Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1893)
- Date
- 1893-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1365 Blüten des Goldlacks, der Balsaminen des Geraniums, und wie diese ungeheuer altmodischen und ungeheuer gemütlichen Kinder Floras, welche in bunter Fülle vor den kleinen, bleigefaßten Scheiben prangten, noch heißen mochten, es saß auf dem braunen Damastsopha, dem man seine schwellende Weichheit förmlich von weitem ansah, es spiegelte sich in den nachgedunkelten Mahagonimöbeln mit den messingnen Beschlägen, es hockte neben dem Kater auf der Ofenbank, die sich um einen grünglasierten Kachelofen von wahrhaft imponierenden Dimensionen zog und winkte aus dem Lehnstuhl am Fenster, der wie ein guter, hülfbereiter Großvater seine Arme den Nahenden entgegenstreckte. Und erst die Bilder an den blaugemalten Wänden, Bilder, die alle nur denkbaren Kunstrichtungen vertraten. Die meiste Bewunderung heischten entschieden vier wundervolle, üppige Frauengestalten in Gewändern, deren Farbenpracht den Pinsel eines Markat hätten neidisch machen können, und welche, wie die Unterschrift etwaigen skeptischen Gemütern schwarz auf weiß bewies, die vier Jahreszeiten repräsentierten. — von einer edlen, auf der Flucht begriffenen Polenfamilie und einem unglücklichen, von wilden Pferden geschleiften Mazeppa ganz zu schweigen. Am meisten aber entzückte Maria doch der Abraham, der sich eben zum Sohnesopfer anschickt und nur durch die Huldgestalt des aus den Wolken lugenden Engels davon verhindert wird. Das Kind hatte sich garnicht die Zeit genommen sein blaubebändertes Strohhütchen abzulegen, es wanderte im Zimmer umher, mit glänzenden Augen all die Herrlichkeiten betrachtend. Ueber dem Sopha hing ein Kranz von vielen mehr oder weniger verblichenen Familienbildern: Männer, Frauen und Kinder, welche sich um ein großes Brustbild, das Conterfei eines merkwürdig gutmütig aussehenden Mannes mit einer ebenso merkwürdigen in die Augen springenden Nase, schaarten. Darunter, unter dieser Gruppe, befand sich noch ein mittelgroßes Bild im Goldrahmen, und die Kleine reckte sich auf die Fußspitzen es genauer in Augenschein zu nehmen. Dabei sah sie sich fragend nach der Tante um. „Was bedeutet dieser sonderbare Baum, Tante?" Frau Golde unterbrach ihr Gespräch mit Dore, dem langjährigen Küchenfaktotum, das Herrin und Kind schon auf der Post — die Segnungen der Eisenbahn waren dem Städtchen noch verschlossen — erwartet hatte, und trat näher. „Das ist ein Stammbaum, mein Leben," erklärte sie bereitwillig. „Siehst du, mein Töchterchen, der eigentliche Stamm, das sind meine Großeltern »Itzbem sebolom, den Großvater Hab' ich noch gekannt, Reb Schaje hat er geheißen und ist ein sehr frommer und sehr gelernter Mann gewesen, und hier all' diese Aest', das sind die Kinder, die sie haben gehabt — 8 hat Gott ihn' geschenkt — und all' diese Zweig- und Aestchen sind wieder deren Kinder und Kindeskinder, sie sollen leben und gesund sein bis hundert Jahr'." Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen und sprach mehr zu sich selbst wie zu der Kleinen: „Manch Aestche ist geknickt worden vor der Zeit. Vor neun Jahren hat mir Gott, gepriesen sei sein Nam', meinen Meier, meinen guten Mann, genommen, gerad' als wir haben nicht mehr nötig gehabt uns so sehr zu quälen." Sie hob den Blick und nickte dem Bilde des gutmütig aussehenden Mannes zu: „Ja, ja, mein Meierche, als gekommen ist das Brod. ist gekommen der Tod! — Und dann ging mein'Schwester. Gott Hab sie selig, schlafen, was ist die Großmutter zu dem Kind, und nun hat Gott auch abgeschnitten die jungen Jahr' von seinen beiden Eltern. — Nebbich, das arme Kind!" seufzte sie aus ttefstem Herzensgrund und zog das erblassende, mit seinen Thränen kämpfende Kind an sich. Ohne dieses „Nebbich," das ohne recht verstanden zu sein, doch immer auf Marta die Wirkung einer rauhen Hand auf eine schmerzende Wunde ausübte, und das die Kleine vorläufig recht häufig zu hören bekam, bald als unbewußten Stoßseufzer der Tante, bald von dieser oder jener theilnehmenden Bekannten, die vorsprach ihr Beileid auszudrücken und Sarche's Kind zu sehen, bald von der alten Dore, die glücklich war über etwas in Rührung zerfließen zu können — die beweinte Dore nannte man sie im Städtchen — wäre das Kind viel eher von seinem Schmerz genesen, hätten die schönen dunklen Augen wahrscheinlich nie den ernsten, sinnenden Ausdruck erhalten, der später noch manchem, der in sie htneinschaute, Räthjel aufgab. Dabei aber war der Waise Kindheit nicht etwa eine traurige, verkümmerte; im Gegentheil, dieselbe war eine so glückliche, wie sie eben eine der Elternliebe beraubte Kindheit nur sein kann. Tante Golde hatte nie ein Kind besessen und übertrug nun alle Zärtlichkeit ihres Herzens, die tief versteckt unter einer oft rauhen Außenseite schlummerte, auf das Töchterchen der verstorbenen, in ihrem Hause erzogenen Nichte. Freilich an den Wochentagen merkte man von dieser Zärtlichkeit wenig. Frau Goldine Finkelstein mit ihrem stattlichen Embonpoint und ihrem vollen, rothen Gesicht represäntierte nämlich eine Zweiseelennatur, wie sie ausgeprägter selbst Herrn von Göthe nicht vorgeschwebt haben konnte. Die Woche hindurch war sie der personificierte Geschästseifer und hantierte, nicht eben geräuschlos von Morgen bis Abend in dem kleinen, vollgepropf-