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Der Israelit · 1893-09-18 · Heft 75 (18.9.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 75 (18.9.1893)
Date
1893-09-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1429 und mit vollem Recht besaß. Schon einen Tag daraus erschien Frau Finkelftein wieder, doch dieses Mal allein — und so komisch es klingt, wahr bleibt es trotz alledem! — es hatte sich in den 24 Stunden ihres Fernseins eine Veränderung mit ihr vollzogen. Die Finkelsteinen war doch noch immer eine stattliche Frau gewesen, der kein Mensch ansah, baß sie sich in aller Gemächlichkeit den Siebzigern näherte, wo hatte sie da plötzlich die vielen Runzeln her und den müden Zug um die festgeschlossenen Lippen? Auch einen Theil ihrer alten Rührigkeit schien sie mit ihrem Martchen in Pension gegeben zu haben, sie wurde fortan merklich langsamer in ihren Bewegungen und konnte, früher ein unerhörtes Ereigniß, halbe Stunden regungslos auf ihrem niedrigen Stuhl hinter dem Ladentisch sitzen. Nur am Freitagnachmittag, wenn der alte Briefträger Schalinsky schmunzelnd ein gewisses, mit einem aufgedruckten Vergtßmeinnichtchen geschloffenes Briefchen brachte, war sie wieder die Alte, schauten die kleinen, dunklen Aeuglein mit fast jugendlichem Feuer durch die großen Gläser der Hornbrille auf das weiße, mit zierlichen Buchstaben eng beschriebene Briefblatt. Gott sei gelobt, das Kind war unverrufen gesund, wurde in dem frommen Hause bei Prediger Wollstein gehalten wie das eigene Kind, schrieb glückselig von seinen Fortschritten in den Wissenschaften, von seinen Musik- und Gesangstunden, was war da an der alten Tante Golde gelegen, die sich in aller Stille fast todtsehnte nach ihm? Und auch das hat Gott, gelobt sei sein Name, weise eingerichtet, die Zeit stand nicht still, es gab doch Ferien, Zeiten, in denen wieder ein leichter Schritt durch das Haus huschte, fröhliches Trillern und Lachen erklang, eine blühende Wange sich an Tante Golde's Gesicht lehnte und ein süßes Stimmchen flüsterte: „Goldtantchen, bei Dir ist es doch am schönsten auf der Welt!" Immer, wenn das flügge gewordene Vöglein zum längeren oder kürzeren Aufenthalt im alten Nest erwartet wurde, stand Frau Finkelstetn schon eine gute halbe Stunde vor Ankunft des gelben, rumpelnden Postwagens vor dem Postgebäude, wo sie, die Hand schützend über die Augen gelegt, die Fahrstraße hinunterschaute, aber das letzte Mal, genau 2 Jahre, nachdem sie Martha in die Fremde gegeben, wurde sie dieser Mühe enthoben. Und das ging so zu. Frau Finkelstein stand eines schönen Vormittags, es war die Woch' vor Peßach, in ihrem Laden und wog dem Mädchen von Sekretärs 10 Pfund Seife, zwei Pfund Soda und für 10 Pfennig Kaiserblau zur großen Frühlingswäsche ab, als die Ladenglocke ihre grelle Stimme ertönen ließ und gleich darauf eine junge Dame im grauen Regenmantel, ein Ledertäschchen am Riemen übergehängt, näher kam. Die Morgensonne blendete Tante Golde, sie kniff die Augen zu, um besser sehen zu können und fragte höflich, was zu Diensten stände. Aber ehe sie das fertig gebracht, hatte sich die junge Dame dicht vor den Ladentisch gestellt, einen tiefen Knix gemacht und feierlich gesprochen: „Gestatten Sie, verehrte Frau Finkelftein, daß ich mich Ihnen vorstelle: Martha Friedheim, seit gestern geprüfte, wissenschaftliche Lehrerin!" Es war nur gut, daß das Mädchen von Sekretärs ihre 10 Pfund Seife, 2 Pfund Soda und für 10 Pfennige Kaiserblau bereits in der Hand hielt, bekommen hätte sie es sonst schwerlich, denn die Geschäftsinhaberin lag in den Armen der jungen wissenschaftlichen Lehrerin und küßte und ließ küssen und weinte dazu herzzerbrechend. Also das Examen — eigentlich sagte Tante Golde der Examen — war schon vorüber, nicht erst „in die Jomtauwim", wie man ihr gesagt, aus Schonung, weil sie sich so sehr geängstigt, viel mehr wie ihr kluges Marthchen, Gott laß' es nur leben und gesund bis 10O Jahr', selbst. Und mit Auszeichnung hat sie bestanden, wie dort auf dem großen weißen Papier, das Martha ihrem Täschchen entnommen, stand. Daß die Eltern olow wescholom nicht haben erleben haben dürfen die S'chije von ihrem Kind und ihre Schwester, die Mutter von Sarche. Und ihr guter Meier, der so sehr für Bildung war und im Jüdischen so gelernt, fast wie der Großvater, Reb Schaje olow wescholom. Es war ein Glück, daß Kundschaft kam, sonst hätte Tante Golde wahrhaftig alle ihre owos awosseine einzeln beweint, weil sie nicht die Freude dieses Tages miterleben durften. Zur Feier des letzteren wurde Nachmittags der Laden geschlossen, ein in den Annalen des Hauses Finkelstein unerhörtes Ereigniß, welches übrigens zur Folge hatte, daß sich das beunruhigende Gerücht verbreitete, die Finkelsteinen sei pleite, ein Gerücht, das sich erst dann als unwahr erwies, als besonders theilnehmende Gemüther ins Haus und damit der Sache auf den Grund drangen. Eine Stunde, was sage ich, eine Viertelstunde später, wußte die ganze Stadt, welche Würde sich auf Martha Friedheims junges Haupt herabgesenki, und nun gab es in dem kleinen Häuschen ein Beglückwünschen, ein Fragen und Verwundern, ein Stühlerücken, ein Thüraufzumachen und vor allem ein Gestikuliren, daß August Schmelcke, der mitterweile ein recht alter Herr geworden, dem nichts über seine Ruhe ging, entsetzt von der Ofenbank sprang und sich zur alten Dore flüchtete, die mit rothgeweinten Augen in der Küche Weinflaschen aufzog und Carvemomküchelchen auf buntbemalte Teller legte.

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