Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1893-08-31 · Heft 70 (31.8.1893) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 70 (31.8.1893)
Date
1893-08-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448315-2448382--37015-2485062
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wohl nach der offiziellen Zählung der Stimmen geschehen wird. Bern, 28. August. Die Nachricht einiger Zeitungen, nach welchen die Israeliten ihr Fleisch bereits aus Annnemasse (Frankreich) und aus Baden beziehen, ist nicht richtig; der Groß-Rabbiner Wertheimer, welcher heute in Bern war, dementirt es. Die jetzige Lage der Israeliten wird bis zum Dezember nicht verändert, da die Bundesversammlung ihre Sanktion dem Volksvotum zu geben hat. Indien. Bombay. Wir Israeliten in Indien besitzen ein untrügliches Zeichen, um zu wissen, wie es unseren Brüdern im gelobten Lande, besonders in der heiligen Stadt Jerusalem 2™ geht. Wenn nämlich die Sendboten (ov6wö) von dort rasch aufeinanderfolgen, dann wissen wir, daß dort wieder eine große Noth herrscht, und daß wir nun rasch zu Hilfe kommen müssen. So haben wir binnen nur zwei Jahren vier Sendboten aus dem heiligen Lande in unserer Mitte gesehen und sie alle brauchten nicht mit leeren Taschen heimzukehren. Den Juden Indiens ist der Psalmvers at* ’j’D’ rütwi Q^m» iNDlr-x zu stark in den Geist geprägt, als daß sie nur einen Augenblick zögern sollten, ihren Brüdern im gelobten Lande mit ihren Mitteln betzuspringen. Bor einigen Tagen ist hier ein jüdischer Geschäftsmann aus Wladivostok in Sibirien eingetroffen und erzählte er mit Freuden, daß er überall, wo er auf dieser weiten Reise Station machte, bei Juden wohnen und bei Juden speisen konnte. Seine erste Station machte er nämlich in der japanestschen Hafenstadt Negasakt, wo er deutsche, englische und holländische Juden vorfand, die dort eine schöne Gemeinde bilden. Seine zweite Station war in der großen chinesischen See- und Handelsstadt Schanghai, wo nebst englischen auch sephardische Juden aus Indien, Persien, Bagdad 2c. wohnen und wo auch eine schöne Synagoge besteht. In Honkong, Singapore und Mulmein, welche Städte er dann besuchte, fand er gleichfalls kleine jüdische Gemeinden mit entsprechenden Gotteshäusern. So erfüllt sich das Wort des göttlichen Sängers #n dp wao iy »D»mioD. Die große Hitze in Indien hat sich diesmal schon im Mat eingestellt und im Juni war sie fast unerträglich. In allen Synagogen des Landes wird daher jetzt mit dem Sabbatgottesdienst schon um vier Uhr Morgens begonnen, da man später kaum ein Mtnjan zusammenbringen würde. Auch am Tische-Beab wurde daher schon zeitlich Morgens mit dem Gottesdienste begonnen. > Vermischtes. *4 Aus Sachsen, 17. August. Der antisemitische Schriftsteller Rudolf Plack-PodgorSki, der Verfasser der auf Grund des Ahlwardtschen „Aktenmaterials" herausgegebenen Schmähschrift „Pharisäer und Heuchler oder die Leuchten des deutschen Parlaments und die Stützen des Staates" ist nunmehr von einem Kriminalbeamten aus Dresden in einem Orte der sächsischen Schweiz ermittelt und verhaftet worden. Plack-Podgorski wurde, wie erinnerlich, von Berlin aus steckbrieflich verfolgt. In der sächsischen Schweiz hatte er sich unter dem Namen Müller als Sommerfrischler aufgehalten. Vor seiner Flucht aus Berlin hatte er sich durch Abrasiren des Bartes unkenntlich zu machen versucht. Feuilleton. Tante Golde. +& Novelle von R. Litten. Die Thür des kleinen Zimmers, in welchem das junge Weib, das vor wenigen Stunden die Hand des Todes gezeichnet, unter schwarzer Hülle von seinem kurzem Erdenwallen ausruhte, wurde so hastig geöffnet, daß die beiden alten Frauen aus dem Ledersopha aus ihrem Halbschlummer auffuhren und monoton murmelnd die vorhin unterbrochenen Gebete wieder ausnahmen. „Der Ewige, Gott, ist's, der da tödtet und belebt, der in's Grab führt und wieder heraus." Dabei rückten sie aber verstohlen an ihren verschobenen Hauben und schauten mit unverhohlener Neugier aus die kleine, umfangreiche Frauengestalt, welche rasch eingetreten war und nun, ohne rechts und links zu blicken, näher kam, bis sie dicht vor der verhüllten, auf dem Fußboden ruhenden Leiche stehen blieb und sich in ausbrechendem Schluchzen über sie beugte. „Mein Sarchen, mein Sarchen! Bin ich doch zu spät gekommen? Hast nicht mehr warten können, bis Tante Golde kommt, noch ein letztes Mal Dein liebes Gesicht zu sehen? So eilig hast Du's gehabt mit Deinem Nathan olow liascliolom wieder zusammen zu sein? Hat's Dir denn garnicht mehr gefallen zu leben, seit Gott, gelobt sei sein Name, ihn von Dir genommen? — Mein Sarchen, unter die Chupp' Hab' ich Dich geführt vor kaum acht Jahren — Deine Mutter, meine Schwester, Gott Hab' sie selig — hat nicht mehr erleben dürfen das Glück von ihrem einzigen Kind — wie die richtigen Sterne haben geleuchtet Deine Augen unter dem Schleiertuch, das ich Hab' gelegt über Dein Gesicht und jetzt haben sie Dir die schwarze Deck' übergebreitet und Deine Augen zugedrückt für immer!" Kaum verständlich, halb erstickt von Thränen, waren die Worte durch das stille Zimmer geklun-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.