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Der Israelit · 1893-09-07 · Heft 72-73 (7.9.1893) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 72-73 (7.9.1893)
Date
1893-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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materiellen und ideellen Gütern leidet, das ist eine Erwägung, der nur wenig Auserlesene Ausdruck geben. Der Vorwurf nach dieser Seite hin ist alt, er wird schon im heiligen Soharbuch mit den Worten erhoben: wh an "M ymix pay in”Di:6 .inayn non bz .Nru’ar oy ->vn n^i ^ai 'ND an "ki „Alle Liebe, die sie üben, ist Eigenliebe. Sie rufen, gib uns Leben, gib uns Nahrung, aber keiner erweist Liebe der Herrlichkeit Gottes." Dieser Vorwurf ist es, gegen welchen der vorliegende Midrasch Israel in Schutz nimmt. Man braucht sich nur das ihm zu Grunde liegende Bild in seinen Details auszumalen. Wenn der Mann das Weib seiner Wahl verläßt und es ohne Nahrung und Schutz sich selber überlasten hat, so seufzt und sehnt sich die Verlassene nach ihrem Ernährer und Beschützer, von seiner Rückkehr erhofft die Un. glückselige Nahrung und Schutz; der Wiederkehr ihres Gatten gehört daher ihr ganzes Hoffen und Sehnen. Wenn aber die Entfernung Jahre und Jahrzehnte lang dauert und die Noth der Vereinsamten von Tag zu Tag wächst, wenn sie verzweifelt alle Kräfte anspornen muß, um nur ein kärgliches Dasein zu fristen, wenn der ganze Einsatz aller Lebensenergie erforderlich ist, um den täglichen Unterhalt zu finden und den Hohn ihrer Umgebung abzuwehren, so mag. die Verzweiflung woyl den Gedanken an ihren Helfer und Beschützer zurückzudrängen, aber vernichtet hat sie ihn nicht. Wohl ist es die Notbdurft des Leibes, wohl ist es die Schmach ihrer Stellung, welche allein sie in Worte kleidet, aber denen, von denen sie hofft, daß sie ihren fernen Gatten finden, trägt sie es auf, ihm zu verkünden, daß es nicht die leibliche und nicht die geistige Noth ist, die sie mit Sehnsucht nach ihrem fernen Beschützer erfüllt, sondern daß es die Liebe zu ihm ist, an welcher allein sie krankt. Diese Klagen selbst und ihre leider nur allzugroße Berechtigung enthalten die glänzendste Rechtfertigung dafür, daß der Sitz des Uebels selbst in Vergessenheit geräth. In den ersten Jahrhunderten unserer Zerstreuung und Verbannung war der Gedanke an das, was uns in Wahrheit fehlt, noch lebendig. Israels Führer und Leiter in der Diaspora sorgten dafür, daß er nicht der Vergessenheit anheimfalle. Vielleicht ist es diese Erwägung, welche uns die Gebete dieser heiligen Zeit in den Selichoth mit dem Hinweis nat* matt auf die Männer des unerschütterlichen Gottvertrauens, die wir verloren haben, einleiten läßt. Seitdem wir sie verloren und keinen Ersatz dafür gefunden haben, ist auch das Bewußtsein für das, was uns in Wahrheit fehlt, verloren gegangen. Aber wer wollte einem GemüthSkranken, deffen Weh auch die übrigen Theile des Körpers ergriffen hat, dafür j zürnen, daß er den Arzt nur wegen dieser zu Tage j tretenden Gebrechen zu Rathe zieht? Der tiefer ] blickende Arzt wahrlich nicht, der aus der Unkenntj niß des Leidenden über den eigentlichen Ursprung j des Uebels den ganzen Ernst der Lage vor Augen sieht. Mag es daher immerhin sein, daß unsere Bitten und Wünsche nicht dasjenige aussprechen, was uns in erster Reihe Noth thut, daß uns dieses Bewußtsein aber nicht verloren geht, daß es alljähr» lich an der Schwelle des neuen Jahres neu belebt und gekräftigt wird, dafür hat Gott den Beginn des Jahres durch die Mahnung ausgezeichnet, dv 1 oai» .t,t nynn, „Er soll eudj ein Tag der Texuah sein." I Es ist nun merkwürdig, daß unsere Ueberliej ferung über den Teruah-Laut leinen sicheren Auf- \ schluß gibt. Diese Unsicherheit ist das Motiv daj für, daß wir außer den Tönen, die wir als nynn j bezeichnen, noch die onav-Töne beifügen. Die J Ueberlieferung präcistrt nämlich den nynn Ton durch ] die Worte: i] »Wn titi (nVa nyjn o-wa) n« thj Ntpna | *>an n6 n; pioo nnsp n'£ip p*p»i naian mw) 1 .('«sn yy ia^D nb I «Die Teruab ist zuerst ein Stöhnen, wie || Jemand, der aus tiefem Herzen stöhnt, und d a n n ß ein Wimmern, wie Jemand, der weint und in kurzen, rasch aufeinander folgenden Lauten klagt, die aber nur einem äußeren Leiden gelten und nicht aus der Tiefe des Herzens kommen." Ist nun zunächst die unserer Ueberlieferung abgehende vollkommene Sicherheit über den Laut des Teruahtones nicht etwas Wunderbares? Der Schofarton war es. welcher unsere Väter und Mütter um den flammenden Sinai sammelte, um die Thora entgegenzunehmen und über diesen Schofarhall, über die erste Mtzwa am ersten Tage des Jahres sollte gerade unsere Ueberlieferung ihre sonstige alle Details umfassende Zuverlässigkeit verloren haben? Wenn Gottes über seine Thora und über das Volk der Thora wachende Vorsehung eine solche Ungewißheit aufkommen ließ, die uns noch heute bestimmt, dem Teruahruf in zweifacher Form zu entsprechen, so mutz in dieser Ungewißheit selber eine bedeutsame Lehre liegen. Es ist die Wahrheit: daß der Teruahruf an der Schwelle des Jahres das Schicksal derjenigen theilt und ihm treuen Ausdruck gibt, welche diesen Ruf zum himmlischen Vater emporfenden. Dieser treue Dolmetsch unserer tiefsten Herzensempfindungen und unserer äußeren Anliegen wird der Teruahruf erst in Folge

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