israeliten auch zum natürlichen Erben berufen sind, bis auf's Hemd. Die von dem französischen Konsul eingeleiteten Schritte haben zu einem diplomatischen Konflikt zwischen Frankreich und Marokko geführt. Der französische Konsul, welcher, wie hier lobend erwähnt werden soll, sich bereits wiederholt für das Wohl der Juden ins Mittel gelegt hat, verlangte von dem Sultan eine genaue Aufnahme des Sachverhalts zwecks Bestrafung der Mörder, auch verlangte er eine ähnliche Genugthuung, wie sie im Jahre 1892 nach der Ermordung eines britischen Kaufmanns gegeben worden ist. Der „weise Sultan" von Marrokko aber hüllte sich in Schweigen, und scheint es, daß er es dieses Mal darauf ankommen laffen will. Frankreich hat ein Ultimatum gestellt, alsdann soll mit Repressalien vorgegangen werden. Hoffentlich wird der diplomatische Konflikt den judenfrefferischen Sultan wenigstens zur Vernunft bringen. Feuilleton. Tante Golde, «h« Novelle von R. Litten. (Fortsetzung.) Wenn Frau Goldine Finkelstein erst etwas beschlossen, dann wurde es auch bald auSgeführt, da gab es kein langes Besinnen und Zaudern. Schon am nächsten Tage rückte das lahme Esiherchen, die für die genialste Schneiderin des Ortes galt, weil sie „auf der Modenwelt abonntrt war", wie sie selbst dieses wichtige Faktum bezeichnete — sie sprach überhaupt stets hochdeutsch und nannte Tante Goldes berühmte Lockschenkaul ebenso konsequent Nudelspeise, wie die nicht minder vortreffliche Challes Strietzel — in Begleitung eines mageren, lang aufgeschossenen Lehrmädchens und einer Nähmaschine ein und entfaltete eine ungeheure Thätigkeit. Endlich nach Verlauf von rund 8 Tagen war diese beendet. „Eine Gräfin hat's nicht schöner, Madam Finkelftein", behauptete Esther mit wichtig erhobenen Augenbraunen und großer Bestimmtheit, obgleich sie nie im Leben, nicht einmal von weitem, eine solche Standesperson mit Augen erblickt hatte. „Jetzt können Sie Ihre Marta meinetwegen noch heute nach N. in der feinen Pension" — natürlich sprach sie als gute Deutsche auch das Wort gut deutsch aus — „bringen, ich Hab' gethan, was ich als Modistin thun konnte, und wenn die Aermel in dem Blauen auch lange nicht hoch genug sind, so liegt das nur an Ihnen. Von einem Rest von 14 Ellen und einfach breit können Sie nicht auch noch hohe Aermel verlangen." So rasch, wie das geniale Estherchen meinte, ging das freilich mit der Abreise nicht; erst nach weiteren 14 Tagen bestieg Tante Golde mit einem schlanken Mädchen, dem zwei schwere, braune Zöpfe lang über den Rücken fielen und das ein Tüchletn vor den Augen hielt, den Postwagen, geleitet von der halben Gemeinde, an deren Spitze die alte Dore, welche weinte, als müsse sie sich erst heute den Namen verdienen, den sie doch bereits längst