Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 70 (31.8.1893)
- Date
- 1893-08-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448382--37011-2485058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 2× ep/1000826
OCR text
1340 Provinz ständigen Aufenthalt zu nehmen. Da aber die Stadt Riga und viele andere Städte in Kurland die Ansiedlung von Juden ungestüm forderten, um, wie sie petitionirten, „den Einwohnern Nutzen zu bringen, da sonst die Commerz ganz niedergehen, und der Waarenimport eingestellt werden würde", so beschloß man, die Anstedlung von Juden unter Bildung selbstständiger Gemeindeverwaltungen zuzulassen. Mit der nunmehr erfolgten Auflösung der israelitischen Consistorien sind die Juden ihrer Zuständigkeit beraubt worden. Eine eigene Gemeindeverwaltung besitzen sie nicht mebr, weil die Städte, wo sie so lange gewirkt haben, das Zuständigkeitsrecht ihnen nicht verleihen werden, nicht verleihen dürfen. Dies ist der Sinn der Aufhebung der jüdischen Consistorien in Riga und in den kurländischen «Städten. Uebrigens müssen wir hier constatiren, daß es eine alte Praktik der russischen Regierung ist, die Kenntnisse und die Fähigkeiten der Juden auszunützen und sie nachher wie eine ausgedrückte Citronenschale wegzuwerfen. So hat die russische Regierung im Jahre 1819 den jüdischen Branntweinbrennern gestattet, im Innern des Reiches sich ansiedeln zu dürfen. Diese Erlaubniß erfolgte auf das Ansuchen des damaligen Gouverneurs von Pensa, Staatsratbes Sveranskij. der der Regierung meldete, „es sei unmöglich, außer jüdischen Branntweinbrennern andere zu finden." In dem diesbezüglichen Ukas von 1819 heißt es wörtlich: „Bis zur Vervollkommnung der Russen in der Brennerei hat die Regierung beschlossen, den jüdischen Brennern das Recht der Anstedlung in den inneren Gouvernements einzuräumen." Nachdem aber die Russen dieses Geschäft erlernt hatten, wurden die jüdischen Meister, wie bekannt, ausgewiesen! . . . Diese Taktik erinnert an die Anekdote vom Kadi, der jeden Unterthan, der ihn aus seiner Geldnoth befreite, aufzuhängen befahl, damit kein Zeuge seiner früheren Armuth vorhanden sei. Gleichzeitig mit diesen ungerechten und inhumanen Verfügungen sollen auch die jüdischen Handwerker in Petersburg demnächst der Verfolgungssucht zum Opfer fallen. Die Schneidergenossenschaft in Petersburg hat nämlich dem russischen Ministerium des Innern ein Memorandum überreicht, worin sie auf den Niedergang ihres Handwerkes hinweist und die jüdischen Schneider als Ursache dieses Niederganges bezeichnet. Das Ministerium seinerseits hat sich beeilt, diese Denkschrift einer Commission zu übergeben, die demnächst die Ausweisung der jüdischen Schneider aus Petersburg befürworten wird. Hier weiß man jedoch genau, daß die Genossenschaft zu diesem Schritte aufgefordert worden war, und daß man bet den jüdischen Schneidern nicht Halt machen werde. Es gilt hier als Thatsache, daß in Bälde eine Judenauswanderung en masse zu erwarten stehe ... Es fragt sich nur: Wohin und womit? ZeiturrgSuachrichte« und Corresporrdeuze«. Deutschland. Frankfurt a. M, 28. August. Unter Bezug auf Ihre jüngste Mittheitung aus Frankfurt a. M. die Häufigkeit der Zuckerkrankheit der dortigen jüdischen Bevölkerung betreffend, möchte ich mir erlauben, zur Beruhigung Ihrer Leser in der Mainmetropole und zur Erklärung des merkwürdigen Verhältnisses einige Bemerkungen anzuknüpfen. Daß die Zuckerkrankheit unter den Juden häufig vorkommt, ist eine Thatsache, die in der medizinischen Welt seit ungefähr 20 Jahren bekannt ist. Seegen, Professor der Balneologie in Wien und Badearzt in Karlsbad hat meines Wissens zum ersten Male diese Thatsache konstatirt und in seinem im Jahre 1870 erschienenen Werke über Diabetes mellitus weist er darauf hin, daß von seinen damaligen 140 Patienten in Karlsbad 36 Israeliten waren, also über 25pCt. der gesammten Krankenzahl. Er nennt diesen Prozentsatz immens selbst mit Rücksicht auf den Umstand, daß Israeliten in großer Zahl Kurorte besuchen, und daß die Verhältnißztffer der jüdischen und christlichen Kranken an einem Kurorte durchaus nicht dem Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung zu dem der christlichen entspricht. Das Contingent der jüdischen Kranken beträgt jedoch in einem Kurorte im besten Falle höchstens 10 pCt. Die letzte Ursache der Diabetes ist noch unbekannt. Man kennt nur zahlreiche sog. disponircnde Momente, aus deren Betrachtung sich ergiebt, daß die Zuckerharnruhr hauptsächlich eine Krankheit der gutsituirten Stände ist, ähnlich wie die Gicht und die Fettsucht. So stehen erwiesenermaßen in ursächlichem Zus ammenhang mit ihr Unzweckmäßige Lebensweise, unpassende zu zahlreiche Ernährung, zumal wenn sie mit einer sitzenden Lebensweise verbunden ist. Daher kommt Diabetes relativ häufig bei Fettsüchtigen und Gichtkranken vor. Dann ist auf -den innigen Zusammenhang zwischen der Diabetes und dem Nervensystem hinzuweisen. Wie bei letzteren spielt auch bei der Zuckerkrankheit die Erblichkeit eine bedeutende Rolle. Es wurden wiederholt Erkrankungen an Diabetes in mehreren Generationen derselben Familien oder auch bei Geschwistern beobachtet. Zuweilen kommt es in solchen Familien vor, wo eine erbliche Disposition zu Nervenkrankheiten vorhanden ist. Psychische Affecte, geistige Ueberanstrengungen,Sor-