Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 74 (14.9.1893)
- Date
- 1893-09-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1410 jedem, sei es Mann oder Weib, verlangt; mit gutem Rüstzeug muß jeder versehen sein, der sich dem Leben, das nicht immer streichelt, sondern oft recht rauh anpackt, gegenüberstellt. Und Martha, besonders wird solch' Rüstzeug gar wohl gebrauchen können. Das Mädchen hat keine Eltern, von nahen Verwandten nur Sie und Sie sind eine alte Frau, Frau Finkelstein, die der Herr bald abrufen kann." Er sah sie freundlich an und nickte ihr zu. „Ich weiß, was Sie sagen wollen. Sie hoffen Martha's Geschick in die Hand eines braven Mannes zu legen, ehe Sie Ihre Augen schließen für immer." Er lächelte ernst. „Ja, ja, unsere Hoffnungen, unsere Wünsche! Gefällige, flinke Baumeister sind sie, die auf unser Geheiß wundervolle Schlösser bauen. Nur schade, daß dieselben kein Fundament haben, daß sie in der Luft schweben und hinunterftürzen, sowie der rauhe Hauch der Wirklichkeit sie trifft. Gewiß, auch ich wünsche von Herzen, daß Martha die vornehmste Bestimmung des Weibes erfüllt, daß sie einen Gatten findet, an dessen Seite sie glücklich und beglückend durchs Leben geht. Aber wenn sie diesen nicht findet, was von uns doch auch in's Auge gefaßt werden muß, wenn sie die Ehe nicht wie so viele ihres Geschlechtes als Versorgungsanftalt betrachten kann, wenn sie sich scheut einem Manne die Hand für's Leben zu reichen, für den nichts in ihrem Herzen spricht, vor dem sie vielleicht innerlich zurückbebt? Ich weiß, Sie, meine brave FrauFinelstein, haben ein langes, arbeitsames Leben hindurch vorgesorgt, daß Ihr Pflegekind vor körperlichem Mangel geschützt ist, thun Sie nun noch mehr, schützen Sie seinen Geist vor dem Darben, verschaffen Sie ihm die vornehmsten Güter des Lebens; den freien, weiten Blick Gnsteh, der über die Misere des Erdendaseins hinwegträgt in lichtere Regionen, den inneren Reichthum, der nicht verloren gehen kann, der festigt und stählt und eine Stütze ist, mit deren Hilfe auch das schwache Weib freudig und leicht durch's Leben wandern kann. Erst dann haben Sie wahrhaft für die Waise gesorgt, erst dann können Sie sie getrost verlassen, wenn der Herr Ihnen winkt!" Tante Golde hatte manches, was der von seinem Gegenstände fortgerissene Mann gesprochen, nicht recht verstanden, aber in ihren Augen schimmerte es doch feucht und ihre Stimme bebte bedenklich, als sie, seine Hand mit ihren beiden umschließend, sagte: „Sie wollen das Gute von einem Kind, das nicht Vater, noch Mutter hat! Gott lohne es Ihnen an Ihren Kindern, er laß' sie leben und gesund, und geb' Ihnen Freud' und Ehr' an ihnen bis hundert Jahr'!" Dann aber, nachdem sie ihre Augen mit dem großen, weißen Taschentuch, das aus ihrem Schooße lag, getrocknet, warf sie die breiten, gelben Haubenbänder über die Schultern und begann Mt ihrem Rathaeber einen eifrigen Disput über das Wann und Wie der angeregten Sache. (Fortsetzung folgt.) Wochen - Kalender. Freitag, t5. September, 5. Tischri. Sabbat-Anfang in Mainz 6 Uhr 05 Min. (dl. 15. Z.) Lamstag, 16. September, 6. Tischri. mittf '10 ,*p’i Sabbat-Ausgang in Mainz 7 Uhr 25 Min. (M. E. Z.) Dienstag, 19. September, 9. Tischri. *T)DU Dl’ my Aiuang des Versöhnungstags in Mainz 5 Uhr 50 Min. (M. E.Z.) Mittwoch, 20. September, 10. Tischri. ">122 DV •insarmq br§ Versöhnunastags in Main; 7 Uhr 15 Min. (M.E. Z.) Der .Israelis erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen, ltzrei» des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel j» bestehen bei E. F. Stetnackrr, -eipstg, Roßplatz 16. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Eours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 st. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von au die Redaktion eingcsandtc« Manuscripten findet Nicht statt, «a« bittet deshalb sich von alle« Einsendungen eine Kopie zurückznbehalten. Inhalt (Harrptdlatt): Leuender Artikel: Teschubah. — Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen: Deutschland: Hamburg. Aus Westpreußen. Berlin. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. — Rußland: St. Petersburg. — Türkei: Konstantinopel. — Vermischtes. — Feuilleton: Tante Golde. Novelle von R. Litten (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Münster. Freiburg i. B. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Budapest. — Frankreich: Paris. — Sprechsaal. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland: Berlin. — Rußland: Warschau. Verantwortliche Redacrion: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schotistraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellfchaft in Mainz. Hierzu zwei Beilage« sowie die sechzehnte Lieferung der Erzählung „Zur rechten Zeit" von Dr. M. Lehmann