Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 68 (24.8.1893)
- Date
- 1893-08-24
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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1320 Reutz-Neustadt-Gödens, welcher die jüdischen Lehrerbildungsanstalten heftig angriff, Stellung zu nehmen. Ich sagte sofort zu und bat um Uebersendung der mir bis dahin unbekannt gebliebenen Ausführungen des Herrn Reuß. — Ich fand den Ton des Vortrages erregt und bitter und nahm als gewiß an, .laß er die Hannoverische Anstalt nicht gekannt. Zunächst fragte ich bei Herrn Reuß an, aus welchen Quellen er geschöpft, und bat ihn dringend, der Versammlung beizuwohnen. Herr Reuß sagte zu und nannte als seine Quellen einzelne Schüler der verschiedenen Anstalten, die jetzt im Amte stehen. Nun wandte ich mich an die Direktionen aller bestehenden Anstalten um authentisches Material. Kon Berlin, Caflel und Würzburg erhielt ich in dankenswerter Zuvorkommenheit theils Lehrtheils Stundenpläne, Lehrberichte und Lehrmittelverzcichnifse, von Würzburg auf besondere Anfragen auch noch besondere Mittheilungen. — So, meine Herren, bin ich in der Lage, über die genannten vier Anstalten auf Grund aktenmäßigen Materials zu referiren. Ganz Genaues kann ich leider nur über unsere hiesige Anstalt mittheilen. Meine Aufgabe zerfällt in 2 Theile, erstens rein sachlicher Bericht (— ohne iebe persönliche Bemerkung —) über die auswärtigen Anstalten an der Hand der aktenmätzigen Belege, ferner Bericht über das Hannoverische Seminar an der Hand seines Stundenplans, aus dem ersichtlich ist inwieweit Herr Reuß Recht hat oder nicht, und zweitens Ausführungen über die Aufgaben der jüdischen Lehrerbildungsanstalten. — Redner giebt einen geschichtlichen Rückblick über das jüdische Schulwesen seit 1781 im allgemeinen und die Seminarien im besonderen. Dabei zeigt er, daß die letzteren noch heute in der Entwickelung begriffen seien und dieses Stadium noch nicht abgeschlossen wäre. Darauf folgt an der Hand des vorhandenen Materials eine Darstellung der Einrichtung der verschiedenen Anstalten, namentlich in Rücksicht auf den gesamten Religionsunterricht und die Mittel, welche die Lehrer zur gedeihlichen Lehrthätigkeit in diesem Unterrichte heranbilden sollen; eingehend selbstverständlich nur von der Hannoverschen Anstalt. — Insbesondere wies Redner darauf hin, daß sowohl in Berlin, als auch in Cassel, Würzburg und Hannover praktische Anleitung zur Ertheilung des Religionsunterrichts in den bestehenden Uebungs- resp. Volksschulen gegeben werde. — Daran schloß Redner eine Darlegung seiner Gedanken über die Ziele einer Bildungsanstalt für jüdische Lehrer, die er in folgenden Leitsätzen zusammenfaßte: Eine Bildungsanstali für jüdische Lehrer hat im allgemeinen die Aufgabe, in getreuer Erfüllung aller der durch Landesgesetze und Verordnungen für Lehrerbildungsanstalten vorgeschriebenen Bestimmungen ihre Schüler zu Volksschullehrern heranzubilden, welche mit richtigem Verständniß und hingebendem Pflichteifer die ihnen anvertraute Jugend belehren und erziehen und selbst ein Vorbild echt jüdischer Denk- und Lebensweise, insbesondere aufrichtiger Vaterlands- und allgemeiner Menschenliebe sind. Im einzelnen hat eine solche Anstalt die Aufgabe: 1) dafür zu sorgen, daß ihre Schüler vollkommen befähigt werden, den gesamten Unterricht an einer jüdischen einklassigen oder mehrklafsigen Volksschule, insbesondere den jüdischen Religionsunterricht in allen zu ihm gehörenden Gegenständen gedeihlich zu ertheilen. 