Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 75 (18.9.1893)
- Date
- 1893-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448386--37107-2485158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1424 schweren Versündigung ans, die alle diese Zungeukünste bedeuten, die man ltzchekd übt. um sich auf Kosten der theuerjkn Güter unserer Mitmenschen eine kurzweilige Stunde zu schaffen! Das Unrecht wird nicht nnr nicht als solches erkannt, eS wird noch beschönigt und zur gesellschaftlichen Tugend gestempelt. Per Neujgkritskrämer und Zwischenträger, der es auf die pikanteste Weise versteht, die Ehre des abwesenden Dritten in den Staub zu ziehen, wird für den Ohrenschmaus, den er liefert, alS guter Gesellschafter gefeiert. Das feine Raffinement, so lange es nicht mit dem Strafgesetze collidtrt, wird als kaufmännische Tugend gepriesen, die Verachtung unseres Vätererbes nennt man Aufklärung, der offenkundige Treubruch. Fortschritt und praktische Uebertretung des Gottesgesetzes wird geradezu als Zeichen der Bildung verehrt! Wie soll in aller Welt bet der Gedanken-Falsch, münzerei, wie fie heutzutage allenthalben im Schwünge ist, auch nur die bloße Erkenntniß des Unrechts möglich sein? — Und das ist erst eine einzige Sette der Täuschungen und Vorspiegelungen, welche unsere Besserung von vornhinetn ausschließen. Wer wollte aber das große Heer der übrigen Spiegelfechtereien auch nur andeuten, die bei aller Buntscheckigkett darin einig gehen, daß fie durch ihren demoralisirenden Einfluß die Begriffe von Recht und Unrecht in den breiten Schichten des Volkes vergfften? Da kommt die philosophische Speculation und klügelt ihre Bedenken gegen die Besserungsbedürftigkeit in einer Weise aus, die auch denjenigen selbst imponirt, welche die Wortgespenster des Tages, wie wir sie hier Revue passiren ließen, sonst nicht fürchten. Diese aus Schein und Täuschung gewobenen Wortgespenster zerstieben, sobald man ihnen entgegentritt und sie anredet. Anders ist es mit Problemen des menschlichen Denkens, welche die ältesten Denker bereits erfolglos beschäftigten und die sich gerade dann geltend machen, wenn man der Wahrheit die Ehre gibt und den gefälschten Begriffen die täuschende Wortlarve entreißt. Ein solches Problem ist der durch menschliche Vernunft nicht auszugleichende Gegensatz zwischen der Allwissenheit Gottes und der Willensfreiheit des Menschen. Beide sind uns als über allen Zweifel erhabene fundamentale Wahrheiten an vielen Stellen der Thora und der Propheten gelehrt und dennoch schließt eine Thatsache die andere aus. Das Wissen Gottes unterscheidet sich vom menschlichen Wissen, wie stch nur Gott vom Menschen. Körper von Geist unterscheidet. Das Wissen deS Menschen ist etwas Aeußeres, Zufälliges und ist ohne allen Einfluß auf den Gegenstand des Wissens. Das Wissen GotteS ist ein Tyetl seiner selbst und daher von allen Attributen begleitet, die Gott selber eigen find, so daß der Ausdruck Gott weiß, eigentlich nur in dem Sinne korrekt ist, wie wir etwa sagen, daß der Mensch einen Kopf hat. So gewiß ein Mensch ohne Kopf nicht denkbar ist, weil er ohne diesen eben nicht existirte, so ist auch das Wissen Gottes von ihm unzertrennlich, er ist mit seinem Wissen eins, er ist ohne dasselbe nicht denkbar. Ein Mensch ohne Wissen ist wohl denkbar, weil eben das Wissen nur etwas Aeußerliches, Zufälliges ist, das dem Menschen als solchen nicht! anhaften muß. Wenn daher Gott z. B. weiß, daß das Herz Pharaos verstockt bleibt, so liegt es j nicht in der Macht Pharaos, dieser Verstockung entgegenzutreten und ihr zuwiderzuhandeln. Es liegt das in dem ganzen Wesen Gottes, wie ihn der unaussprechliche Gottesname 'n nach der Erläuterung unserer Weisen als rw*in mno, d. h. als denjenigen bezeichnet, der alles neu ins Dasein ruft. Dadurch, daß Gott Pharao und seine ganze! Umgebung, daß er alle Zustände und Einwirkungen geschaffen hat, welche das Herz Pharaos je beeinflussen, weiß er im Voraus, daß Pharao nicht anders handeln kann, als er thatsächlich handeln wird. Dann aber, wenn Pharaos Handlungsweise nothwendig so erfolgen mußte, wie ste Gott bestimmt z hat und wie ste Ihm im Voraus bekannt war, kann ihn auch keine Strafe treffen für seine Verstocktheit, zu der er ja durch Gottes Allwissenheit vorher bestimmt war. Dann kann es überhaupt keinen Lohn und keine Strafe geben, wenn das von j Menschen geübte Gute und Schlechte nicht aus j freier Wahl, sondern gezwungen nach der Art und | Weise erfolgen muß, die Gott bestimmt hat und j die er voraus weiß. Denn es kann keine Sünde geben, so wenig wie eine gute That, wenn beide nicht aus freiem Willen desjenigen erfolgen, der sie verübt. Denn so wenig das Raubthier eine Sünde durch das Blut begeht, welches es vergießt, weil es nicht aus freier Wahl, sondern aus innerem Trieb seine Blutthat begeht, getreu dem blinden Jnstintt, der in ihm waltet, so wenig wäre dann auch der Mensch für die That verantwortlich, die er unter dem Zwange des göttlichen Wissens verübt. Gibt cs keine Sünde, dann bedarf es auch keiner Versöhnung. Und doch ist die Sünde uns als solche bezeichnet und doch liegt das Gute wie das Böse zur freien Wahl uns vor und Gottes Wille hat es uns zur ausdrücklichen Pflicht gemacht: wähle das Gute! An unzähligen Stellen des Gotteswortes wird unser Wohl und Wehe, wird Lohn und Strafe an die Erfüllung oder Nichterfüllung unserer Lebenspflicht geknüpft. Trotz der ] über uns waltenden göttlichen Allwissenheit nöthigt