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Der Israelit · 1893-08-31 · Heft 70 (31.8.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 70 (31.8.1893)
Date
1893-08-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1345; 1 gen, nun wurde das Weinen schwächer, verstummte allmählich, und jetzt hielt es Frau Beile Pknkus, die bejahrtere der Beterinnen, an der Zeit, gewissermaßen die Honneurs des Sterbezimmers zu machen. Mit der einen Hand glättend über die vor Alter fuchsige Perrücke fahrend, ergriff sie mit der andern einen Stuhl und trat so auf die Fremde zu. „Wollen Sie sich nicht nehmen Platz, Madam Finkelstein? Sie werden müd' sein vom Fahren. Sie sind doch die Madam Finkelstein", fuhr sie, als ihr keine Antwort ward, etwas unsicher fort, „von der hat gesprochen die selige junge Frau bis zu ihrer letzten Stund' V Die Angeredete strich noch einmal liebkosend über die schwere, schwarze Tuchdecke, unter der sich die Umrisse eines schlanken Körpers deutlich abzeichneten und hob erst dann das volle, rothe Gesicht, um der Fragestellerin zuzunicken. „Ja, ich bin die Finkelfteinen, die zu spät ist gekommen ihr Schwesterkind sterben zu sehen." Das Schluchzen stieg ihr wieder in die Kehle, aber sie bezwang es und murmelte: „Vorgestern ist gewesen der Jahrmarkt bei uns, gestern war Schabbes, mein Sarchen hat nicht verlangt, daß Tante Golde kommt gefahren zu ihr am heiligen Schabbes." Sie schob den Stuhl, der von Frau Beiles Hand geleitet, jeder ihrer Bewegungen folgte, wie der Magnet den Eisen, zurück und sagte mit einem Anfluge großer Energie: „Setzen will ich mir nicht, ich bin nicht gekommen mir zu setzen; das Kind will ich sehen!" Die zweite der Frauen, welche nach ihrem Gesichtsausdruck zu schließen, schon längst daraus gewartet hatte, nun auch ihrerseits handelnd in die Situation einzutreten, verschwand auf diese Frage eilfertig im Nebenzimmer und kam gleich darauf zurück, eine zterliche Ktndergestalt nach sich ziehend, welche das braune Lockenköpfchen gesenkt hielt und eifrig im Weiterschreiten mit den winzigen Fingerchen an einem halbvollendeten Kranze von Wiesenblumen nestelte. Die rundliche, trotz ihrer beachtenswerthen Körperfülle äußerst bewegliche Frau Finkelftein flog auf sie zu und drückte sie so fest an ihre Brust, als wäre sie nur dort vor drohender Gefahr geborgen. „Nebbich, das arme Kind!" murmelte sie dabei. Das feine Ohr des kleinen, vielleicht siebenjährigen Mädchens hatte die leisen Worte aufgefangen und mit großen verwunderten Augen löste das Kind sich jetzt aus den es fest umschlingenden Armen. „Wie sagtest Du?" fragte es erstaunt mit einer Stimme von überraschendem Wohlklang. „Armes Kind? Aber warum nennst Du mich denn so? Und wer bist Du?" „Deine Tante Golde, mein Leben, Deine Tante, die —." Die Kleine unterbrach die Sprecherin und lachte so hell auf, daß es wie silberne Glöckchen durch das Zimmer klang. „Tante Golde? O, wie drollig! Goldene Tante will ich Dich nennen, darf ich, Goldtantchen?" Aber dann trat ein ernster, sinnender Ausdruck in die dunklen, wunderschönen Kinderaugen, und die Kleine schlang die Aermchen um den Hals der vor ihr Knieenden und flüsterte geheimnißvoll: „Ich kenne Dich schon lange, Goldtante! Mama hat oft von Dir gesprochen und gesagt, Du wirst mich lieb haben, genau so, wie sie selbst. Aber das glaube ich nicht, Goldtantchen, und Du mußt mir deßwegen nicht böse sein. Siehst Du, eine Tante hat doch ein kleines Mädchen ni ht so lieb, wie seine Mama, und meine Mama nennt mich immer ihr Einziges auf der Welt, ihren Sonnenstrahl. Jetzt ist sie zwar immer still und traurig, sie hat den bösen Husten, weißt Du, und gewiß auch große Schmerzen, wenn sie mir das auch nicht sagen will, aber wenn sie ihre kleine Martha erblickt, lächelt sie doch immer und nickt ihr zu. Du wirst schon sehen, Tante, wenn sie aufwacht." Ein Blick flog nach dem Alkoven, zu welchem von der Stube aus drei hölzerne Stufen hinanführten und das Kind plauderte gedämpft weiter: „Mama schläft heute sehr lange und ich kann nun noch rasch meinen Kranz fertig winden, dann freut sie sich, wenn sie aufwacht und hängt ihn auf Papa's Bild, dort über ihrem Bett." Sie wollte ein paar der unscheinbaren Blumen aus dem hochgesteckten Schürzchen nehmen, ließ aber die bereits erhobene Hand sinken und schaute sich nun erst mit verwunderten Augen im Zimmer umher. „Aber wie sieht es denn heute hier aus?" fragte sie. „Warum ist der Spiegel verhängt und warum brennen dort Lichter? Es ist ja ganz hell draußen?" Sie bog das Köpfchen zur Seite und schaute an der noch immer vor ihr Knteenden vorbei nach der gegenüber liegenden Seite des Zimmers, wo soeben ein Sonnenstrahl, der sich neugierig durch die geschloffenen Vorhänge gedrängt, auf den Dielen und über die traurige, schwarze Hülle dort gaukelte. Das Kind fuhr zusammen und blickte aus schreckgeöffneten Augen darauf hin. „Ich fürchte mich, Tante", sagte es leise, „und ich möchte, meine Mama wachte endlich auf." Ueber Frau Finkelstein rothes, gutmüthiges Gesicht rannen schwere Tropfen. „Dein Mütterchen wird nicht mehr aufwachen, mein armes Kind", sagte sie weich, „der liebe Gott hat sie zu sich genommen in den Himmel." „Nicht mehr aufwachen, meine Mama?"

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