Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 70 (31.8.1893)
- Date
- 1893-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. ',f,s^-'7%f -7?p:/3&W M 70. Der Israelit. Sin Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. Begründet von Br. gefymatw tv Mai«-. Donnerstag, den 31. August 5653 <1868). Leitender Artikel. Air erneuerte Judenverfolgung in Htußkand. Petersburg, 20. August. Dem in Wien erscheinenden „Freien Blatt", Organ zur Abwehr des Antisemitismus, liegen zwei im „Regierungsboten" publicirte kaiserliche Ukase vor, welche neuerliche Judenverfolgungen in Rußland anordnen und die nicht verfehlen werden, das Elend unter den russischen Juden p vergröbern. Der eine verfügt die Ausschließung der Stadt Jalta in der Krim aus dem den Juden eingeräumten Niederlaffungsgebtete und wird somit die Ausweisung der dort lebenden Juden zur Folge haben; der andere ordnet die Aushebung der jüdischen Conststorien in Riga und in den kurländischen Städten an. Die nunmehr bevorstehende Ausweisung der Juden aus Jalta entspricht den Worten des Mohren in Schiller's „Fiesco": „Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan, der Mohr kann gehen", denn was die Juden für die Hcbung des Handels und für die Entwicklung der Industrie in diesem Gebiete seit der Eroberung desselben durch Potemktn unter Katharina II. bis auf unsere Tage geleistet haben, das ist der russischen Regierung ebenso gut bekannt, wie jedem Anderen in Rußland. Der Ukas der Kaisern Katharina II. vom Jahre 1797, welcher den russischen Juden das Recht, zur Ansiedlung im Noworossisk- und im taurischen Gebiete einräumte, war, wie das damalige Commerzeollegium selbst erklärte hatte, ein Act der Staatsnothwendigkett. Die denkwürdige Sitzung des russischen Reichsrathes vom 7. October 1790 war ausschließlich der Frage der Ansiedlung von Juden in den eroberten Gebieten gewidmet, und der Reichsrath genehmigte den Antrag des Grafen Woronzow, des Präsidenten des Commerzcollegiums, daß „der Nutzen des Staates es erfordere, die Judenansiedlung in den eroberten Gebieten mit allen Mitteln zu fördern." Ein Jahrhundert ist seit dieser Sitzung verflossen, die Juden haben während dieser Zeit die unermeßlichen Steppen und Wüsteneien des Noworosfisk- Gebietes dem Handel und der Industrie gewonnen, haben dem Staate unschätzbare Dienste geleistet, und als Anerkennung für diese Dienste werden sie nunmehr aus Jalta ausgewiesen. Man blättere nur die Annalen der Industrie und des Handels in diesen Ländereien durch, man ziehe bloß in Betracht, was der Jude Rafalowitsch in Nikolajew, dem Admiral Greig alle seine Plaue zur Hebung des russischen Marinewesens entlehnt haben soll, für den Schiffbau und für die Flotte des schwarzen Meeres geleistet hat, und man wird begreifen, mit welch schnödem Undank die russische Regierung ihre jüdischen Unterthanen behandelt. Aber dieser Utas hat noch einen bitteren Beigeschmack, der nicht übersehen werden darf. In der Nähe von Jalta befindet sich das bekannte Schloß Livadia, der Sommersttz des Hofes, der allsommerlich die Stadt passirt, welche von vielen Juden bewohnt wird. Durch den Ukas hat der Hof seine Abneigung gegen die Juden öffentlich bekundet . . . Die Juden in Rußland müssen also angesichts dieser Thatsache jede Hoffnung auf eine baldige Besserung ihrer Lage aufgeben. Lasciate ogni speranza, voi ch’ entrate! Die Aufhebung der jüdischen Conststorien in Riga und den kurländischen Städten ist ein Kniff, welche die allmähliche Entfernung der Juden aus diesen Ortschaften bewirken soll. Bet der Ansiedlung der Juden in Kurland, welche im Jahre 1799 ihren Anfang nahm, war angeordnet worden, daß die Juden selbstständige Gemeinden zu gründen haben, deren Mitglieder nicht den Magistraten, sondern jüdischen Conststorien zu unterstehen hätten. Dies geschah, weil Kurland eine alte Privilegiencharta besaß, die den Juden untersagte, in der