Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1893)
- Date
- 1893-09-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1360 Lli- . 1. der Enge nicht. Gott, für den sie sich ihrer Menschenwürde entäußern ließen, Gott, für den sie ihre Menschenrechte Preis gaben, vor dem ste sich niederwarfen, damit der große Troß auf ihnen herumtrete, Gott hob sie mit seiner Wundermacht empor über die Mistzre des Lebens und gewährte ihnen nnin ,v» iiriv mitten in der Enge, ein weites für alles Menschliche warm schlagendes Herz und einen lichten Geist, der sie vor Engherzigkeit und Verkümmerung schützte. Das treue Streben nach gewlffenhaster Erfüllung aller von Gott gebotenen Pflichten, das die Welt als einfältige „Beschränktheit" belächelte und belächelt, es war das wunderbare Mittel, die jüdischen Geister rege und die jüdischen Herzen in allumfaffender Weite zu erhalten. avnn '2 pn« ■pn'iso th (Ps. 119, V. 32.) Wer hätte an sich selber noch nicht die Wahrheit erfahren, wie der bloße Aufruf zu Gott aus gedrückten, beengenden Lebenslagen das Herz weit und frei macht, wie es das Psalmlted singt: amen ’uy '* »renp *won. „Aus der Enge habe ich gerufen, o Gott, er hat mich erhört in der Gottesweite." Und umgekehrt, als die beengenden Schranken vor dem Hauche einer lichteren Zeit fielen, welche untere Ahnen Jahrhunderte in enge Gaffen zwängte, als wir frei die Kräfte entfalten durften, die keine hundertjährige Verkümmerung zu vernichten vermochte, als wir das Haupt frei erheben durften und mit gehobenem Bewußtsein und aufrechter Stellung Theil nahmen an dem Wettkampf um die materiellen und geistigen Güter des Lebens — da wurde uns der Raum zu enge. Während die Väter in dem enggezogenen Kreis, in welchen sie die Unduldsamkeit ihrer Umgebung bannte, ihr tägliches Brod suchten und erlangten und dabei noch Zeit und Muße fanden für die höchsten geistigen Anliegen des Lebens, für die Aneignung und Erfüllung des göttlichen Thorawortes, ergeht sich unsere freie Zeit, der das ganze Weltall offen steht, in Klagen darüber, daß ihr die Welt zu eng, die Coneurrenz so groß, der Kampf ums Dasein so heiß sei! Und in diesen Klagen findet man den selbstverständlichen Dispens von dem Studium der Thora und der Erfüllung ihrer Satzungen! Das ist der Fluch des vbidx poiy, der Beengung, die sich an unsere aufgerichtete Stellung, wie der Schatten an den Schein der Sonne heftet. Wie soll dieser Zwiespalt enden? Die Klugheit des Tages lehrt: Heute, wo die Möglichkeit, das bloße Dasein zu fristen, an so harte Bedingungen geknüpft ist, könne man nicht allwöchentlich einen ganzen Tag feiern und weil man es nicht könne, brauche man es auch nicht. Heute, wo die ganze Welt dem jüdischen Gefchäftsmanne offen steht, könne und brauche man sich nicht länger an die göttlichen Vorschriften zu binden, die unsere Speisen und Getränke, unser Genießen und Versagen zum Gegenstände haben. Die durch Jahrtausende bewährte jüdische Wahrheit und Lebensweisheit weist dagegen darauf hin, daß die Möglichkeit zu erwerben und zu leben im Vergleich mit den früheren Zeiten nicht schwerer, sondern leichter geworden ist, daß die Väter schwerer zu ringen hatten, um die bloße Existenz eines bescheidenen Daseins zu ermöglichen und daß ste dennoch als Sieger aus diesem Kampfe hervorgingen, weil sie sich kramphaft an dasjenige klammerten, was ihre Enkel als veralteten Plunder nicht weit genug von sich werfen zu können vermeinen, an Thora und Mizwah und die treue Unterordnung des ganzen Lebens unter Gott, welche die Pflege dieser Heiligthümer zur unerläßlichen Voraussetzung und Folge hat. Jede Mizwa, die wir üben, jede Awera, die wir meiden, ist eine rpinntyn, ist ein Aufgeben, ein Niederwerfen des eigenen Ich zur Ehre und Huldigung Gottes. Der Jude, der am Sabbat sein Geschäft schließt, hat sich und sein Erwerben durch eine 24ftündige Gotteshuldigung seinem Vater im Himmel zu Füßen gelegt, der Jude, der sich jeden Genuß versagt, den ihm sein Gott als verboten erklärt, hat sich mit seinem ganzen Wollen und Genießen Gott unterworfen und gewinnt aus dieser Hingebung den Trost und den Muth, sich mit seinen kleinen und großen Sorgen und Anliegen unter Gottes mächtiger, schützender Leitung zu wissen. Ohne mnrwn gibt es keine nmn, ohne Unterordnung unter Gott gibt es keine freie Entfaltung, lehrt die alte jüdische Weisheit, und unsere Zeit im Vollbesitz der nmnn glaubt der mmwn enrrathen zu können! Wer sich auf die Zeichen der Zeit versteht, sieht, wie alle Geschehniffe darauf htnzielen, der erprobten jüdischen Wahrheit wieder zur Anerkennung zu verhelfen. Von allen Seiten erhebt sich der Neid und die Scheelsucht, um unsere nri'.n in Frage zu stellen und unseren Schutz in der Unterordnung unter Gott, in rmnrwn zu suchen. Hätten wir die Einsicht und den Muth einer rückhaltlosen Unterwerfung unter Gott und seinen Willen, so würde an diesem Entschluß das Gift der Verleumdung, das seine verheerende Macht gegen uns geltend macht, sich so sicher brechen, wie es uns vom Jerusalem der Vergangenheit als neuntes Wunder berichtet wird, daß dort niemals weder Schlange noch Scorpton einen Schoden zu stiften vermochten. — Es wird uns nicht gesagt, daß es in Jernscholajim keine Schlangen und