Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 69 (28.8.1893)
- Date
- 1893-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1324 vom jüdischen Moralcodex dictirt und angelernt ist, die mit ihren Stammesgenossen fast nicht in Berührung kamen, denen jüdisches Gesetz und jüdisches Leben etwas ganz Fremdes ist und die kaum einen blassen Begriff davon haben, was eigentlich Judenthum ist: auch sie sollen nicht ausgenommen, nicht ausgeschlossen sein, auch sie sollen mitinbegriffen sein unter dem von den Antisemiten so tief gehaßten, so heftig und bitter angefeindeten, so verächtlich behandelten Judenvolke, dem man nicht Schlechtes genug nachsagen kann, auf dessen Schultern man alle Gemeinheiten, alle Schuld an allem, woran die heutige Menschheit krankt, abwälzen will. Wir wollen ja nicht gegen den Antisemitismus schreiben, sonst müßten wir hier alle Widerlegungen, die ja von allen Seiten, von semitischen und nichtsemitischen, in treffender und schlagender Weise hundertfältig auf diese gehässigen und schon darum ungerechten Anschuldigungen und Behauptungen gemacht worden sind, nochmals wiederholen. Und, im Grunde genommen, da der Haß wohl an äußerliche Momente anknüpft, in Wirklichkeit aber viel tiefer liegt, werden wir denselben mit allen noch so schlagenden Widerlegungen nicht entkräften, können daher auch, weil unsererseits daran nichts zu ändern ist, im Hinblick auf den göttlichen Schutz, diesem Treiben vielleicht ruhiger mit zusehen, als man glaubt. Sicherlich aber hat diese Feindseligkeit nach der Seite hin ihr Gutes, daß alle Juden sich nach dieser Richtung grundlos angefeindec wissen und darum das Gefühl der Unschuld, des mit Unrecht erduldenden Hasses in jeder jüdischen Brust auffteigt, das jüdische Gefühl und Bewußtsein, auch wenn es bis jetzt tief verborgen gewesen und fest eingeschlafen zu sein schien, wach gerüttelt wird. Eine weitere Folge dieser antisemitischen Angriffe ist, daß sie alle Juden zwingen, zur Vertheidigung des Judenthums mitzuwirken, des Judenthums, dem man schon ganz entfremdet war, für das man sich nach keiner Seite hin mehr erwärmen konnte. Jeder, der sich noch Jude nennt, der noch Jude genannt wird, fühlt und weiß, daß das jüdische Gesetz, die jüdische Religion kein Unrecht lehrt, keine verwerfliche Handlung gut heißt, keine Unwahrheit beschönigt, daß, mit einem Worte, das jüdische Gesetz uns von jeher als Gottes gesetz gilt und schon darum oberstes und höchstes Gesetz, oberste und höchste Wahrheii enthält, mit dem höchsten Maßstabe gemessen werden muß, daß es für uns ein heiliges Gesetz ist und darum auch an unsere Wahrheit, an unser strenges Rechtsbewußtsein den höchsten Maßstab anlegt. Und nun sollen wir Bekenner des Judenthums die schlimmsten Feinde der Menschheit sein, uns jedes Unrecht gegen die übrige Menschheit auf Grund unserer Religion und unseres Gottesgesetzes erlauben dürfen und erlauben! Da wären wir freilich nicht werth, unter den Menschen geduldet zu werden, wären wir Juden, die wir uns das Gottesvolk nennen, die größten Gotteslästerer b"i, die ärgsten Entweihcr des göttlichen Namens. Gegen solche widersinnige Anklagen wird jeder Jude in gerechtem Zorn sich auflehnen, wird sein Judenthum vertheidigen. „Wie bedaure ich," so sprach ein hochgebildeter Jude zu mir, „daß ich so wenig von unserem Gesetze kenne, daß ich ein vollständiger Late bin auf diesem Gebiete und mir in unserer Zeit nicht selbst ein Urtheil über Judenthum bilden kann. Man wird ja heute geradezu gezwungen, sich mit dem Mischen Gesetze und der jüdischen Literatur zu befassen. Man weiß ja gar nicht, ob die Behauptungen der Antisemiten, ihre Cttate aus Talmud und Bibel richtig sind oder nicht. Ja, ich bedaure es recht sehr." So geht es vielen Juden. Man möchte widerlegen, vertheidigen, denn das fühlt jeder Jude, solche ungeheuerliche Anschuldigungen können nicht wahr sein. Und wer bis jetzt sich noch nie mit dem Religionsgesttze befaßt, er sucht und will sich belehren, um bei Gelegenheit mttzusprechen, widerlegen zu können. Und in diesem Bemühen wird man von jüdischer und nichtjüdischer Seite unterstützt; es muß besonders auf solche Juden, die selbst so wenig vom Judenthum verstehen, die sich selbst zu schwach fühlen, mitreden zu können, einen tiefen Eindruck machen, wenn sie sehen, wie nichtjüd. Männer, ja sogar Frauen, das Judenthum und die jüd. Religion ganz energisch und mit Sachkenntniß vertheidtgen. Man lernt jetzt den eigenen Werth aus dieser Vertheidigung des Judenthums durch Nichtjnden. Um so mehr wird man herausfühlen, wie nothwendig es ist, fest zusammenzuhalten und zusammenzustehen. Die gemeinsame Gefahr — und gefährlich und bedrohlich ist der Antisemitismus, davon wird man sich nach seiner elfjährigen wühlerischen Thätigkeit, nach seinen immer weitergehenden, offen zu Tage tretenden schlimmen Absichten wohl überzeugt haben — bedingt auch eine gemeinsame Abwehr. Einzelne Thatsachen geben ja den Beweis dafür, daß man zu dieser Einsicht gekommen. Aber das Wichtigste fehlt noch, daß wir nämlich das Judenthum und sein Gesetz nur dann vertheidigen, mit Erfolg vertheidigen können, wenn wir selbst auf dem Boden des Judenthums stehen. Wenn uns erst die Erkenntniß kommt, daß auch unsererseits viel gesündigt worden ist gegen das Judenthum, dann werden wir einst noch dem An-