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Der Israelit · 1893-08-28 · Heft 69 (28.8.1893) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 69 (28.8.1893)
Date
1893-08-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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f 0 't 'f, XXXIV. Jahrgang. M SS. PI Der Israelit. Ein Genlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenlyum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 28. August 5653 (1893). Leitender Artikel. Auch eine gute Seite. Von Rabb. Dr. H. Säuger. Der Antisemitismmus hat schon so viele Federn in Bewegung gesetzt, so viele Broschüren gezeitigt, daß es fast überflüssig erscheinen könnte, immer auf's Neue sich mit ihm zu beschäftigen. Zeigt er ja immer dieselbe häßliche, abstoßende Gestalt, die viele bessere, edel denkende und fühlende Menschen mit Abscheu erfüllt, so daß sie sich einfach von ihm abwenden. Do ist iber nicht ganz richtig.. D-nn fn lange der Antisemitismus zur stehenden Tagesfrage gehört, ist es ein Factor, mit dem wir zu rechnen haben; müssen wir ihm die Beachtung schenken, die jede verderbliche Richtung dem denkenden Menschen auferlegt; müssen wir, wie der Arzt in Zeiten der Epidemieen, mit vermehrter Energie dagegen ankämpfen. Und wie bekanntlich in solchen epidemischen Zeiten zugleich mit der Bekämpfung der Krankheit auch den Quellen der Entstehung derselben nachgespürt wird, die Unterlassungssünden, welche den Nährboden der Krankheit vorbereitet haben, schonungslos im Interesse der guten Sache aufgedeckt werden, um so für die Zukunft zu sorgen und zu hüten, daß der Krankheitsstoff nie wieder eine so gefährliche Verbreitung und Ausdehnung annehme: so hat auch der Antisemitismus, der epidemisch um sich gegriffen und selbst weite Gebiete erfaßt und angesteckt hat, wo der Semitismus gar nicht vorhanden war, auch seine gute Seite, auf die wir hiermit Hinweisen wollen. Bekanntlich liefern die Giftpflanzen die besten und wirkungsvollsten Heilmittel. Wo es sich um starke Erregung handeln soll, wo der geschwächte Körper der Krankheit nicht mehr? Widerstand genug leistet und zu erliegen droht, da greift der Arzt zu dem gefährlichen, aber oft einzigen Heilmittel, zum Gift. Der Antisemitismus ist solch ein Gift. Er erzwingt in allen Bekennern jüdischen Glaubens das im Laufe der Zeiten fast geschwundene Gefühl der Zusammengehörigkeit. Mögen die Bekenner des Judenthums unserer Tage ihrer Religion, ihrem Glauben, ihrer Geschichte und Nationalität gegenüber noch so theilnahmslos sich verhalten, indolent und indifferent gezeigt haben und auf keine Vorstellung, auf kein Vorhalten aus jüdischen Kreisen gehört haben, die sie auf die Gefahr ihres auf der schiefen Ebene stark abwärts führenden anttjüdisch nationalen und onii-iüdisch religiösen Verhaltens so oft und eindringlich aufmerksam gemacht; mögen sie mit der Neuzeit und ihren Forderungen, mit den Resultaten der Wissenschaft und mit der modernen Weltanschauung über Gott und Welt, über Mensch und Religion, alle anderen Ansichten, die auf eine Lebensgeschichte und Erfahrung von Jahrtausenden sich stützen, rundweg abgelehnt und von sich gewiesen haben; mögen sie dem jüdischen Gesetze, irgend welche Berechtigung und Verbindlichkeit in unserer Zeit vollständig absprechen und ihm höchstens für die Vergangenheit einigen Werth zuerkennen; mögen sie sich in Lehre und Leben auch ganz zurückgezogen haben von allen Bestrebungen ihrer Stammes- und Glaubensbrüder und hart an der Grenze stehen, die sie aber heute nicht mehr überschreiten wollen aus dem Grunde, weil auch jenseits der Grenze eine große Welt mit ihrer Religion und Gottesanschauung steht: Dem Antisemitismus ist es gelungen auch diese fern stehenden Kreise, diese dem Judenthum abgewandten Juden a u f z u r e g e n, ihr jüdisches Blut in Wallung zu bringen, sie zu zwingen, sich auch als Juden zu fühlen und die Schmach zu empfinden, die in dem Judenthum auch ihnen angethan wird. Sollen ja auch sie, die doch sicherlich nicht an „jüdischen Eigenthümlichkeiten" leiden, die sich doch gewiß nicht durch jüdische Lehre haben letten lassen, deren Moral ihnen ganz gewiß nicht

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