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Der Israelit · 1893-09-07 · Heft 72-73 (7.9.1893) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 72-73 (7.9.1893)
Date
1893-09-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Alle jüdischen Kaufleute Timbuktu's sind Verwandte oder Freunde des Mordechai Abi- Serour, welcher früher als armer Jüngling in Marokko lebte, wo seine Stammesgenossen grausam mißhandelt wurden. Dieser Jüngling, welcher unter dem tranigen Geschick seines Stammes selbst mttzuletden hatte, faßte den Entschluß, nach einer andern Gegend hin zu ziehen, welche ihm günstigere Aussichten für die Zukunft bot. Ganz allein und ohne fremde Hilfe reiste er unter dem Drucke der mannigfaltigsten Plackereien von Tanger nach Spanien, durchwanderte dann Frankreich, die Türkei, Griechenland, Kleinasien und gelangte endlich nach Jerusalem. Als seine Mittel erschöpft waren, arbeitete er, bis er wieder so viel Geld zusammengebracht hatte, um seine Reise fortsetzen zu können. Rach seiner Ankunft in Jerusalem warf er sich sofort mit großem Eifer aus das Studium des Hebräischen. In 5 Jahren brachte er es zum Range eines Rabbi. Er nahm alsdann die Stelle eines Jugendlehrers an und wirkte als solcher 11 Jahre in Aleppo, Syrien, Egypten, Tunis und Algier. Mit einem Passe als französischer Bürger kehrte er nun nach Marokko zurück. Er fand seine Familie noch ärmer als früher, hatte sich selbst aber ein kleines Vermögen erworben. Nachdem er in Erfahrung gebracht hatte, daß der Handel mit Timbnktu sehr günststige Chancen bot, entschloß er sich, obschon er wußte, daß diese heilige Stadt den Juden sowohl als den Christen bermeiisch verschlossen war, alles aufzubieten, sich Zulaß zu derselben zu verschaffen. Mit einer Anzahl von Kameelen, welche mit Wasser für eine zehntägige Reise versehen waren, zog er mit seinem Bruder I s a a c durch die Wüste und erreichten dieselben ohne Hinderniß die Stadt Aruan. Bei ihrer Ankunft in derselben,welche in einer wahren Sandwüste liegt, wurden sie von dem Scheik angehalten, welcher ihnen eröffnete, daß es weder Juden noch Christen gestattet sei, unter den Gläubigen zu wohnen und daß er jeden Juden, der es wagen würde seine Stadt zu betreten, tödten würde, wie er auch schon einmal mit einem Christen gethan hätte. Der Zufall wollte nun, daß Mordechai den „Koran", wie man zu sagen pflegt, aus dem Aermcl schütteln konnte. Mit dieser Kenntniß, verbunden mit einem hohen Gerade von Takt und Geschliffenheit wendete er sich an die Rechtsgelehrten in Aruan und stellte ihnen vor, daß das Religionsgesetz den Mohammedanern vorschreibe von den Juden Steuern zu erheben. Hierüber dachten der Scheik und die Rechtsgelehrten nun weiter nach und gestatteten nach reiflicher Erwägung dem Mordechai und seinem Bruder, in der Stadt Handel treiben zu dürfen, wogegen diese dem Scheik einen Theil des Gewinnes und das Versprechen geben mußten, für jeden Juden, der sich zu Handelszwecken in Aruan aufhalten würde, eine jährliche Steuer von 25 Dollars zahlen zu wollen. So war es denn dem unerschrockenen und unternehmenden jüdischen Kaufmann gelungen, endlich sein Ziel zu erreichen und schon vor Ablauf eines Jahres erhielt er die Erlaubnis, sich nach Timbnktu begeben zu dürfen. Kaum war ihm diese ertheilt worden, als er auch schon durch die überschwänglichsten Offerten einen Kameeltreiber vermocht hatte, das Risiko zu übernehmen, einen Juden in die fanatische Stadt zu führen. Mordechai durfte die Einwohner derselben durch sein Erscheinen als Jude nicht allzuplötzlich in Erstaunen versetzen; deßhalb verkleidete er sich als Araber und ging sofort nach seinem Eintritt in die Stadt zu einem marokkanischen Handelsmann, auf dessen Protection er rechnen zu dürfen glaubte. Hier hatte er sich;edoch geirrt, denn der maurische Handelsmann reizte die Fulahs, ihn zu töten oder ihn zu zwingen, den mohammedanischen Glauben anzunehmen. Bei diesem unvorhergesehenen Zwischenfall half ihm seine Kenntnis des Korans aber wieder aus dem Dilemma; denn da es schiene, als wenn es für ihn keine Alternative als den Tod oder den Glaubenswechsel gäbe, rief er seinen Feinden die Worte des Propheten ins Bewußtsein, daß derjenige, welcher einen Steuerzahler ohne gerechten Grund tödte, sich der Freuden des Paradieses verlustig machen würde. In Folge dessen wurde ein Bote an den Emir entsendet, um dessen Befehl einzuholen und zur Freude des Juden lautete dieser dahin, ihm den Aufenthalt in Timbuktu gegen Einlösung des üblichen Gewerbescheines, mit welchem fremde Kaufleute sich versehen mußten, zu gestatten. Mordechai und sein Bruder wohnten nun in Timbnktu, woselbst sie durch mehrere Jahre ein sehr einträgliches Geschäft betrieben. Nachdem sie durch einen regen Karawanenverkehr mit dem mittelländischen Meere ein bedeutendes Vermögen erworben hatten, kehrten sie nach Marokko zurück. Später ging Mordechai mit dem Reste seiner nächsten Verwandten wieder nach Timbnktu. Als er dasselbe im Jahre 1869 wieder verlassen wollte, fanden es seine Verwandten dagegen für gut, dort zu verbleiben; auch andere Juden nahmen daselbst unter den gesetzlichen Bestimmungen ihren Aufenthalt und so wohnen heute mehrere jüdische Kaufleute in der fanatischen Stadt, welche vor der Ankunft unseres unerschrockenen Pioniers kein jüdischer Handelsmann betreten durfte.

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