Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1893)
- Date
- 1893-09-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1S61 Skorpionen gab. Im Gegentheil, die topographische Beschaffenheit der Lage Jerusalems, als einer von allen Seiten mit Bergen umschlossenen Stadt, war so recht geeignet, das Vorhandensein dieser Reptilien zu begünstigen. Die Schlangen waren da, die Skorpionen waren da, sie spritzten ihr Gift wie überall, aber ihr Gift und ihr Bitz vermochten keinen in der heiligen Stadt zu schädigen. D’bBnT rb u’ud dnn. Wohl war Jeruscholajim von Bergen umgeben, aber iayV a'ao 'm, aber Gottes schützende Macht umschloß sein Volk, umschließt sein Volk, riny nyi nnyo, jetzt und in aller Ewigkeit. Auch wenn Jerusalem längst gefallen, die Wahrheit hat für jeden Schlangenbiß und für das Gift aller Skorpionen unerschütterlichen Bestand: Nicht die Schlange tödtet und nicht die Schlange belebt, sondern so lange Israel den Blick zu seinem Vater im Himmel erhebt und ihm das Herz unterordnet, hat es Bestand und im anderen Falle sinkt es aus der Höhe des Gottesschutzes in die Niedere des täglichen Getriebes herab. Unsere Mtschnah zählt zehn Wunder auf, die sich an das Tempelhetligthum knüpften. Aber dieses neunte Wunder beschränkte sich nicht auf den Tempelraum, sondern erstreckte sich über die ganze heilige Stadt, wie bereits im Talmud «npoa nr® D^am»a o"vi bemerkt wird. (Joma, fol. 21.) Ja das zehnte Wunder reichte in gewissem Sinne noch weiter, wenn wir den Wortlaut sorgfältig in's Auge fassen, mit dem es uns hier mitgethetlt wird. □»Vnni'a Dipon b 12 nar6 oi« idk t6i „Es sagte keiner zu seinem Genossen, der Platz ist mir zu eng, wenn ich in Jeruscholajim übernachten w erde." Handelte es sich hier nur um Constatirung der Thatsache, daß trotz des großen Menschenverkehrs sich niemand in Jeruscholajim beengt fühlte, so hätte es genügt zu sagen: 'D'yrrva di« £ «V oipon H ixi „Niemand verbrachte die Nacht in Jeruscholajim und fühlte sich räumlich beengt." Wir finden eine ähnliche Stelle im 49. Kapitel des Propheten Jesaja, wo die Zeit geschildert wird, in welcher die gesammte Menschheit sich der so lange verkannten jüdischen Wahrheit und ihren Trägern zuwenden und ihnen Abbitte für alle geschehene Unbill und Kränkung leisten wird. Während bis dahin Neid und Scheelsucht den jüdischen Menschen kaum den Brosamen gönnte, die von ihrer reichen Tafel abfielen, ihnen Raum und Licht und Luft beschränkte und so die Möglichkeit des Daseins verkümmerte, werden dann die Enkel derjenigen, die einst diesen Raub begingen, Israel auffordern, sich niederzulassen, und wenn der Raum auch beengt ist, doch ihm näher zu treten und an seiner Seite Platz zu nehmen. b i« ^ap »ja -j'A«a no«’ lip naffxi >b ntsu oipon. Dieser Bruderstnn, der einst die ganze Menschheit verbrüdern wird, der lieber beengt und beschränkt, als getrennt und geschieden lebt, war in Israel zur Zeit seiner Blüthe nicht nur erreicht, sondern sogar übertroffen. Dort ließ Niemand die Schmälerung des Raumes durch die Gesellschaft des Genossen fühlen, dort sagte keiner zu seinem Genossen, der Platz ist mir zu eng, wenn ich in Jeruscholajim übernachten werde. Durch diese Zartsinnigkett und Brüderlichkeit, die lieber die eigene Einschränkung schweigend erträgt, als sie den anderen fühlen läßt, vollzog sich das Wunder, daß in der That Jeder zur Genüge Raum hatte. Und das wußte jeder schon zu Hause im Voraus. Es heißt deßhalb nicht: Niemand übernachtete in Jerusalem und hätte sich beengt gefühlt, sondern jeder forderte seinen Genossen auf mit hinauf nach Jerusalem zu ziehen, und war sicher, er werde sich nicht räumlich beschränkt fühlen. mnntpn noa ^>an Auch dieses Wunder vollzog und vollzieht sich durch die rückhaltlose Huldigung Gottes als unseres Vaters, der aus allen Menschen Brüder macht, die alle im großen Vaterhause Platz haben. Das sind die Wunder, die im Tempelhetligthum geschehen, aber weit über dessen Grenzen hinausreichen, die unseren Vätern widerfuhren und auch ihren Enkeln verbürgt sind, wenn sie ihren Lebensberuf darin finden, würdige, trene Nachkommen der Väter zu sein und zu bleiben. *) ZetttrrrgSrrachrichten und Ikorresportderrze«. Deutschland. Berlin, 30. August. Ein antisemitisches Märchen hatte die „Staatsbürger-Ztg." im vorigen Monat ihren Lesern aufgettscht, indem sie aus Volos in Thessalien berichtet, daß dort ein Jude aus angesehener Familie einen Knaben geraubt und ihn fünf Tage lang in einem unterirdischen Gefängnis eingesperrt gehalten habe, bis es dem Knaben gelungen sei, zu entfliehen und bei der Polizei Anzeige von dem Vorfall zu machen. Jetzt hat sich, wie die athenische „Akropolis" berichtet, die ganze Geschichte als eine Erfindung des Knaben herausgestellt, die ohne jeden tatsächlichen Anhalt war. Nach den sofort angestellten polizeilichen Ermittelungen ist der Knabe an dem Tage seiner angeblichen Gefangenschaft ungestört in der Stadt herumgewandert. Seine Begegnung mit der jüdischen Familie beschränkte sich darauf, daß die Frau des Hauses sich erboten *) Wir schließen für dieses Jahr unsere Betrachtungen über „Die Sprüche der Väter", um sie mit Gottes Hilfe im nächsten Jahre fortzusetzen.