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Der Israelit · 1893-09-14 · Heft 74 (14.9.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 74 (14.9.1893)
Date
1893-09-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1409 Die sieben Tag' sollen unS bekommen Zum Glück, zum Heile und zu altem fttommtn, Daß der liebe SchabbeS Kodesch geht dahin! Die Woch' soll uns kommen zu Scholem, Zu Gesund, zu Aiischer und zu Kowod, Und zu allem guten Gewinn! Owein, weomein! In Martha Friedheims Kehle schlummerte ein herrliches Gottesgeschenk, ein Schatz, der noch des Entdeckers harrte. Aber der Entdecker blieb nicht aus, der Schatz sollte gehoben werden. Der Rektor der städtischen Elementarschule, welche Martha besuchte — eine andere Bildungsanstalt besaß der Ort nicht — ein humaner, von keinem Vorurtheil angekränkelter Mann, dessen Lieblingsschülerin das Heranwachsende Mädchen war, wurde auf ihr Talent aufmerksam und förderte es nach Kräften. Er wußte es auch, als sein Können zu Ende, bei Tante Golde durchzusetzen, daß sie ihr Pflegekind für einige Zeit in die benachbarte größere Stadt gab, wo mehr für Martha's vorzügliche geistige Fähigkeiten, vor allem für ihre Stimme geschehen konnte. Es hatte schweren Kampf gekostet, ehe es so weit gekommen. Frau Finkelstein hatte den Rektor, als er ihr zuerst mit seinem Vorschlag kam, angestarrt, als ob er chaldäisch mit ihr gesprochen und dann, als sie endlich begriffen, um was es sich handle, hatte sich ein Redestrom ergossen, daß dem armen Schulmann Hören und Sehen verging. Was, sie das Kind fortgeben auf ein, zwei Jahre zu wildfremden Menschen, in die große fremde Stadt? Und warum? Daß es feine Bildung lernt und singen? Ob das denn noch nöthig sei? Das Kind, der liebe Gott laß' es nur leben und gesund, sei doch schon klug, daß man staunen müsse. Eine Schrift wie gestochen und das Erzählen von den fremden Ländern und den alten Zeiten, wo die Menschen, Gott soll beschützen, noch so viele Götter hatten, daß sie alle Tage, die Gott werden ließ, zu einem andern beten konnten; nur den Kopf müsse man schütteln, was so'nKind unberufen alles in seinem Köpfchen hat. Und singen? Ob der Herr Rektor mit ihr wetten wolle, jetzt gleich, auf hundert Thaler, daß es niemand in -er ganzen Stadt, nicht einmal die Frau vom Bürgermeister besser verstehe. Noch schöner könne sie es ja gar nicht lernen, wäre auch nicht nöthig. Unter die Comödienmacher — man soll seinen Mund nicht zum Bösen aufthun! — würde das Kind von ihrem Sarche nicht gehen, solche Strafe würde ihr Gott doch nicht schicken. — Und gerade jetzt soll sie Martha aufgeben, wo sie unverrufen groß und kräftig wird, und sie selbst anfange alt zu werden. 69 Jahre am Chanukka, wenn man's vierte Lichtchen ansteckt! Ob der Herr Rektor, der doch gewiß ein kluger Mann sei, glaube, daß es da noch eine Kleinigkeit ist, den ganzen Tag hinter dem Ladentisch zu stehen, sich nach jedem Viertelpfund Seife und jedem Häring für 5 Pfennig — die dieses Jahr so schön ausfallen wie sonst zu 10 — zu bücken. Und dann, wo sie so stark ist, unverrufen, auf die Trlttleiter, um die Watt' und die Webebaumwolle herunterzuholen. Einen Ladendiener, wie der da drüben, könne sie nicht halten, sie wolle nicht auf die alten Tage Pleite gehen; das könne sie schon ihrem Meier und ihren Eltern in der Erde nicht anthun. Und wo das Geld für die Ausbildung hernehmen? Eine alleinstehende Wittwe, wie sie und bei der Concurrenz! Und wo es so schlechte Menschen gibt, nicht gedacht sollen sie werden. In ihrem Buch stehen seit circa 18 Jahren 53 Thlr. 17 Sgr. 5 Pfennige, um die sie ein gewisser August Schmelke betrogen. Wenn der Herr Rektor es nicht glaube, könne sie es ihm schwarz auf weiß zeigen, nur würde er es nicht lesen können; ihre Handschrift kann nur sie allein lesen und das auch nicht immer. Kurz, der Herr Rektor meine es sehr gut, und er wäre ja auch ihr langjähriger Kunde, dem sie gern einen Gefallen thäte, aber das Kind müsse er ihr lassen. Wenn es „15 zu längere Jahr'", nimmt sie es aus der Schule und in's Geschäft, daran ist nichts zu ändern. Herr Rektor Dorn hatte halb betäubt den Laden, in dem dieser Monolog — etwas anderes war es in der That nicht gewesen — gehalten wurde, verlassen; aber das: „Beehren Sie mir bald wieder!" welches ihm Frau Finkelstein athemlos nachrief, hatte er doch wohl vernommen, denn er kam wieder und zwar an einem Sonnabend. Und das war gut für sein Hörorgan, noch mehr aber für die Zukunft von Martha Friedheim, der Heldin unserer wahrhaftigen Geschichte. Jetzt, wo in Tante Golde die zweite Seele, die Sabbatseele, die Oberherrschaft hatte, konnte er sprechen, und er that es mit der überzeugenden Logik eines scharfen Verstandes und der Wärme eines edlen, menschenfreundlichen Herzens. Als er geendet, wußte seine Zuhörerin zweierlei; erstens, daß ihr Laden, wenngleich ein sehr respektables Institut und ein würdiger Rahmen für ihre eigene gewichtige Persönlichkeit, doch kein geeigneter Boden zum Entfalten einer jungen, vielversprechenden Mädchenknospe, zweitens, daß Talent und Wissen nicht nur das Leben schmücken und verschönern, nein, daß sie erst den Inhalt und Werth verleihen, und sich auch leicht — und dieser Passus prägte sich Tante Golde am festesten ein — selbst von zarten Frauenhänden in klingenden Ersatz verwandeln lassen. „Und das Alles müssen Sie wohl im Auge haben, meine liebe Frau Finkelstein", hatte Herr Rektor Dorn gesprochen. „Wir leben in einer Zeit, die Thatkraft von

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