Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 72-73 (7.9.1893)
- Date
- 1893-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1385 liche jüdische Geschichten wußte Tante Golde, manche so drollig, daß selbst die beweinte Dore, welche neben August Schmelke auf der Ofenbank saß, beinahe gelacht hätte, andere wieder furchtbar traurig. Am meisten rührte Martha immer die Geschichte von dem verarmten Ehepaar, obgleich, oder gerade weil Tante Golde bei eben dieser eine wahre Verschwendung mit ihren Nebbichs trieb. Die Geschichte war aber auch darnach. Das Ehepaar war sehr reich gewesen, so reich, daß das viele Gold ihre Herzen ganz verhärtet hatte, und dieselben nicht einmal weich wurden, wenn eine bittende Hand daran klopfte. Aber Gottes Finger reicht wett, und wenn er klopft, hört es selbst ein steinern Herz. Es kam eine Zeit, es war in den ersten milden Tagen nach einem strengen, harten Winter, der den Armen und Bedürftigen endlos erschienen, als die Beiden, der Mann und die Frau mit den harten Herzen, still aneinander vorbeigingen und sich scheu und gedrückt ansahen, als hätten sie etwas Schreckliches voreinander zu verbergen. Endlich konnten sie nicht länger schweigen, sie klagten sich ihr Leid, und — o Wunder, — es war das gleiche. Beide hatten sie drei Nächte hinter einander denselben Traum geträumt; sie waren verarmt und mußten wie die Bettler, die so oft vergebens an ihre Thür gepocht, von dannen ziehen. Erst wollten sie lächeln über den närrischen Traum, aber das gelang ihnen nicht recht und schließlich kamen sie überein ihren ganzen Reichthum, all die silbernen und goldnen Geräthe, so wie ihr baarcs Geld in einem der alten Bäume, die in ihrem Garten hinter dem Hause standen, zu verstecken. Dorthin würde kein verheerendes Feuer, kein Dieb und kein feindlicher Kriegsmann gelangen. In einer dunklen Nacht entfernte der Mann, während die Frau die Blendlaterne hielt, aus dem Stamm der ältesten Linde ein Stück der rissigen Borke, höhlte den Stamm aus, barg seine Schätze darin, fügte die Rinde wieder ein und verklebte sie kunstvoll, so daß kein Auge etwas entdecken konnte; und dann gingen die Beiden, befreit von der Felsenlast auf ihrem Herzen, zur Ruhe. Jetzt endlich konnten sie wieder ruhig schlafen; nun war ihr Retchthum für immer gesichert. Sie schliefen so fest, daß sie nicht hörten, wie bald nach Mitternacht ein furchtbares Sausen und Tönen in den Lüften begann, wie der Sturmwind raste, und der Strom, der dicht am Garten vorübcrfloß, jetzt aber durch schwere Eisschollen in seinem Lauf gehemmt war, jauchzend seine Felsen sprengte und seine gelben Wogen weit über die Ufer ergoß. Aber als sie am Morgen aufgestanden, und ihr erster Blick dem Garten und dem Baum, dem sie vor wenigen Stunden ihre ganze Habe anvertraut, galt, da taumelten sie entsetzt zurück und schauten sich wie irrsinnig in die Augen. Bon Garten und Bäumen keine Spur, so weit das Auge reichte ein einziger großer See, in dessen Oberfläche sich das jagende Gewölk des Himmels spiegelte. Der befreite Fluß hatte die alten Bäume im Verein mit seinem Verbündeten, dem Sturmwind, entwurzelt, und sie dann als Stegesbeute auf seinen mächtigen Wogen mit sich geführt. Einige von ihnen wurden viele Meilen weiter, in der Nähe einer kleinen Stadt, an's Land geschwemmt und kamen dann in den Handel. Den größten und stärksten erstand Cham Leib, der Drechsler, ein frommer, gottesfürchttger Mann, der sich und seine zahlreiche Familie ehrlich und fleißig mit seiner Hände Arbeit ernährte und bei alledem noch offenes Herz und offene Hand für noch Bedürftigere hatte. Wie erstaunte er und mit ihm sein Weib, als sie an den mächtigen Stamm, der ihre letzten Sparpfennige verschlungen, die Säge legten, und plötzlich so goldig durch die Spalten schimmerte. Athemlos arbeiteten sie weiter und standen bald vor dem Schatz, den Gott ihnen in's Haus gesandt. Zuerst kam ihnen der Gedanke, ihre Entdeckung bekannt zu machen, aber sie sagten sich wiederum, daß der rechtmäßige Besitzer schwerlich entdeckt würde — Telegraph und Telephon gab's damals noch nicht und mit den Zeitungen war's auch noch recht schwach bestellt und daß der Reichthum in ihren Händen nicht nur ihnen, sondern auch andern Segen bringen würde. So wurde denn Chamche Drechsler ein reicher Mann. Es ging ein Gemunkel in der Stadt, er hätte geerbt, und seine Frau widersprach? dem nicht, wenn sie am Schabbes mit der dicken, dreimal um den Hals geschlungenen Erbsenkette in die liebe Schul ging. Auch Cham trug einen breiten Siegelring am Zeigefinger seiner rechten Hand und schenkte seinem Aeltesten, der ein Jahr darauf Barmitzwo wurde, eine silberne Ankeruhr und drei goldene Hemdenknöpfchen, aber stolz wurde er trotzdem nicht und hartherzig eben so wenig. Kein Armer ging unbeschenkt von ihm und so kam es, daß jeder Schnorrer von Pommern bis Polen seines Lobes voll war und ihn seinen College» warm empfahl. Eines Freitag-Abends, es mochten vielleicht 5 Jahre vergangen sein, seit Cham Leib geerbt hatte, waren wieder Tischgäste im Hause von derselben Art wie so oft. Aber doch waren sie verschieden von den andern. Ihre Vorgänger hatten eifrig gebenscht, noch eifriger gegessen und waren dann, nach nochmaligem Benschen, des Himmels Segen wortreich auf alles, was in dem gastlichen Hause athmete, herabflehend, ihrer Wege gegangen. Diese beiden aber, der hagere, gebeugte Mann und das Weib mit dem Kummergesicht, saßen still da, vergaßen den Löffel zum Munde zu führen, und sahen