Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 69 (28.8.1893)
- Date
- 1893-08-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1325 ttsemittsmus dankbar sein, dann werden wir ihm auch eine gute, ja eine recht gute Seite abgewinnen können. An uns ist es aber, zu dieser Erkenntniß beizutragen; sie ist keinesfalls so bitter, als wenn sie uns von Feinden beigebracht wird. Man darf sich nur nicht der Wahrheit verschließen, uns nur nicht als Gegner auffassen, die man nicht anhören will. Uebrigens braucht man nur den Muth zu haben, Thatsachen zuzugestehen, auch wenn sie für uns einen bitteren Beigeschmack haben. Es gab eine Zeit, sie liegt nicht weit hinter uns und ist auch heute noch nicht ganz abgeschlossen, wo man jüdischerseits die „bessernde" Hand an Talmud und Bibel anlegen zu müssen, behauptete. Hat man damit nicht Talmud und Bibel bereits angeklagt? Wirft man nicht der Bibel, speziell sogar dem Pentateuch oder der Thauro vor, veraltete, unzeitgemäße, von der modernen Wissenschaft widerlegte, als unmöglich wahre Gesetze zu enthalten? Spricht man nicht von der Thauro als von dem Gesetze Moses und dem Gesetzgeber Moses und erlaubt sich daraufhin, als an einem menschlichen Gesetzbuche bald da bald dort die Scheere anzulegen, bald da ein Eckchen, bald dort ein Theilchen abzuschneiden?! Das ist doch Thatsache und wird bereitwillig von sehr vielen als berechtigtes Thun offen zugestanden. Man spricht also offen der Thauro, dem jüdischen Gesetze die Heiligkeit und Göttlichkeit ab. Wenn man damit sich so leicht abgefunden und der jüdischen Religion und dem jüdischen Gesetze den Boden entzogen hat, so brauchen wir uns nicht zu wundern, daß man die Vertreter und Vertheidiger der Thauro, als eines göttlichen Gesetzbuches, in jener Zeit, die uns noch nicht sehr ferne liegt und die heute noch nicht ganz abgeschlossen ist, vielleicht in gutem Glauben und bester Absicht, arg deßhalb befehdete und deren Werth herabzudrücken suchte, ja, sie durch ihnen beigelegte Bezeichnungen wie Orthodoxe, Finsterlinge und wie diese wissenschaftlichen Epitheta noch alle heißen, verächtlich zu machen suchte, als wären es Menschen, die die schlimme Absicht hatten, unserem Volke die beglückenden Errungenschaften der Neuzeit vorzuenthalten, ihm eine bessere Stellung, eine Gleichberechtigung geradezu unmöglich machen wollend. Und der Streit der Gelehrten artete in einen Kampf gegen die Person aus. Es folgte eine Zeit der Verbitterung zwischen den Bekennern der jüdischen Religion, deren Spuren sich so tief etngegraben, daß wir noch heute, wo der Kampf der Meinungen, wenn er auch in sich nicht um ein Jota anders, aber doch manierlichere Form angenommen hat, die Nachwehen deutlich verspüren. Noch oft genug, wenn die Geister aus einander platzen, wagt sich ein Geist der Geringschätzung gegenüber dem orthodoxen Juden und seiner Ueberzeugung, der er doch Opfer gebracht, wie sie kein moderner Jude zu bringen im Stande ist, an die Oeffentlichkett zu treten, die fast aus einen innerlichen Haß schließen läßt. In der That redet sich der moderne Jude vielfach ein, daß der orthodoxe Jude gesellschaftlich tiefer stehe als er und erblickt in ihm einen Juden zweiter Klaffe. Er meint, seine Welt- und Gottesanschauung stehe weit über der altjüdischen. Und diese Meinung ist so verbreitet, daß selbst der ungebildetste, aber „moderne" Jude, modern deßhalb, weil er sich erkühnt, alles jüdische Gesetz, jede jüdische Ceremonie keck zu verletzen und zu verspotten, dabei aber noch nicht einmal eine Zeile in der Bibel zu lesen versteht, von der Geschichte seines Volkes noch nie ein Blatt gelesen hat, dennoch den frommen Juden verspottet und verhöhnt, nur weil er fromm ist, d. h. als Jude auch jüdisch lebt und fühlt. Wir klagen den Antisemitismus an, der die niedrigsten Leidenschaften gegen uns aufgestachelt, die schlechtesten Elemente gegen uns ins Feld führt; wir beklagen es, daß der Antisemitismus ohne Unterschied, die Guten wie die Schlechten in einen Topf wirft und an keinem Juden ein gutes Haar läßt. Nun, ist das, was das morderne Judenthum sich erlaubt hat und theils noch erlaubt, nicht ganz ähnlich? Fühlt der moderne Jude heute, wie tief verletzend, wie bitter dieses Unrecht, diese Verleumdung ist, welche der Antisemitismus gegen Juden und Judenthum verübt, so mag er sich eine Vorstellung davon machen, wie es dem gesetzestreuen Juden seit fast hundert Jahren zu Muthe ist, dem ein gleiches Unrecht von den eigenen Brüdern geschieht. Es betrübt uns heute und verletzt uns tief, wenn wir sehen, wie selbst höher Stehende im Volke mit einer gewissen Befriedigung dem antisemitischen Treiben zusehen und innerlich Beifall zollen, auch wenn sie sich selbst persönlich fern halten von demselben. Die sogenannten Gebildeten im Judenthum, die sich von all diesen Vorgängen im Judenthume fern hielten, haben aber doch stillschweigend all dem Unrecht und aller Vergewaltigung, die man im Namen der Neuzeit dem alten Judenthum in seinen Vertretern angethan, zugesehen. Es gab Zeiten, und sie liegen uns nicht so sehr fern, wo man den gesetzestreuen Juden verleumdete, denuncirte, und keine Stimme aus dem Lager des modernen Judenthums hat es jemals ausgesprochen, daß die Gewissensfreiheit auch dem