2) Im Hinblicke aus die Bedürfnisse, besonders der kleinen Gemeinden, hat, eine solche Anstalt aber auch die Aufgabe, ihre Schüler in allen den Gegenständen zu unterrichten und zu üben, deren sichere Kenntniß zur Ausübung des Vorbeteramtes, sowie zum Halten synagogaler Lehrvorträge unerläßlich ist. 3) Aus demselben Grunde hat sie ihren Schülern die Befähigung zur Ausübung des rituellen Schächtenzu verschaffen. 4) Im Hinblick auf die Förderung des Sinnes für Handwerk und Landwirthschaft unter den Juden hat sie ihre Schüler in Handfertigkeit und Gartenbau zu unterrichten. 5) Zur Förderung der allgemeinen Bildung hat sie ihren Schülern, wenn irgend möglich, die Kenntniß einer lebenden fremden Sprache zu vermittelu. Im Anschlüsse an diese Leitsätze erörterte der Herr Referent, wie diese Aufgabe auszuführen sei und sie an der Hannoverschen Anstalt ausgeführt werde. — Zum Schlüsse machte der Redner noch ausdrücklich darauf aufmerksam, daß er sich ganz absichtlich jedes Urtheils über die andern jüdischen Bildungsanstalten Deutschlands enthalten habe, da das ihm zu Gebote gestellte Material eine ausreichende Unterlage für eine sachlich gerechte Beurtheilung nicht biete. Das eine aber glaube er bewiesen zu haben, daß die von Herrn Reuß in seinem Eingangs erwähnten Borträge den jüdischen Anstalten gemachten Vorwürfe theils ganz unbegründet, theils übertrieben seien. Der Vorsitzende spricht dem Herrn Referenten für seinen sehr interessanten und fesselnden Vortrag den Dank der Versammlung aus und stellt die Frage, ob eine Diskussion beliebt werde. Die Mehrheit verlangt eine solche. — Zunächst erhält das Wort Reuß-Reustadt-Gödens. Derselbe giebt Aufschluß über die Entstehung seines Vortrages und führt bittere Klage darüber, daß die Anstalt, die er besuchte, ihn zur Ertheilung eines methodischen Religionsunterrichts nicht befähigt habe. — Seine Information, namentlich darüber, ob theoretische und praktische Methode gelehrt werde, habe er sich bei einer großen Anzahl von Lehrern geholt, die aus den bestehenden Bildungsanstalten in Deutschland hervorgegangen. In Würzburg und Cöln sei es damit noch schlecht bestellt. Er freue sich, aus dem Vortrage des Referenten entnommen zu haben, daß inzwischen vieles besser geworden sei. Die dem Hebräischen gewidmete Stundenzahl sei in einigen Seminarien ganz ungenügend. Selig-Emden bemerkt, daß er den Vortrag des Herrn Reuß, den er im vorigen Jahre in einer Spezialkonferenz im Landrabbinatsbezirk Emden gehalten, als zu kraß schildernd beurtheilt habe. Stern-Hildesheim erklärt, keine spezifisch jüdische Didaktik und Methodik zu kennen, ebensowenig, wie es eine spezifisch christliche gebe. Wenn nur die Grundsätze und Regeln der allgemeinen Didaktik und Methodik auch bei dem Unterricht in den hebräischen Fächern zur Anwendung kämen, so sei dies völlig ausreichend. Redner betont ferner, daß die erhobenen Vorwürfe das jüdische Lehrerseminar zu Cassel nicht treffen. Die Zahl der in der Hannoverschen Lehrerbildungsanstalt für das Schächtfach angesetzten Stunden findet er zu hoch, da er nicht begreife, wie zur Erlernung dieses Faches ein zweijähriger Kursus nothwendig sei. Den Unterricht in einer fremden Sprache wünscht er nicht, hauptsächlich wegen des späteren Erwerbes, sondern wegen der durch einen solchen Unterricht zu erreichenden formalen Bildung. Rabbiner Dr. Jacob-Göttingeu bemäugelt die Beschränkung der Ausführungen auf die jüdischen Fächer, die dem Thema gar nicht entspreche. Gegenüber der bezügl. Forderung des Herrn Reuß wünscht er eine Einschränkung des Rabbinischen. Die Anforderungen an den jüdischen Lehrer seien zu vielseitig, als daß er im Rabbinischen bei der gering bemessenen Zeit, die darauf verwendet werden könne, Rennenswerthes zu leisten imstande sei. Er möchte im Jnteresie der Methodik Uasc-ll! und Mischuah ausgeschieden